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Wohnungen oder Schulplätze?

Die Pläne für 700 Appartements an der Stauffenbergallee werden kontrovers diskutiert. Nun muss die Stadt nachbessern.

© Visualisierung: Lorenzen Architekten

Von Sarah Grundmann

Dresden wächst zwar langsamer. Trotzdem werden in den kommenden Jahren weiter Wohnungen gebraucht. Auf einem rund 7,5 Hektar großen Areal an der Ecke Stauffenberg-/Marienallee wollten Investoren 700 Appartements schaffen. Doch im Viertel haben sie es nicht leicht. Bereits bei der ersten Vorstellung der Pläne geben die Neustädter Ortsbeiräte der Stadt eine Reihe von Hausaufgaben mit. Weil die nicht erledigt wurden, heißt es jetzt: Nachsitzen. Die Politiker haben ihre Entscheidung zum Bebauungsplan vertagt. „Die Pläne müssen noch einmal grundsätzlich überarbeitet werden, bevor wir darüber entscheiden“, sagt Oliver Mehl (Grüne).

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Denn anders als bereits vor einem Jahr gefordert, wurden bei der Planung die nahe gelegenen Schulen und Kindertagesstätten nicht bedacht. „Diese benötigen für den Erhalt ihrer Betriebsgenehmigungen zusätzliche Außenflächen im nahen Umfeld“, heißt es in einer gemeinsamen Pressemitteilung von Linken, Grünen und SPD. Denn es gibt strikte Vorgaben, wie viele Quadratmeter pro Kind notwendig sind. Da die Stadt sowie die Tochtergesellschaft Drewag jeweils einen kleinen Teil des Areals besitzen, forderten die Politiker bereits vor einem Jahr, den Bedarf im Plangebiet zu berücksichtigen. Das ist allerdings nicht passiert. Ortsbeirat Mehl ist sauer: „Es war ein Jahr Zeit“, sagt er. „Wenn die Pläne nicht überarbeitet werden, müssen die Schulen schließen. Doch die Plätze werden in der Neustadt dringend gebraucht.“

Sorge um steigenden Lärm

Auch die anwesenden Vertreter der Bildungseinrichtungen waren nicht begeistert. Sie äußerten ihre Wünsche: „Die Anzahl an Turn- und Schwimmhallen für die Schulen ist in der Umgebung viel zu gering“, sagt Silke Nebe, Leiterin der Melli-Beese-Grundschule in der Marienallee. „Wir wünschen uns eine Fläche auf dem Gelände, welche als Spielplatz genutzt werden kann und auf welcher eine Turnhalle entsteht.“ Auch bei der Leiterin der benachbarten DRK-Kindertagesstätte „Haus der kleinen Entdecker“ ist der Wunsch nach einem Sportangebot im Gebiet groß. Elternvertreter der Freien Alternativschule, die sich im Norden des Areals befindet, fordern ebenfalls eine rund 1 500 Quadratmeter große Freifläche, die von den Schülern genutzt werden kann. Ob darauf eine Sporthalle entsteht, sei eine andere Frage.

Die Verkehrsführung ist den Bildungseinrichtungen ebenfalls ein Dorn im Auge. Denn damit die künftigen Bewohner zu ihren rund 840 Tiefgaragen-Stellplätzen kommen, werden zwei neue Straßen zur Stauffenbergallee angelegt. Schon jetzt sei es aber – gerade zu den Stoßzeiten – sehr gefährlich für die Grundschüler. „Die geplante Straßenführung wird in unseren Augen zu einer Verschärfung der Gefahrenquellen führen“, sagt Nebe. Zudem fürchtet die Leiterin steigenden Lärm.

Das ist auch die Hauptsorge der Bürgerinitiative „Preußisches Viertel lärmfrei“. Sie wurde in die Planungen zumindest durch eine Bürgerversammlung im September dieses Jahres eingebunden – mit wenig Erfolg, wie Regina Gerdiken sagt. „Das war wie ein Déja-vu“, so die Anwohnerin, die an der Ecke Jäger-/Forststraße lebt. „Schon beim Bau der Waldschlößchenbrücke hatte man uns gesagt, dass der Verkehr nicht zunehmen würde. Es kam anders.“ Viele Autofahrer nutzen Strecken wie die Marienallee/Forststraße als Schleichweg in die Neustadt. Das belegt auch ein Blick auf die Zahlen: Waren es 2010 noch 1 800 Autos, die täglich über die Marienallee rollten, wurden bei der bisher letzten Messung im September 2015 bereits 2 100 Fahrzeuge gezählt. Verkehrsplaner Johann Schmidt versuchte zwar viel, um die Anwohner zu beruhigen:

Mit einem Modell hat er errechnet, dass durch den Bau nur 200 Autos täglich auf der Marienallee hinzukommen, weil die meisten die Stauffenbergallee nutzen. Mm gesamten Gebiet sind es 3 700 Fahrzeuge. Somit bleibe der Anstieg gering. Und das, obwohl nicht nur an der Ecke Stauffenberg-/Marienallee ein Wohngebiet geplant ist. Auch auf dem angrenzenden Gebiet in Richtung Dresdner Heide plant ein Investor weitere 700 Appartements. Die Anwohner trauen den Berechnungen deshalb nicht, fühlen sich an die „leeren Versprechungen“ beim Bau der Waldschlößchenbrücke erinnert. Deshalb soll es im Frühjahr 2017 eine erneute Verkehrszählung in dem Gebiet geben.

„Die Situation ist verfahren“, sagt Ortsbeirat Klemens Schneider (Grüne). „Es gibt hier Interessenskonflikte, die nicht zu lösen sind.“ Mit großer Mehrheit stimmte der Ortsbeirat deshalb der Vertagung der Entscheidung zu. Die Stadt solle die Defizite ausbessern. Unklar ist allerdings, ob der Bauausschuss in einer seiner kommenden Sitzungen trotz des fehlenden Votums einen Beschluss fällt.