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Wohin mit alten Medikamenten?

Medizinische Reste dürfen nicht ins Abwasser und damit in die Umwelt gelangen. Doch was tun?

© Franziska Gabbert/dpa

Von Bettina Klemm

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Oh je, die Tabletten und Tropfen in der Hausapotheke sind abgelaufen, das Haltbarkeitsdatum überschritten. Wohin damit? Gunda Röstel, Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden, fordert: „Auf keinen Fall in die Toilette.“ In Dresden sei es möglich, nicht mehr benötigte Medikamente über den Hausmüll zu entsorgen, versichert Frank Siebert, Chef der Stadtreinigung Dresden. Es lohne sich auch der Weg zu den Wertstoffhöfen, dort können Pillen und Tropfen samt Verpackung kostenlos abgegeben werden. Einige Apotheken in Dresden nehmen ebenfalls Altmedikamente an. Das ist eine freiwillige Leistung. Die Apotheken zahlen für die fachgerechte Entsorgung bei der Stadtreinigung etwa einen Euro pro Kilogramm. Im vergangenen Jahr kamen in der Stadt so 6,8 Tonnen zusammen.

Nach einer Umfrage des Bundesministeriums für Bildung und Forschung wirft jeder siebente Deutsche gelegentlich seine Tabletten in die Toilette, bei flüssigen Medikamenten sogar jeder zweite. Auch wenn es meist minimale Dosen sind, macht es die Masse. Zudem wird ein Teil der eingenommenen Arzneimittel nicht abgebaut und vom Körper wieder ausgeschieden oder als Salbe direkt abgeduscht. Auch das landet im Abwasser. Dresden hat zwar eine moderne Kläranlage, aber diese ist überfordert, wenn sie Arzneimittelrückstände herausfiltern muss. „Selbst wenn wir eine vierte oder fünfte Reinigungsstufe bauen, können wir den Eintrag von Arzneimitteln in die Umwelt nicht ganz verhindern“, schätzt Röstel ein. Jede weitere Reinigungsstufe wird zudem teuer, am Ende zahlen die Bürger und Unternehmen im jeweiligen Einzugsgebiet dafür.

„Wir stehen bei einer ganzen Reihe von Fragen noch ziemlich am Anfang. Und wenn wir uns heute als Kläranlagenbetreiber mit viel Geld, hohem Energieverbrauch und neuen technischen Verfahren auf die im Umlauf befindlichen kritischen Stoffe einstellen, sind schon die nächsten am Markt“, sagt Röstel. „Wir brauchen auf dem Gebiet noch Forschung und Entwicklung und einen Dialog mit den Verursacherbereichen.“ Die Wasserwirtschaft ist zu diesem Thema auch europaweit gefragt und braucht einheitliche Richtlinien. „Was nützt es, wenn Dresden aufrüstet und die tschechischen Kollegen nicht mitziehen“, so Röstel. Klar ist jedoch schon heute, die Abwasserwirtschaft wird das Problem allein nicht lösen können. Partner sind die Pharma- und Chemieindustrie sowie die Landwirtschaft. Seit 2016 gibt es unter Führung des Bundesumweltministeriums einen breit angelegten Dialog mit ihnen. Im Frühjahr 2019 werden Ergebnisse und Empfehlungen erwartet.

In Dresden findet dieser Austausch auf lokaler und regionaler Ebene bereits seit einiger Zeit im Rahmen des Forschungsprojektes Mikromodell unter Federführung der TU Dresden statt. Dazu gehören Informationen an die Bevölkerung zum richtigen Umgang mit der Entsorgung von Altmedikamenten oder der Dialog mit Ärzten und Apothekern. Die Suche nach den richtigen Antworten drängt: Da die Bevölkerung immer älter wird, steigt auch der Verbrauch von rezeptpflichtigen Arzneimitteln. Verschiedene Szenarien gehen von einer Zunahme bis 2045 von 43 bis 69 Prozent aus. Frei erhältliche Medikamente sind da noch nicht einmal eingerechnet.

Dresdner Umweltgespräche „Medikamente im Abwasser“ am 6. November, 19 Uhr Haus an der Kreuzkirche