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Wunschziel Abitur

Das neue Schulgesetz erleichtert den Zugang zum Gymnasium. Das Interesse ist groß. Doch die Schulen warten noch ab.

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© nikolaischmidt.de

Von Frank Seibel

Görlitz. War das ein Gedränge! Zehn Uhr am Sonnabendvormittag, die Annenkapelle platzt aus allen Nähten. „Dann machen wir uns halt Platz“, brummt ein Vater mit breitem Kreuz und schiebt seine Tochter nach vorne. Andere Eltern sind höflicher und warten an der Schwelle zum Saal. Vor einem Jahr hätten sie hier leicht einen Sitzplatz gefunden. Da war ein Drittel der Stühle in der Aula der Annenschule noch frei, erinnert sich ein Lehrer.

Erst als nach den Auftritten von Chor und Schülerband die Kinder hinaus geschickt werden, um die vielen Angebote des Augustum-Annen-Gymnasiums beim Tag der offenen Tür kennenzulernen, erst da können alle Erwachsenen in den Saal.

Friedhelm Neumann spricht ruhig und freundlich zu den Eltern. Der Schulleiter weiß, dass dieser eine Sonnabendvormittag zu Beginn eines Jahres eine Werbeveranstaltung ist. Die beiden Gymnasien und die vier Oberschulen in der Stadt wollen jeweils möglichst viele Schüler anlocken. Das ist eine Frage der Ehre. So müsste Friedhelm Neumann eigentlich jubilieren angesichts des großen Zustroms. Aber der Schulleiter ist ein ruhiger Mann. In seinen 14 Jahren als Chef des großen Doppel-Gymnasiums hat er gelernt, abzuwarten. Abzuwarten, bis wirklich belastbare Zahlen auf dem Tisch liegen. Dann erst beginnt für den Mathematiklehrer die konkrete Planung.

Wie viele fünfte Klassen wird es im neuen Schuljahr am Augustum-Annen-Gymnasium geben? Die Frage ist immer die gleiche – und doch in diesem Jahr anders. Denn erstmals dürfen sich Eltern über die Bildungsempfehlung der Grundschule hinwegsetzen. So regelt es das neue Sächsische Schulgesetz, das damit den Elternwillen stärken möchte.

Ist der riesige Andrang beim Tag der offenen Tür also ein Vorgeschmack auf die Zukunft an den Gymnasien? Neumann stellt ganz freundlich eine Frage, die niemand beantwortet: Wer ist denn hier dabei, dessen Kind keine Empfehlung fürs Gymnasium hat? Formell kann noch niemand diese Frage beantworten. Denn die Bildungsempfehlungen werden von den Grundschulen traditionsgemäß direkt nach den Winterferien, am 1. März, an die Eltern versandt. Was darin steht, wissen die meisten allerdings längst. Denn schon in der dritten Klasse beginnen die Gespräche zwischen Lehrern und Eltern über die möglichen Bildungswege der Kinder.

Eine praktische Auswirkung hat das neue Gesetz schon jetzt. Traditionell lädt das Augustum-Annen-Gymnasium erst nach den Winterferien, also Anfang März, zum Tag der offenen Tür ein. Diesmal hat die Schule den Tag um einen Monat vorgezogen. Denn wenn Eltern nicht auf das Urteil der Grundschullehrer vertrauen und ihr Kind auf jeden Fall in Richtung Abitur bringen wollen, gibt es noch zwei Hürden, sagt Neumann. Die eine ist ein Beratungsgespräch mit der Schulleitung am Gymnasium, die andere ein Leistungstest. So einen Test gab es auch früher schon. Aber diesmal ist das Ergebnis nicht verbindlich. Wenn das Kind durchfällt, können Eltern es dennoch ans Gymnasium schicken. Diese Prozedur muss bis zum 10. März abgeschlossen sein. Also drängt die Zeit.

Kaum jemand rechnet aber bislang damit, dass es viel mehr Anmeldungen fürs Gymnasium geben wird als bislang. An den Görlitzer Grundschulen ist es selten, dass Eltern sich mit den Lehrern nicht auf eine gemeinsame Bewertung für ihr Kind einigen können. „Es kommt eher einmal vor, dass wir Eltern ermutigen, ihr Kind aufs Gymnasium zu schicken“, sagt Almut Hentschel, die Leiterin der „August Moritz Böttcher“ Grundschule in der Schulstraße. Die Bildungsgespräche mit den Eltern seien sehr intensiv: einmal in der dritten Klasse und zweimal in der vierten. Bislang zeichne sich in keiner vierten Klasse ein Konflikt zwischen Lehrern und Eltern über die Bildungsempfehlung ab.

Tatsächlich sind es nicht viele Kinder, die in den vergangenen Jahren am Leistungstest für die Aufnahme ans Gymnasium teilgenommen haben. 23 waren es voriges Jahr im ganzen Landkreis Görlitz, teilt die Sächsische Bildungsagentur mit. Nur zwei Schüler schafften die Prüfung, sagt Pressesprecherin Angela Ruscher. Formalen Widerspruch gegen ein „Nein“ zum Gymnasium hätten Eltern bislang nicht eingelegt.

Friedhelm Neumann vom Augustum-Annen-Gymnasium glaubt noch aus einem anderen Grund nicht daran, dass seine Schule von Fünftklässlern „überrannt“ wird. Es gebe große regionale Unterschiede, sagt er. Im Landkreis Görlitz sowie im Erzgebirgskreis sei der Drang aufs Gymnasium viel kleiner als in anderen Regionen Sachsens, vor allem in großen Städten. In Dresden oder Leipzig gebe es mehr Eltern, für die das Abitur auch eine Prestigefrage sei und die aus verschiedensten Gründen nicht wollen, dass ihre Kinder auf eine Oberschule gehen. Diese Einschätzung teilt auch Grundschul-Chefin Almut Hentschel.

Und die Bildungsagentur in Bautzen stellt sogar innerhalb der Oberlausitz einen Unterschied fest. Im Landkreis Bautzen machten im vorigen Jahr fast dreimal so viele Kinder einen Eignungstest fürs Gymnasium wie im Kreis Görlitz. Von 67 Mädchen und Jungen nahmen zehn die Hürde zum Gymnasium.

Die Melanchthon-Oberschule lädt am heutigen Mittwoch ab 18 Uhr zum Tag der offenen Tür ein – trotz des angekündigten Lehrerstreiks. Das Joliot-Curie-Gymnasium begrüßt Viertklässler am Donnerstag, ebenfalls um 18 Uhr.