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Zankstelle Tankstelle

Aus verletzter Eitelkeit stellt ein Autofahrer einen anderen zur Rede. Es bleibt nicht beim Austausch von Worten.

© Michael Probst

Von Jürgen Müller

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Meißen. Da sind wohl zwei männliche Alphatiere im Straßenverkehr aufeinandergetroffen. Weil ein 50-Jähriger auf der B 101 zwischen Großenhain und Meißen nahe Priestewitz von einem anderen überholt wurde, rastete er aus. Der folgte dem Auto seines Kontrahenten, fuhr diesem hinterher bis an eine Tankstelle in Meißen. Dort wollte er ihn „zur Rede stellen“.

Doch gesprochen wurde wohl eher weniger. Er soll den anderen Mann am Hals gepackt, zugedrückt und mit voller Wucht gegen eine Tanksäule geworfen haben. Der Geschädigte biss sich dabei auf einen Zahn, der daraufhin abbrach. Wegen Körperverletzung sitzt der Mann aus der Nähe von Großenhain nun vorm Meißner Amtsgericht. Er verteidigt sich, dass der andere die ganze Zeit über massiv gedrängelt und mehrfach versucht habe, trotz Gegenverkehrs zu überholen. Das wäre lebensgefährlich gewesen, ihm hätten „die Nackenhaare zu Berge gestanden“.

An der Tankstelle habe er sich nur verteidigt, denn der Mann wäre auf ihn zugegangen, habe gesagt, dass er mal Polizist gewesen sei. „Ich habe ihn nur von mir weggeschubst“, sagt der Angeklagte, doch dabei sei der Geschädigte nicht gegen die Zapfsäule geflogen. Der Mann habe vor seinem Auto gestanden und sich dabei an die Tanksäule gelehnt, so der 50-Jährige.

Weil Tankstellen nun mal videoüberwacht sind, wurde die Aktion zumindest teilweise gefilmt. „Nach Verteidigung sieht das nicht aus, was hier zu sehen ist“, sagt Richter Michael Falk, nachdem sich alle Beteiligten das Video der Überwachungskamera angesehen haben. Und Freundlichkeiten wurden auch nicht gerade ausgetauscht.

Dennoch spricht Verteidiger Jörg Krug von einer „maßlosen Übertreibung“. Er möchte den Spieß umdrehen, unterstellt dem Geschädigten eine Straftat. So wie der sich verhalten habe, sei das eine Gefährdung des Straßenverkehrs gewesen, sagt er. Die Situationen seien lebensgefährlich gewesen. Dass sein Mandant dennoch keine Anzeige gemacht hat, darüber wundert sich nicht nur der Richter. Der Verteidiger möchte jedenfalls erreichen, dass das Verfahren gegen seinen Mandanten eingestellt wird.

Doch da spielt der Staatsanwalt nicht mit. Er will auf jeden Fall den Geschädigten anhören, um sich eine Meinung bilden zu können. Der ist zwar als Zeuge geladen, aber nicht erschienen. Also setzt das Gericht einen Fortsetzungstermin an, lädt den Zeugen diesmal mit Zustellungsurkunde. Doch auch zum zweiten Termin kommt der Mann nicht. Ohne ihn kann jedoch kein Urteil gesprochen werden.

So stellt das Gericht das Verfahren wegen geringer Schuld doch ein. Ganz ungeschoren kommt der Angeklagte aber nicht davon. Weil auf dem Video zu sehen ist, dass es einen Vorfall an der Tankstelle gab, muss er eine Geldauflage von 500 Euro zahlen. Da kommt er immer noch deutlich besser als mit dem Strafbefehl. In diesem wurde er zu einer Geldstrafe von 1 600 Euro verurteilt. Diese ist jetzt vom Tisch.

Zahlt der Mann die 500 Euro, wird das Verfahren endgültig eingestellt. Die Auseinandersetzung ist damit aber noch lange nicht beendet. Denn mittlerweile hat der Angeklagte nun gegen den Zeugen Anzeige wegen Gefährdung des Straßenverkehrs erstattet. Leicht möglich also, dass sich die beiden Streithähne doch noch vor Gericht sehen, und das wegen einer völlig unnötigen, sinnfreien Tat aus verletzter Eitelkeit.