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Rudel braucht einen Ersatz-Papa

Der bei Weißkeißel erschossene Wolf stammt vom Daubitzer Rudel ab. Dort ist das Überleben der Jungwölfe nun ungewiss.

Von Wulf Stibenz

Noch ist ungeklärt, wer den männlichen Wolf nahe Weißkeißel erschossen hat. Das Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz bestätigt jedoch, dass „das Tier an den Folgen eines Bauchschusses verendet ist“. Ebenso bestätigt Projektleiterin Vanessa Ludwig im Kontaktbüro, dass der am 28. März bei Forstarbeiten entdeckte Wolfskadaver der Rüde des Daubitzer Rudels ist.

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„Bei der Begutachtung vor Ort wurden Verletzungen festgestellt, die den Verdacht auf einen illegalen Abschuss nahelegten“, so Ludwig. Deshalb ist die Kriminalpolizei verständigt worden und der Kadaver nach der Spurensicherung an das Institut für Zoo- und Wildtierforschung nach Berlin überstellt worden. Tragisch ist der Fall, weil der Rüde einen Bauchschuss hatte, der auch ein langes Leiden unter Schmerzen nicht ausschließt. Entsprechend groß ist die Empörung über den fünften nachweislich unnatürlichen und zielgerichteten Todesfall bei den sächsischen Wölfen in den pro Wolf orientierten Internetforen. Dort wird davon ausgegangen, dass Jäger den Wolf beschossen haben. Das allerdings ist unbewiesen. Nicht allein Jäger haben Zugang zu Schusswaffen. Der Präsident des Landesjagdverbands, Knut Falkenberg, hat schon gegenüber SZ im Fall des bei Bautzen getöteten Wolfsjünglings betont, dass es neben den Besitzern illegaler Waffen auch andere mögliche Tätergruppen gibt.

Für Markus Bathen, Leiter des Naturschutzbund-Projekts Wolf, erreicht die neuerliche Tat allerdings eine neue, negative Qualität. „Der Schuss auf einen Wolf ist irrationaler, blinder Aktionismus – der sich weit von der fachlichen und gesetzlichen Diskussion entfernt hat.“ Für ihn sei es unverständlich, wie man auf den Wolf so einen Hass entwickeln könne, dass man eine Straftat begehe. Die Schwere des Delikts bestätigt auch Vanessa Ludwig: Wölfe sind nach EU-Recht und Bundesnaturschutzgesetz eine streng geschützte Art. Hohe Geldstrafen und sogar Haftstrafen drohen dem Schützen, sollte er ermittelt werden. „Bei dem Daubitzer Rüden handelte es sich um ein genetisch besonders wertvolles Tier“, so Ludwig. Der nachweislich aus Polen zugewanderte Rüde hat den genetischen Pool der relativ eng miteinander verwandten Wölfe bereichert. Zudem ist der Tod des Rüden für das Rudel höchst gefährlich, da das Durchkommen des Nachwuchses ungewiss ist. 2013 hat das Daubitzer Rudel sieben Welpen aufgezogen. Laut Vanessa Ludwig wird das Muttertier (Fähe) Anfang Mai erneut Welpen zur Welt bringen. „Normalerweise wird die Fähe in den ersten Wochen der Welpenaufzucht durch den Rüden mit Nahrung versorgt“, so Ludwig. Es bleibe nun abzuwarten, ob einige der Jungtiere im Rudel diese Aufgabe übernehmen oder die Fähe innerhalb des nächsten Monats einen neuen Rüden finde.

Somit könnte der Tod des Vatertiers zugleich mehreren Wölfen das Leben kosten. Entsprechend weit greifen die Forderungen nach Ermittlung des Täters. Nabu-Mann Markus Bathen mahnt die Gründung einer Spezialistenabteilung an, die auf höchster polizeilicher Ebene in Sachsen – dem Landeskriminalamt – angesiedelt wäre. Auch in den Internetforen zeigt sich, dass gemäßigte und pro Jagd eingestellte Bürger über die erneut unweidmännische Art der Tötung erschrocken sind. Denn der jagdlich unfachmännische Bauchschuss steht nur an der Spitze der Vorfälle: Der zu Tode gehetzte und überfahrene Wolf nahe dem Bärwalder See hat ebenso Bestürzung ausgelöst, wie der mit Schrotkugeln gestreckte junge Wolf im Landkreis Bautzen (Lohsa) oder die für Empörung sorgenden Obduktionsergebnisse der Wölfin „Einauge“, wonach diese mehrfach mit Schrot beschossen worden ist und dabei ein Auge verlor. Durch den Kreis Görlitz wird nun Strafanzeige gegen unbekannt gestellt. Bisher liegt die Aufklärungsquote bei diesen Straftaten aber bei Null. Für Markus Bathen vom Wolfsprojekt des Nabu ist das „quasi eine Einladung an Nachahmungstäter“.