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Zerstörungswut im Vollrausch

Zwei junge Männer haben knapp 50 Autos mutwillig beschädigt. Der Erste hat jetzt sein Urteil bekommen – und das ist nur sein geringstes Problem.

© Archiv/Sebastian Schultz

Von Eric Weser

Gröditz. Die beiden Männer sehen aus, als könnten sie keinem etwas zuleide tun. Und doch sollen sie für eine massive Verwüstung verantwortlich sein: An zahlreichen Pkws sollen sie Scheiben zerschlagen, Seitenspiegel abgetreten Kratzer und am Lack verursacht haben. So geschehen in einem Gröditzer Plattenbaugebiet, das als „Musikerviertel“ bekannt ist. Im April 2015 sorgte das Ausmaß der nächtlichen Auto-Zerstörungen über die Röderstadt hinaus für Aufsehen. Nur wenige Tage nach dem Vorfall stellten sich die Täter bei der Polizei und gestanden – da waren ihnen die Ermittler schon auf den Fersen.

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Herbert Zapf, Amtsgerichtsdirektor und Vorsitzender.
Herbert Zapf, Amtsgerichtsdirektor und Vorsitzender. © Archiv/Sebastian Schultz

Am Freitag wurde den 17- und 18-Jährigen der Jugendstrafprozess vor dem Riesaer Amtsgericht gemacht. Die Staatsanwaltschaft warf den beiden vor, gemeinschaftliche Sachbeschädigung in 48 Fällen begangen und einen Gesamtschaden von etwa 46 000 Euro verursacht zu haben.

Erste bittere Konsequenz

Zu den eigentlichen Taten konnten die beiden Angeklagten wenig sagen. Und auch ein Motiv zu nennen, fiel ihnen schwer. Sie gaben unterdessen zu, in der fraglichen Nacht Autos im Musikerviertel demoliert zu haben. An einige davon konnten sie sich auch noch erinnern: Dass sie Scheiben eines weißen Mercedes-Transporter und eines roten Peugeots einschlugen und Seitenspiegel abgetreten hatten, zum Beispiel. Und, dass sie das Wort „Penis“ in den Lack geritzt hatten. Doch dann setzte bei dem Duo die Erinnerung aus – und erst am Morgen nach dem Aufwachen wieder ein. „Ich hab’ gemerkt, dass meine Hand wehtut“, so der jüngere Angeklagte. Mit ihr hatte er die Auto-Scheiben eingedroschen.

Bei dem, was zuvor passiert war, hatten die Angeklagten keine großen Erinnerungslücken: In der Wohnung eines gemeinsamen Kumpels hatten sie ganz in der Nähe ihren Geburtstag nachgefeiert. Der eine Angeklagte war erst wenige Tage zuvor volljährig geworden, der andere 17 Jahre. Zwischen Partybeginn und -ende sei viel Alkohol geflossen: ein Kasten Bier und eine Flasche Likör pro Person. Als sich die feucht-fröhliche Partygesellschaft kurz nach Mitternacht auflöste, machten sich der 17- und der 18-Jährige auf zum Streifzug durch Gröditz. Bei dem trafen sie auf zwei Asylbewerber, die sie am Abend beim Einkaufen kennengelernt hatten. In deren Unterkunft habe man zusammen eine Flasche Rum geleert. Gegen zwei Uhr nachts verabschiedete sich das Duo aus der Asyl-Unterkunft. Dann begann der zerstörerische Abschnitt des Abends.

Der hat für den älteren Angeklagten bereits eine bittere Konsequenz: Weil sein Ausbildungsbetrieb Wind von den Vorwürfen bekommen habe, sei er seine Lehrstelle los, sagte der 18-Jährige. Er bereue die Tat sehr. Auch zivilrechtlich ist bei den jungen Männern wegen ihrer Taten schon einiges aufgelaufen: Versicherer und Geschädigte hätten bereits Forderungen angemeldet. Anwaltskosten und Zinsen eingerechnet könnte es sein, dass etwa das doppelte des ermittelten Schadensbetrages auf die jungen Männer zukommt, so ein Verteidiger. Finanziell dürfte das Vergehen für beide eine Bürde bleiben – über viele Jahre.

Keine Gefängnisstrafe

Erkennt der 18-Jährige indes das Urteil aus der Verhandlung vom Freitag an, könnte die Sache zumindest strafrechtlich für ihn schon deutlich eher aus der Welt sein. Denn das Jugendschöffengericht verurteilte den 17-jährigen Angeklagten zu 150 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

Gleich mehrfach verteidigte der Vorsitzende in der Urteilsbegründung das vermeintlich zu geringe Strafmaß. „Für Außenstehende wird es schwer verständlich sein, dass hier die Härte des Gesetzes nicht unerbittlich zuschlägt.“ Laut Jugendstrafrecht könne aber nur bei besonderer Schwere der Schuld eine Gefängnisstrafe verhängt werden – etwa bei Tötungsdelikten oder gravierendem Raub.

Diese Voraussetzungen seien nicht gegeben. „Es trifft natürlich die Betroffenen schwer“, so Herbert Zapf. Im Jugendverfahren gehe es aber darum, „was erzieherisch notwendig ist, um den Angeklagten den richtigen Weg zu weisen.“ Auf dem befinden sich nach Ansicht des Gerichts sowohl der 17- als auch der 18-Jährige, die beide zwar keine Musterknaben sind, aber eben auch keine kriminelle Vergangenheit haben. Der ältere, aufgewachsen in einer sehr kinderreichen Familie, hat Aussichten, seine Ausbildung fortsetzen zu können. Dem jüngeren bescheinigen Ämter und Betreuer ebenfalls positive Aussichten – gerade in letzter Zeit habe er einen echten „Entwicklungsschub“ durchgemacht. Die Schulnoten seien gut, er schwänze nicht mehr.

Ein Gerichtsurteil für den 17-Jährigen steht unterdessen noch aus. Sein Verfahren wurde abgetrennt. Hintergrund ist, dass der Schüler krank ist und starke Medikamente nimmt. Ein medizinisches Gutachten soll zeigen, inwieweit das Zusammenspiel aus Arznei und Alkohol sich auf seine Schuldfähigkeit ausgewirkt haben könnte.