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Wo der Spaß aufhört

Trotz Pegida und Flüchtlingshetze zeigt die Pirnaer Schau zum Deutschen Karikaturenpreis Humor. Nicht nur schwarzen.

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Von Domokos Szabó

Pirna. Wie soll man da noch lachen können. Selbst wenn das Motto „Wir sind ein Witz“ etwas ganz anderes nahelegt, war 2015 nicht lustig. Pegida, Antiasylproteste und Straßengewalt haben dem Jahr ihren Stempel aufgedrückt. Was allgemein gegenwärtig war, galt insbesondere für die Preisverleihung zum Deutschen Karikaturenpreis im vergangenen November in Dresden. Zwei Tage vor der Feierstunde ermordeten in Paris islamistische Attentäter 130 Menschen.

Die Schau erwartet von Montag bis Freitag täglich ihre Besucher.
Die Schau erwartet von Montag bis Freitag täglich ihre Besucher. © Repro: SZ

Darf man da noch herzlich lachen, wenn auch aus einem ganz anderen Grund? „Wir haben uns kurzzeitig überlegt, ob wir die Preisverleihung so stattfinden lassen“, erinnert sich Jurymitglied Peter Ufer. Am Dienstagabend nun präsentierte der SZ-Autor in Pirna eine Auswahl jener 900 Zeichnungen, die damals an die Jury geschickt wurden. Denn die Preisverleihung fand wie geplant statt, und ebenso wenig müssen die Pirnaer dieses Jahr auf ihre jährliche Karikaturenausstellung verzichten. Schließlich: „Wir dürfen uns das Lachen nicht verbieten lassen“, so die Begründung des Jurors – ganz passend zum Tag der Pressefreiheit. Schon zur Eröffnung kamen 260 Gäste – wieder einmal mehr als im Vorjahr – und das zeigt, es darf nicht nur, ja, es will gelacht werden.

Traditionell bietet die Volksbank Pirna die Kulisse für die Ausstellung. Zu sehen ist in den nächsten Wochen unter anderem Rainer Schwalmes preisgekröntes Werk, das einen tiefen Eiblick in die Weisheit eines deutschen Beamten bietet, der einen vor ihm sitzenden Flüchtling mit folgenden Worten belehrt: „So, so, Sie werden also in Ihrer Heimat verfolgt? Ja denken Sie etwa, das wird hier anders sein?“ In etlichen Karikaturen werden Pegida und das thematisiert, was Volksbank-Chef Hauke Haensel „eine unheimliche Polarisierung der Gesellschaft“ nennt. Auf einem Cartoon spricht ein junger Demonstrant der Reporterin ins Mikro: „Diese ständigen Nazivergleiche stehen mir echt bis hier“ – und hebt die Hand ganz weit nach oben – zum Hitlergruß. Eigentliches Thema des Wettbewerbs waren aber 25 Jahre Deutsche Einheit, und so landeten viele Karikaturen zu wirklichen oder vermeintlichen deutschen Eigenarten auf dem Jury-Tisch.

So wie etwa jene Szene mit einer Schlange von drei Menschen vor einem mobilen Tante-Emma-Laden. Diese schwer hinnehmbare Zumutung zwingt den Letzten in der Schlange, laut zu fordern: „Zweite Kasse!“ Köstlich auch die Karikatur von Lilli Bravo zu preisbewussten deutschen Urlaubern. Da fällt auch dem Kellner eines Gourmetrestaurants nichts mehr ein, allenfalls das: „Zu dem von Ihnen gewählten Wein empfehle ich versalzenen Seeteufel an zerkochtem Gemüse.“

Der Deutsche Karikaturenpreis 2015 – es ist ein Jahrgang mit großer Vielfalt und etlichen Cartoons, die nicht reflexartig zum Lachen bringen, aber dafür nachdenklich machen. Genauso wie der Satz des Kabarettisten Werner Fick: „Humor beginnt, wo der Spaß aufhört.“ Der Mann wusste, wovon er redet. In den 30er-Jahren bekam er Arbeitsverbot und wurde für eine Zeit in ein KZ gesteckt.

Ausstellung zum Deutschen Karikaturenpreis bis 29. Juli bei der Volksbank Pirna, Gartenstraße 36, Montag bis Donnerstag 8.30 Uhr bis 18 Uhr, Freitag von 8.30 Uhr bis 14 Uhr, der Eintritt ist frei