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Politik

„Wo bleibt eure Reue?“

Die Erwartungen an die katholische Kirche beim Umgang mit Missbrauchsfällen sind hoch. Noch fehlt eine klare Linie.

Die deutschen Bischöfe haben sich auch mit den Konsequenzen aus den Fällen sexuellen Missbrauchs auseinandergesetzt. © dpa/Friso Gentsch

Lingen. Die katholische Kirche will künftig mit unabhängigen Beratungsstellen zusammenarbeiten, um Opfern sexueller Gewalt schneller helfen zu können. Dazu suche man nach Partnern außerhalb der Kirche, sagte der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, der Trierer Bischof Stephan Ackermann, am Mittwoch in Lingen. „Das könnte ein Weg sein, auf diese Weise noch niederschwelliger zu reagieren.“

Laut Ackermann steht seine Arbeitsgruppe bereits in Kontakt mit der „Bundeskoordinierung spezialisierter Fachberatung gegen sexualisierte Gewalt in Kindheit und Jugend“. Ein solches Angebot könne es Opfern erleichtern, frühzeitig Anzeige zu erstatten, sagte er. Nach Angaben des Bischofs sind bisher wegen der Missbrauchsfälle in der katholischen Kirche rund 1 900 Anträge auf Zahlungen für „Leistungen in Anerkennung zugefügten Leids“ bei einer zentralen Koordinierungsstelle eingegangen. Sofern die Täter noch am Leben sind, sollen sie nach Willen der Bischöfe die Auszahlung der Leistung an ihre Opfer erbringen.

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Für die Erstellung eines Leitfadens für eine unabhängige Aufarbeitung der Missbrauchsproblematik habe er bereits ein Gespräch mit dem Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Johannes Rörig, gehabt, sagte Ackermann. Ein weiteres Treffen solle es bis Ende Mai geben, in dem Kriterien und Standards ausgearbeitet werden.

Nachdem bislang die Suche nach Tätern im Mittelpunkt stand, gehe es künftig auch um das mögliche Benennen von Verantwortlichen in den Bistümern und die Frage, ob eine Form von Versöhnung und Erinnerungskultur gefunden werden kann, sagte Ackermann. Für die Bistümer könne dies in die Schaffung sogenannter Wahrheitskommissionen münden. Kriterien und Standards dazu sollten ab Mai erarbeitet werden.

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Am Morgen hatte der gastgebende Bischof Franz-Josef Bode seinen Amtskollegen ins Gewissen geredet und sie zu echten Erneuerungen aufgerufen. Die Kirche könne nur dann ihre Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, wenn sie „sich in die Karten schauen lässt und transparent ist, lauter und ohne Doppelmoral“, mahnte er während des Morgengottesdienstes.

Die Meinungen über den richtigen Weg seien unter ihnen jedoch „gefährlich verschieden“. Bode zeigte sich angesichts der Missbrauchsfälle zugleich erschüttert und schuldbewusst. Er zitierte den Propheten Jona aus der Bibel mit den Worten: „Wo bleibt eure Reue?“

Die kirchenkritische Organisation „Wir sind Kirche“ zeigte sich enttäuscht von den Aussagen Ackermanns. Fast ein halbes Jahr nach Veröffentlichung der von der Bischofskonferenz in Auftrag gegebenen Missbrauchsstudie habe er in keinem wesentlichen Punkt wirklich konkrete Fortschritte vorgestellt, kritisierte sie. Ackermanns Stellungnahme bleibe deutlich hinter den Ankündigungen zurück, die der Vorsitzende der Bischofskonferenz Kardinal Reinhard Marx zu Beginn der Tagung in Lingen gemacht habe.

Marx will sich allerdings zum Abschluss der Bischofstagung am Donnerstag noch einmal zum Thema Missbrauch äußern, und da vor allem auf Grundsatzfragen eingehen, wie etwa der Zukunft des Zölibats.

Wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern, Jugendlichen und auch Ordensfrauen steht die katholische Kirche weltweit unter Druck. Am Mittwoch wurde der australische Kardinal George Pell wegen sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen zu sechs Jahren Haft verurteilt. Erst in der vergangenen Woche war Frankreichs höchster katholischer Würdenträger, Kardinal Philippe Barbarin aus Lyon, wegen Vertuschung von Missbrauchsvorwürfen zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt worden. Nach Überzeugung des Gerichts hatte er Fälle sexueller Übergriffe auf Minderjährige nicht angezeigt. Im Februar hatte Papst Franziskus die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen aus aller Welt zu einem Krisengipfel nach Rom geladen. (dpa/epd)