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Wohnen unter Strom

Familie Bretschneider aus Medessen im Landkreis Meißen ist bereits durch eine Hochspannungsleitung und die Bahn beeinträchtigt. Nun kommt noch ein Funkmast dazu.

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© Klaus-Dieter Brühl

Von Kathrin Krüger-Mlaouhia

Medessen. Der Schmerz kommt nachts um zwei Uhr, sagt Inge Bretschneider. Dann hat die Medessenerin solche Kopfschmerzen, dass sie kaum noch schlafen kann. Auch ihr Sohn und der 15-jährige Enkel leiden unter Migräne. Aus Sicht der Rentnerin sind zwei Umwelteinflüsse die Ursache dafür: Die Hochspannungsleitung auf der einen Seite des Hauses und die neue Bahnstrecke auf der anderen Seite, nicht mal 100 Meter entfernt.

„Nun soll auch noch ein Funkmast dazukommen, dann sind wir richtig eingekeilt“, klagt Inge Bretschneider. Tatsächlich hatte der Priestewitzer Gemeinderat noch kurz vor Weihnachten 2016 ganz knapp seine Zustimmung zu einem 40 Meter hohen Antennenmast gegeben: Mit sechs Ja- und fünf Neinstimmen sowie zwei Enthaltungen. Entstehen soll er auf einer Wiese der ehemaligen Gärtnerei in unmittelbarer Nähe zur Wohnbebauung. Die Verkäufer der Wiese an die Deutsche Funkturm GmbH, Familie Quellmelz, rechtfertigten sich damit, dass ein anderer sein Land an der Bahn zur Verfügung stellt, wenn sie es nicht machen. Denn der Antennenmast ist wichtig für den Mobilfunk der Bahn entlang der ICE-Strecke Berlin-Dresden. Deshalb ist der Bau von überregionalem Interesse. Eine versagte Zustimmung der Gemeinde wäre auch ersetzt worden.

Hochspannungsleitung und Züge

Dennoch beklagen die Bretschneiders, dass sie aus dem Ort keinen Interessenvertreter im Gemeinderat haben. Denn die Familie scheint besonders elektrosensibel und anfällig zu sein. Das Quietschen stoppender Züge und die Überspannungs-Stromstöße beim Wiederanfahren merkt Inge Bretschneider eigenen Angaben zufolge körperlich. „Die Hochspannungsleitung haben wir schon seit den 70er Jahren unmittelbar hinterm Haus“, so die Rentnerin. Die ICE-Trasse, auf der aller halben Stunde Züge nach Dresden bzw. Leipzig entlang donnern, kam 2010 dazu.

Doch selbst wenn Inge Bretschneider gegen den Betreiber des Funkmastes, der als Verstärker der Handy-Funkwellen dient, klagt, wäre ihr nicht geholfen. Schon bei ähnlichen Prozessen stand am Ende immer eine Duldungspflicht. Die Betreiber müssen sich zwar an Richtwerte halten. Würden die überschritten, müsste das ein Kläger mit einem wissenschaftlichen Gutachten nachweisen. Oder eben den Nachweis unzumutbarer Belastung erbringen.

Allgemein geht man davon aus, dass die elektromagnetischen Felder um solche Masten als unwesentlich anzusehen seien. Nur elektromagnetisch sensible Menschen reagieren auf die hochfrequente Strahlung, die von Sendemasten oder Wlan-Routern und Mobiltelefonen ausgeht. Die Wissenschaft steht hier noch am Anfang. Der Medizinphysiker Lebrecht von Klitzing führte Untersuchungen zu Gesundheitsgefahren von Mobilfunkstrahlung an der Universität Lübeck durch. Von Klitzing weiß, dass unklare Beschwerden unterschiedlichste Ursachen haben können. Neben Allergien und Belastungen durch Chemikalien und weitere Schadstoffe der Umwelt kann Mobilfunkstrahlung auch eine Ursache sein, so der Strahlenexperte.

Sicher ist für von Klitzing: Elektromagnetische Strahlung beeinflusst den Körper. Die Reaktion mancher Menschen zeige sich zum Beispiel an Veränderungen des Hautwiderstands oder des Herzschlags. „Aktuelle Studien geben derzeit keinen Hinweis auf einen Zusammenhang zwischen Handystrahlung und Tumorerkrankungen“, sagt eine Sprecherin des Bundesamts für Strahlenschutz (BfS) in Berlin. Dennoch geht die Langzeitforschung vor allem der Frage nach, ob dauerhafter Kontakt mit elektromagnetischer Strahlung Krebs verursachen kann. Oft hängt das Risiko, wie bei vielen Dingen, aber von der Dosis ab. Funkmasten in der Nähe von Häusern sind sogar noch günstiger, weil die Telefone dann weniger funken müssen.

Wer wie die Bretschneiders aus Medessen glaubt, elektrosensibel zu sein, sollte zunächst gemeinsam mit seinem Hausarzt mögliche andere Ursachen für Beschwerden ausschließen. Finden sich keine anderen Quellen, empfiehlt sich der Besuch einer Umweltambulanz, die es aber in Sachsen leider noch nicht gibt. Hilfe bietet gegebenenfalls auch die eigene Krankenkasse. Schlafstörungen, Kopfschmerzen – ist der Elektrosmog schuld? Eine Antwort wird Inge Bretschneider also selbst finden müssen.