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Zählung für die Tonne

Mit einer fragwürdigen Methode und einer laxen Durchführung will Pegida den Beweis für geschönte Teilnehmerzahlen erbringen. Doch das geht gründlich schief.

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© Christian Essler

Dresden. Seit Monaten gibt es bei den Demonstrationen des Bündnisses Pegida in Dresden Streit um die Teilnehmerzahlen. Die Organisatoren um Chef Lutz Bachmann gehen dabei stets von höheren Werten aus als die Polizei.

Damit sollte an diesem Montagabend endlich Schluss sein: Lutz Bachmann wollte, dass jeder Teilnehmer des sogenannten Abendspaziergangs eine Münze in eigens dafür aufgestellte Tonnen einwirft. Damit bei dieser Methode auch nichts schief läuft, überwachte Rechtsanwalt Jens Lorek den Vorgang. Lorek ist kein gänzlich Unbekannter: Im Jahr 2006 machte er mit der Ankündigung, Opfer von Entführungen durch Aliens juristisch beizustehen, international Schlagzeilen. Anwalt Lorenz, der früher mal stellvertretender PDS-Vorsitzender in Dresden und später bei der Partei Pro-D-Mark war, zählt nach eigenen Angaben mit einem Team außerdem regelmäßig die Teilnehmer bei Pegida-Veranstaltungen. Von ihm stammten die Zahlen, die die Islamkritiker jede Woche veröffentlichen.

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Doch der Plan ging nicht auf. Ausgerechnet in dem Moment, als der Anwalt dem Boulevard-Portal Mopo 24 ein Videointerview gab, warf eine Pegida-Anhängerin gleich mehrere Münzen in die Zähltonne ein. Auch das zeigt der Clip. Anwalt Lorek sagt später auf Anfrage, dass die Dame Betreuerin von behinderten Kundgebungsteilnehmern sei.

Irrtümlich verwendetes MDR-Zitat und ein gelöschtes Posting

Eine SZ-Reporterin beobachtete für den sz-online-Liveticker kurz nach 20 Uhr mehrere Teilnehmer, die der Aufforderung Bachmanns, nur eine Münze einzuwerfen, gar nicht nachkamen oder an den Tonnen vorbeigingen. Doch trotz der offensichtlich nicht richtig funktionierenden Zählmethode berichtete Pegida gegen 20.30 Uhr auf seiner Facebookseite von 18 000 Spaziergängern. Zu diesem Zeitpunkt waren weder Münzen gezählt worden noch alle Pegida-Teilnehmer von ihrem Marsch zurück zum Kundgebungsort am Altmarkt gekommen. Das Posting wurde anschließend wieder gelöscht, liegt sz-online aber als Screenshot vor. Noch auf der Kundgebung erklärte Bachmann, es habe mit den Tonnen nicht so geklappt wie gewünscht - es seien „viele einfach daran vorbeigegangen“.

Wie der mit der Zählung beauftragte Jens Lorek gegenüber sz-online am Dienstag erklärte, habe er zu Beginn der Veranstaltung 12 000 bis 13 000 Menschen erfasst - und zwar mit drei verschiedenen professionellen Methoden. Er sei schließlich nicht nur Anwalt, sondern zu DDR-Zeiten auch Ingenieur gewesen.

Dem nun schon ohnehin unübersichtlichen Zahlenwust setzte Lutz Bachmann am Montagabend die Krone auf. Der Pegida-Chef referierte, dass der Mitteldeutsche Rundfunk von 15 000 Menschen auf dem Altmarkt schreibe. Dabei übersah er jedoch, dass sich die MDR-Meldung auf eine Pegida-Veranstaltung im Dezember 2014 bezog.

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Montag - und wieder demonstrierte Pegida in der Innenstadt. Am Altmarkt startete der 19. Abendspaziergang. sz-online.de berichtete im Ticker.

Am Dienstag ließ Lutz Bachmann dann dennoch in einer Sparkassen-Filiale auszählen. Was so alles in den Tonnen landete, ist auf Facebook-Fotos zu sehen: ein Kondom, in- und ausländische Münzen, Bonbons, ein kleiner Schlagring, Feuerzeuge. Eine aufschlussreiche Teilnehmerzahl gibt es trotzdem nicht. Anwalt Lorek gibt bekannt, dass 3 435,05 Euro in Münzen und Scheinen in den Tonnen landeten. Das Geld soll dem Tierheim in Meißen zugutekommen und am Mittwoch übergeben werden. Was mit Kondom, Bonbons und Schlagring passiert, ist nicht bekannt.

Die Polizei teilte ihre Teilnehmerzahl übrigens noch am Montagabend mit: Es waren 7 700. (szo)