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Zeitreise ins Jahr 1810

Ein Heidenauer baut Pirnas Rathaus nach, fast wie Canaletto es sah. In dem Modell steckt viel Forscher-Arbeit.

© Daniel Schäfer

Von Christian Eissner

Pirna. Die erste E-Mail von Rainer Dierchen erreicht die SZ-Redaktion im Dezember 2017. Er habe beschlossen, schreibt der Heidenauer Modellbauer, das Pirnaer Rathaus nachzubauen, so wie der Maler Canaletto es Mitte des 18. Jahrhunderts gesehen hat, und zwar im Modellbahn-Maßstab 1:87. Ein halbes Jahr, ungezählte Arbeitsstunden und ein gutes Stück Forschungsarbeit später ist das Modell jetzt fertig.

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In der kleinen Stadt in der Oberlausitz gibt es ein Archiv, das weltweit seinesgleichen sucht und nun mithilfe der TU Dresden/TUD zugänglich wird.

Das Modell

Die Figuren rund ums Rathaus-Modell sind dem Canaletto-Gemälde entnommen.
Die Figuren rund ums Rathaus-Modell sind dem Canaletto-Gemälde entnommen.
Der Blick von oben zeigt gut den kleinen Innenhof zwischen Hauptgebäude und dem eingeschossigen Anbau der Fleischbänke
Der Blick von oben zeigt gut den kleinen Innenhof zwischen Hauptgebäude und dem eingeschossigen Anbau der Fleischbänke
An der Nordost-Ecke ist noch der Eckpavillon zu sehen, der später abgebrochen wurde.
An der Nordost-Ecke ist noch der Eckpavillon zu sehen, der später abgebrochen wurde.
Die Hauptvorlage bildete Canalettos Gemälde „Der Marktplatz zu Pirna“, das um 1753 entstand.
Die Hauptvorlage bildete Canalettos Gemälde „Der Marktplatz zu Pirna“, das um 1753 entstand.
Eine der wenigen historischen Rathaus-Ansichten, an denen sich Rainer Dierchen orientieren konnte.
Eine der wenigen historischen Rathaus-Ansichten, an denen sich Rainer Dierchen orientieren konnte.

Forschungsarbeit, weil Canalettos Pirnaer Marktansicht von 1753 nur die Süd- und die Westseite des Rathauses zeigt. Die Nordseite mit den Fleischbänken und die Ostseite sind auf keiner der Stadtansichten des berühmten venezianischen Vedutenmalers dokumentiert. „Es gibt tatsächlich nur ein paar ganz wenige Stiche und Zeichnungen aus jener Zeit, die Rückschlüsse auf das Aussehen des Gebäudes erlauben“, sagt Rainer Dierchen. Die allerdings genügten ihm. Das Haus tatsächlich maßstabsgerecht nachempfinden zu können, dabei halfen ein auf einem Stadtplan von 1756 verzeichneter Rathaus-Grundriss und natürlich die Tatsache, dass der wichtigste Teil des Gebäudes heute noch steht.

„Ich liebe den Pirnaer Marktplatz, und das Rathaus ist für mich sowieso ein Juwel“, begründet Rainer Dierchen seine Wahl. Den letzten Anstoß, mit dem Modell zu beginnen, gaben ihm die kleinen Geschichten über Pirnaer zur Canalettozeit, die im Advent 2017 jeden Tag in der SZ erschienen. Die Arbeit begann mit weißen Polystyrol-Platten und Profilen, zuerst die Grundformen der Gebäude, dann die Details, schließlich die Dächer, Farbgebung und Figuren. Das Schwierigste sei gewesen, die Fledermausgauben des langgestreckten, flachen Anbaus zu formen, in dem sich die sogenannten Fleischbänke befanden. Eine Sisyphos-Arbeit, bei der jeder winzige Ziegel einzeln geklebt wurde, denn es gibt keinerlei vorgefertigten Dachziegelplatten dafür im Modellbaubedarf.

Das Betrachten des Modells lehrt viel Stadtgeschichte. Die erwähnten Fleischbänke zum Beispiel: In dem eingeschossigen Anbau am Rathaus durften die Fleischer der Stadt ihre Waren verkaufen – und nur dort. Dass sich der Verkauf direkt am Rathaus befand, hatte vor allem zwei Gründe: Zum einen konnte der Rat so kontrollieren, dass die Ware frisch war und keine Gesundheitsrisiken für die Bevölkerung barg. Zum anderen legten nicht die Fleischermeister selbst, sondern der Stadtrat die Preise für die Fleischwaren jeden Tag aufs Neue fest. So stellte der Rat sicher, dass alle ortsansässigen Fleischer ihr Auskommen hatten und keiner mit besonders günstigen Angeboten die Konkurrenz ausstach. Auch die Bäcker und die Tuchmacher verkauften im Rathaus, das damals viel mehr Teil des Marktgeschehens war und viel weniger Verwaltungsgebäude als heute. Der Stadtrat selbst hatte seinen Beratungsraum unterm Dach, und der jeweilige Bürgermeister führte die Stadt-Geschäfte üblicherweise von zu Hause aus.

Ein bisschen künstlerische Freiheit hat sich übrigens auch der sehr korrekt arbeitende Modellbauer genommen. Rainer Dierchen datierte sein Modell letztlich doch nicht in die Canalettozeit, sondern ins Jahr 1810, also ein halbes Jahrhundert später. Auf der Ostseite des Gebäudes ist da schon der Treppenturm abgebrochen, der zuvor der einzige Zugang in die oberen Geschosse war, ebenso die Galerie am Erdgeschoss. Stattdessen sind die Portale zu sehen, die auch heute noch die Ostansicht prägen. Das Modell, sagt Rainer Dierchen, zeige damit, dass es am Rathaus mehrere große Umbauphasen gab, eine davon Anfang des 19. Jahrhunderts.

Ursprünglich, sagt der gelernt Gießerei-Modellbauer, habe er vorgehabt, den gesamten Pirnaer Marktplatz mit den umliegenden Bürgerhäusern zu gestalten. „Dann habe ich aber eingesehen, welche Dimensionen das annehmen würde.“ So konzentriert er seine Bastel-Leidenschaft jetzt lieber auf das nächste markante Einzelgebäude, die Kirche „Maria am Wasser“ in Dresden-Hosterwitz. Im Oktober möchte der 70-Jährige sein Pirnaer Rathaus auf der Modellbaumesse in Leipzig ausstellen. Würde er es auch einmal in Pirna zeigen? „Selbstverständlich“, sagt Rainer Dierchen. Vielleicht ja sogar im Rathaus.