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Wohin mit dem kranken Kind?

Ein Vater aus Hartha fühlt sich vom ärztlichen Bereitschaftsdienst im Stich gelassen. Der klärt das Missverständnis auf.

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Von Sebastian Martin

Der Fall klingt drastisch. „Und dafür bezahle ich auch noch jeden Monat horrende Beiträge an meine Krankenkasse“, schreibt Peter Miskowiec an die SZ. In der Mail erhebt der Mann aus Hartha schwere Vorwürfe gegen das Gesundheitswesen. „Was ist eigentlich unterlassene Hilfeleistung, wenn nicht das Erlebte“, fragt er.

Es ist Freitag, der 14. Februar. Peter Miskowiec sorgt sich um seine Tochter. Die Zehnjährige liegt mit schwankenden Temperaturen, Husten und Schnupfen im Bett. Ihr Rachen ist rot und mit weißem Belag überzogen. Am Abend weiß sich der Familienvater keinen Rat mehr. Er wählt die 116117 – die bundesweit gültige Rufnummer für den ärztlichen Bereitschaftsdienst. Dieser ist zuständig für nicht lebensbedrohliche Erkrankungen, die normalerweise der Hausarzt behandelt, deren Therapie aber aus medizinischen Gründen nicht bis zum nächsten Werktag warten kann – zum Beispiel eine auftretende Grippe.

„Den Bereitschaftsdienst haben wir zuletzt vor ein paar Jahren benötigt“, sagt Peter Miskowiec. Damals sei sein Anruf in Dippoldiswalde gelandet. Am Telefon habe man ihm zunächst nach den Beschwerden gefragt und anschließend mit dem diensthabenden Arzt verbunden, der ihm zunächst einige Tipps geben und beruhigen konnte. Dann habe man sich zur Behandlung zu Hause oder in der Praxis getroffen. Alles ganz unkompliziert.

Doch an diesem Freitag werden die guten Erfahrungen nicht bestätigt. Mit wem Peter Miskowiec diesmal gesprochen hat, weiß er nicht. Wer die Nummer des Bereitschaftsdienstes wählt, wird zwar automatisch an den diensthabenden Arzt in der Nähe weitergeleitet, doch ist eine Verbindung nicht möglich, übernimmt ein Service-Center die Vermittlung. In seiner Mail an die SZ erinnert er sich aber genau an dessen Worte: „Ja, hier Bereitschaftsdienst. Welche Beschwerden, Alter, ... Was, zehn Jahre? Also noch ein Kind? Dafür sind wir nicht zuständig. Außerdem ist der diensthabende Arzt ein Psychologe“, antwortet die Person am anderen Ende. Dann lässt sie sich noch seine Nummer für einen Rückruf geben. „Toll was?“, schreibt Peter Miskowiec. „Genau in dem Moment, in dem man Hilfe braucht, wird man im Stich gelassen.“

Den Vorwurf der unterlassenen Hilfeleistung will die für den Bereitschaftsdienst zuständige Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) nicht kommentieren. Dafür habe sie nicht genug Fakten vorliegen, heißt es. Die Aussage am Telefon, dass Kinder vom ärztlichen Bereitschaftsdienst grundsätzlich nicht behandelt werden, sei aber falsch. „Es gibt keine derartigen generellen Einschränkungen“, betont Hauptgeschäftsführer Dr. Jan Kaminsky. Warum die Aussage gemacht worden sei, werde die KVS recherchieren – das Ergebnis aber nicht öffentlich auswerten. Auch dass der diensthabende Arzt ein Psychologe gewesen sei, hätte in dem Gespräch keine Rolle spielen dürfen. Denn grundsätzlich seien die niedergelassenen Ärzte aller Fachrichtungen zur Absicherung des Bereitschaftsdienstes verpflichtet, teilt die KVS mit. Und: „Jeder Mediziner hat sich im Rahmen seiner Fortbildungsverpflichtung für die Anforderungen im Bereitschaftsdienst entsprechend weiterzubilden.“

Die KVS liefert in ihrer Antwort aber indirekt eine mögliche Begründung, warum die Zuständigkeit am Telefon zunächst abgelehnt wurde. Denn sie verweist auf den kinderärztlichen Bereitschaftsdienst, den Eltern vorrangig in Anspruch nehmen sollen, um den allgemeinen Dienst zu entlasten. Für Freital und Umgebung wird dieser zentral in der Notfallpraxis an der Uniklinik in Dresden angeboten, von der Peter Miskowiec später auch zurückgerufen wurde. In dem Gespräch sagte man ihm aber nur, dass er mit seiner Tochter vorbeikommen müsse. Als Alternative nannte man ihm zudem noch das Krankenhaus Freital.

Denn in der Kinderabteilung können Eltern mit ihrem Nachwuchs in dringenden Notfällen ebenfalls jederzeit vorstellig werden. „Ein Kinderarzt ist rund um die Uhr stationär und ambulant tätig“, sagt Sprecherin Heike Klameth. Rund 450 Kinder werden im Monat ambulant behandelt – die meisten wegen Fiebers, Erbrechens oder Infektionen der Atemwege. Die Wartezeit hänge dabei von der Anzahl der Patienten und dem Gesundheitszustand ab.

Für Peter Miskowiec war am 14. Februar aber auch das keine Lösung. Denn einen Tag zuvor hatte er in der SZ gelesen, dass auf einer Station der Norovirus ausgebrochen war. Am Ende entschied er sich daher, mit seiner Tochter zu Hause zu bleiben und notfalls den Notdienst zu wählen. Den musste er aber nicht rufen. Die Nacht verlief ohne Komplikationen und am Morgen ging es der Tochter bereits deutlich besser.