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Yenidze-Architekt prägt Gröba bis heute

Martin Hammitzsch heiratete Hitlers Halbschwester – und war ein glühender Nazi.

© Stadtmuseum

Von André Semmisch

Riesa. Beim Blick auf die Gebäude im südlich des Hafens gelegenen Teil Gröbas kommt man an einem Namen nicht vorbei: Dr. Martin Hammitzsch. Der sächsische Architekt zeichnet sich für viele Gebäude, die Anfang des 20. Jahrhunderts in der Gemeinde Gröba entstanden sind, verantwortlich. Das aufstrebende Handwerk und Gewerbe und die wachsende Großindustrie führten in dieser Zeit zu einem starken Bevölkerungswachstum. 1900 zählte man bereits 3 723 Einwohner, etwa das Achtfache im Vergleich zur Mitte des 19. Jahrhunderts.

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Dr. Martin Hammitzsch flog wegen der Yenidze aus dem Architektenbund.
Dr. Martin Hammitzsch flog wegen der Yenidze aus dem Architektenbund. © Stadtmuseum
Die 1909 fertiggestellte Yenidze war im barocken Dresden ein Skandal.
Die 1909 fertiggestellte Yenidze war im barocken Dresden ein Skandal. © PR

1901 entstand nördlich des Hafens das Gemeindeamt, das ein Jahr später auch die Post beherbergte. Doch die Entwicklung setzte sich im Süden fort. Hier entstand das neue Zentrum Gröbas um den Friedrich-Ebert-Platz herum, den damaligen Georgplatz. Das Ensemble zeigte schon städtische Merkmale. Zentrales Bauwerk war die 1908 eingeweihte neue Schule, die unter der Leitung von Martin Hammitzsch gebaut wurde: das heutige Werner-Heisenberg-Gymnasium. Der Architekt war die zentrale Figur für die Süderweiterung Gröbas. Unter ihm entstanden zahlreiche Gebäude. Seine fachliche Arbeit wird unbestritten anerkannt. Sein politisches Wirken muss man dagegen kritisch hinterfragen.

Am 22. Mai 1878 wurde Hammitzsch als Sohn des Baumeisters Heinrich Hammitzsch geboren. Bis 1898 studierte er an der Königlichen Gewerbeschule Chemnitz und danach bis 1901 an der Technischen Hochschule Dresden. Nach dem Studium verbrachte er einige Zeit als Assistent des Architekten und Kunsthistorikers Cornelius Gurlitt, machte sich aber schnell selbstständig und nutzte seine Lehrtätigkeit in Nürnberg für seine Promotion. Er kehrte 1905 als Architekt nach Dresden zurück und verwirklichte bis 1909 seinen wohl bekanntesten Bau: die Zigarettenfabrik Yenidze. Es war der erste komplett in Stahlbeton ausgeführte Industriebau Europas – und umstritten. Das Projekt führte wohl wegen des politisch unliebsamen Bezuges zu einer Moschee in Kairo zum Ausschluss Hammitzschs aus dem Architektenbund. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er neben seiner Tätigkeit als Architekt auch Kommunalpolitiker. Bis 1933 war er Mitglied der Deutschnationalen Volkspartei und danach der NSDAP. 1936 heiratete er die Halbschwester von Adolf Hitler, Angela Raubal, und wurde 1938 als Regierungsdirektor und Leiter der Bauabteilung in das sächsische Innenministerium berufen, wo bereits 1939 seine Ernennung zum Ministerialrat erfolgte.

Elternhaus in der Kastanienstraße

Nach Kriegsausbruch diente Hammitzsch bis 1943 in der Wehrmacht, wurde dann aber entlassen, um die Abteilung Technik der Sächsischen Landesregierung zu leiten. Auf der Flucht vor den sowjetischen Truppen nahm er sich 1945 in der Nähe von Oberwiesenthal das Leben. Sein Vermögen wurde erst unter Zwangsverwaltung der sowjetischen Militäradministration gestellt und später verstaatlicht.

Sein Wirken als Architekt kann man in Gröba heute noch betrachten. Neben dem schon genannten Gebäude des Werner-Heisenberg-Gymnasiums gehören Ein-, Zwei- und Mehrfamilienhäuser auf der heutigen Heinrich-Lorenz-Straße dazu. Weiterhin zeichnet er sich für den Bau der Baumwollspinnerei verantwortlich, die in den Jahren 1995/96 abgerissen wurde. Zu sehen sind noch das Ärztehaus am Kutzschenstein, das Hammitzsch 1910 als Verwaltungsgebäude für den Elektrizitätsverband Gröba baute, und die Gebäude des ehemaligen Rittergutes in Gröba, die er ab 1921 ebenfalls für den Elektrizitätsverband umbaute und ihnen so seine Handschrift verlieh.

In der Kastanienstraße ist ein besonderes Werk Hammitzschs zu entdecken. Hier baute er um 1910 ein Haus für seine Eltern. Mit seinem weit heruntergezogenen und weit vorgekragten Mansardendach weicht es stark vom sonst üblichen Baustil in der Gegend ab. Auch die Inschrift auf einer Steinplatte an der Straßenseite des Hauses weist auf diese Besonderheit hin. „Ich kehre mich nichts dran und lass die Leute klügeln, wer kann denn jedermann das lose M. verriegeln.“, ist dort zu lesen.