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Arbeit und Bildung

Wo Wallrodas Blüten blühen

Heide und Gerald Steyer sind für ihre Kunstblumen weltbekannt. Doch dem Unternehmen fehlt ein Nachfolger.

Heide und Gerald Steyer lassen in Wallroda Blütenträume reifen.
Heide und Gerald Steyer lassen in Wallroda Blütenträume reifen. © Thorsten Eckert

Wallroda. Ein Buch könnten sie schreiben, mindestens eins. Es wäre ein buntes, ein lebendiges Buch. Mit Mut und Kreativität auf den ersten Seiten, mit vielen Kapiteln voller Arbeit und wachsendem Erfolg, mit Reisen um die halbe Welt und mit einem Neuanfang in einem Alter, in dem andere den Ruhestand vorbereiten. Es wäre vor allem ein Buch der Farbe und der Leidenschaft. Denn Heide und Gerald Steyer lieben, was sie tun. Das Ehepaar führt die gleichnamige Kunstblumenmanufaktur in Wallroda. Ein kleines Dorf bei Radeberg, reichlich 400 Einwohner, alte und moderne Häuser, die sich an schmale Straßen drängen. Zur Manufaktur geht es eine kleine Anhöhe hinauf. – Und dann ist Sommer mitten im Spätwinter. In der Schauwerkstatt blühen die Rosen ganzjährig. Tiefrote und matt-pastellige, violette und solche in sattem Herbstbraun. Fotos an den Wänden zeigen, wie sich Stoff in Blüten verwandelt und wie viele Tropfen welcher Farbe nötig sind, damit sie am Ende im richtigen Ton aus dem Farbgemisch auftauchen.

Das, was Heide und Gerald Steyer seit 50 Jahren tun, ist inzwischen kein Lehrberuf mehr in Deutschland. Umso wichtiger sind Erfahrung, Geschick, Kreativität und - Geduld. Denn wer Kunstblumen ordert, will meistens kein Bukett für die Wohnzimmervase. Bestellt wurden aber schon mal 25.000 Kamelien. Oder 960.000 Maiglöckchen. Heide Steyer kann noch mehr solcher Zahlen nennen. Der Laie staunt, die Fachfrau lächelt. Doch, das sei dann schon anstrengend gewesen. Und natürlich nicht zu zweit zu bewältigen. Die Manufaktur hatte immer einen kleinen, aber festen Mitarbeiterstamm. Dazu kamen bei Bedarf weitere Helfer. Zurzeit sind es nur noch zwei. Heide und Gerald Steyer bereiten ihren Ruhestand vor. Weit über 70 sind beide bereits. Man sieht es ihnen nicht an. „Aber man merkt es doch so langsam, so gesund und belastbar wie früher sind wir nicht mehr“, sagt Heide Steyer.

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Eintauchen in ein Blütenmeer? Bei Steyers ist das ganz einfach. Unter anderem für renommierte Modehäuser hat die Manufaktur in den vergangenen 50 Jahren viele Großaufträge umgesetzt.
Eintauchen in ein Blütenmeer? Bei Steyers ist das ganz einfach. Unter anderem für renommierte Modehäuser hat die Manufaktur in den vergangenen 50 Jahren viele Großaufträge umgesetzt. © Thorsten Eckert

Zwei Mal im Jahr hat das Paar früher die neueste Kollektion ins Auto für Paris gepackt, und für London. Dorthin ging es dann per Fähre weiter. „Was wir da unterwegs und vor allem mit dem Zoll erlebt haben, wäre auch ein Buch“, sagt die Manufaktur-Chefin und winkt ab. Auch in Chicago und New York waren Steyers. Ebenso in Dubai. Immer in eigener Sache, das heißt in Sachen der Kunstblumen. In die hatten sich beide schon als junge Leute verliebt, genau gesagt in die Pariser Seidenblumen. „Die hatte ich zum ersten Mal in Hamburg gesehen und gesagt ‚wenn wir das mit den Blumen machen, müssen es solche sein“, erinnert sich Heide Steyer. 

Die gelernte Bankkauffrau stammt aus Oldenburg, ihr Mann war noch im sächsischen Neustadt eingeschult worden - und dann gleich noch einmal in Bremen, wohin der Vater aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen worden war. Die private Geschichte der Steyers begann in Norddeutschland und führte zunächst nach West-Berlin, wo das Paar eine Kunstblumenmanufaktur übernahm, für die ein Nachfolger gesucht wurde. Es sollte später die letzte ihrer Art in der deutschen Hauptstadt sein. Sie putzten Klinken - international. So lange, bis der Kundenstamm wuchs, oft alteingesessene Firmen, mit denen Steyers jahrzehntelang zusammenarbeiteten. Mit Mitte 50 packten beide noch ein Großprojekt an. Mit der Ersteigerung des Bauernhofes in Wallroda ging es zurück zu Gerald Steyers Wurzeln. Zehn Jahre lang hat das Paar das Gut saniert. Stück für Stück, so wie Geld, Zeit und Kraft reichten.

Allein 1.500 Stanzeisen besitzt die Manufaktur, insgesamt gibt es einen ganzen Schatz handgefertigter Technik. In der Schauwerkstatt, die für angemeldete Führungen geöffnet bleibt, ist ein Teil davon zu sehen.
Allein 1.500 Stanzeisen besitzt die Manufaktur, insgesamt gibt es einen ganzen Schatz handgefertigter Technik. In der Schauwerkstatt, die für angemeldete Führungen geöffnet bleibt, ist ein Teil davon zu sehen. © Thorsten Eckert

Langsam wachsen, das Geld im Blick haben, Bodenständigkeit - das war und ist beiden wichtig. Und deshalb stieg ihnen der Erfolg auch nie zu Kopf. Als bekannt wurde, dass Steyers Rosen für die Hutmacher der Queen liefern, wurden die Medien aufmerksam auf die kleine Manufaktur. Drehteams meldeten sich in Wallroda, Heide Steyer wurde ins Fernsehen eingeladen, immer mehr Besucher kamen die hübsch eingerichtete Schauwerkstatt. Dass Steyersche Blüten im Vogue-Magazin zu sehen waren und auf Haute-Couture-Modenschauen in Paris, dass die Italiener Heide Steyer eine Professur an einer sizilianischen Modeschule angeboten haben, dass Karl Lagerfeld seiner Muse Claudia Schiffer Wallrodaer Blüten ins Haar flocht, um sie im Stil der Maler-Ikone Frida Kahlo zu inszenieren - all das wäre guter Lesestoff für das Buch der Steyers. Sie erzählen gern davon. Noch lieber würden sie aber von ihrem Nachfolger erzählen. Den sucht das Paar seit Jahren vergebens. Interessenten gab es. Aber die wollten entweder zu schnell wachsen oder hatten zwar Sinn für Design, weniger aber für die harte handwerkliche Arbeit oder das Kaufmännische. „Es hat nicht gepasst“, sagt Heide Steyer. Und dass man die Manufaktur nicht unter Wert abgeben will. Allein schon die in Jahrzehnten gesammelte Technik, die 1.500 Stanzeisen, alle handgefertigt ...

Es bräuchte jemanden, der all das zu schätzen und zu nutzen weiß. Noch ist er nicht in Sicht. Ende Mai wollen Heide und Gerald Steyer die Manufaktur ohne Nachfolger schließen. Man sieht ihnen an - es wird ein schwerer Tag werden. Später, vielleicht, wäre dann Zeit für das Buch. So bunt und lebendig wie die letzten 50 Jahre im Leben von Heide und Gerald Steyer.

www.steyer-kunstblumen.de

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