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Wo die Operette zu Hause war

Freital liebte von jeher die Dresdner Operettenwelt, daran hat sich bis heute nichts geändert.

© Sammlung: Holger Naumann

Von Heinz Fiedler

Freital. Noch gibt es genügend Zeitzeugen, die das Dresdner Central-Theater nicht nur vom Hören und Sagen her kennen. Der Musentempel in der Waisenhausstraße übte auf viele Freitaler eine unglaubliche Anziehungskraft aus. Vorsichtig geschätzt, besuchte jeder dritte Freitaler jährlich wenigstens eine der täglich angebotenen Operettenaufführungen. Viele Familien ließen sich kein Weihnachtsmärchen entgehen. Das Haus der klingenden Träume existiert nun schon seit über 70 Jahre nicht mehr. Die Bühne versank in der Bombennacht vom Februar 1945 in Schutt und Asche. Wiederaufbaupläne wurden verworfen.

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Buffo Hans Hansen gehörte von 1936 bis 1944 zu den Protagonisten des Central-Theater-Ensembles. © privat
Central-Theater 1937: Finalbild von Fred Raymonds Ausstattungsoperette „Ball der Nationen“. © SZ/Archiv

Der Gebäudekomplex war architektonisch von seltener Schönheit. Nach Entwürfen der Herren Lossow und Viehweger zwischen 1897 und 1900 erbaut, präsentierte sich die bewegte, in Neobarock gehaltene Fassade als eine Stadtbildzierde. Pompös die Innenausstattung mit zwei Rängen und 1 800 Plätzen. Die geräumige, aber nicht sonderlich moderne Bühne war noch einen Meter breiter als die der Semperoper. Der mit nacktbusigen Damen bemalte Vorhang löste bei einem Teil des Publikums empörte Reaktionen aus. Es brauchte einige Zeit, ehe sich der Sturm im Wasserglas gelöst hatte. Die Damen, die mit ihren Reizen nicht geizten, behielten schließlich die Oberhand.

Prominenz in der Waisenhausstraße

Kaum zu glauben. Als um 1900 die Operette mächtigen Auftrieb erhielt, hat das heitere Musiktheater in Elbflorenz gleich einige Spielstätten. Da gibt es in der Zirkusstraße das 1872 eröffnete Residenztheater mit drei Rängen und 1 100 Plätzen. Am Albertplatz ist ab 1873 das Alberttheater (vom, NS-Regime in Theater des Volkes umbenannt) empfangsbereit. Das Thymian-Thalia-Theater, Görlitzer Straße 4–6, inszenierte in regelmäßigen Abständen Operetten und Lustspiele.

Das Central-Theater macht sich rasch einen Namen, wobei die Direktion anfangs nur auf Varietéprogramme setzt. Mit Grock, dem unvergleichlichen Schweizer Musicalclown, Meisterjongleur Enrico Rastelli und dem unverwüstlichen Couplésänger Otto Reutter kommt Prominenz in die Waisenhausstraße. Ende der 20er Jahre nimmt das Haus Operetteninszenierungen von jeweils dreimonatiger Laufzeit und Berliner Ausstattungsrevuen in den Spielplan auf. Der legendäre Tenor Richard Tauber übernimmt die Hauptrolle in Lehars „Land des Lächelns“. Sein klangvolles Geständnis „Dein ist mein ganzes Herz“ muss der gefeierte Tenor für gewöhnlich drei bis vier Mal wiederholen.

Zu den Protagonisten des hauseigenen Ensembles zählen neben der attraktiven Madeleine Lohse, Tenor Hugo-Ernst Rucker und der Komiker Rudi Schiemann. Buffo Hans Hansen gehört von 1936 bis 1944 zu den ausgemachten Lieblingen des Dresdner Publikums. Ein Muntermacher, rank, schlank, tänzerisch perfekt, dem der Charme aus jedem Knopfloch blitzt. In seinen Dresdner Jahren begeistert er u.a. in „Wiener Blut“, „Ball der Nationen“, „Glückliche Reise“, „Auf der grünen Wiese“ und „Hochzeitsnacht im Paradies“. 1948 steht Hansen in Berlin mit der bildschönen, blutjungen Sonja Ziemann im Mittelpunkt der Uraufführung der Operette „Chanell Nr. 5“ von Friedrich Schröder. Von Emmerich Kalman und Robert Stolz, als einer der ganz großen Operettendarsteller gepriesen, spielt der Buffo an allen repräsentativen deutschen Bühnen und ist Partner von Marika Rökk, Rita Paul und Johannes Heesters. Im Mai 2006 endet in München seine 96-jährige Lebensbahn. Der Künstler vermachte dem SZ-Archiv einige Central-Theater-Dokumente. In Freital bemühen sich Chorgemeinschaften und Amateurensembles um Operettenaufführungen. So kommt Ende der 20er-Jahre im Döhlener Hof Jessels „Schwarzwaldmädel“ heraus. Gesamtleitung: Kantor Kurt Hasse. Zehn gut besuchte Vorstellungen und große Zustimmung.

Vogelhändler in Döhlen

Die im Herbst 1932 in Deuben gegründete größte Theatervereinigung des Plauenschen Grundes „Hamlet“ führt in der „Alten Post“ (später Jugendklubhaus Mozartstraße) die Operette „Walzermädels“ und das Singspiel „Scheiden und meiden“ auf. Der Männergesangsverein Deuben überrascht Pfingsten 1928 in der Saisongaststätte „Zechels Höhe“ mit einem musikalischen Querschnitt durch die Künneke Operette „Vetter aus Dingsda“. Nach dem Zweiten Weltkrieg verwandelt sich der große Saal des „Goldenen Löwen“ Potschappel bis zur Währungsreform 1948 in das sogenannte Schauspielhaus des Plauenschen Grundes. Neben Opern- und Schauspielaufführungen ist die Volksoper Dresden-Gittersee mit 18 Operettenaufführungen vertreten, von „Vogelhändler“ und „Wiener blut“ bis Dostals „Clivia“ und Kollos „Wie einst im Mai“.

Lange Zeit musste sich die Staatsoperette am Rande der Elbestadt in Leuben mit einem mehr oder weniger improvisierten Dasein begnügen. Inzwischen hat das heitere Musiktheater im Kraftwerk Mitte ein großartiges, hochmodernes, neues Zuhause erhalten. Und das Erfreuliche für uns Freitaler: Das Theater ist von uns aus ohne größere Umstände zu erreichen.