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Zeuge redet sich um Kopf und Kragen

Der Prozess gegen einen Rüpel wirft kein gutes Licht auf die Staatsschutz-Ermittler.

Von Alexander Schneider

Ein Libyer, der angeblich an einer Haltestelle von vier Rassisten angegriffen wurde, hat den Ermittlern des Operativen Abwehrzentrums (OAZ), Sachsens Spezialeinheit zur Verfolgung politisch motivierter Straftaten, ordentlich die Taschen vollgelogen. Offensichtliche Widersprüche – der Mann hatte in drei Polizei-Vernehmungen jeweils unterschiedliche Angaben gemacht – erregten nicht den Verdacht der Beamten. Auch als ein Rechtsmediziner zwei Tage nach der angeblichen Tat keinerlei Verletzungen am vermeintlichen Geschädigten diagnostizierte, ließ das die Polizisten kalt.

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Vier Sitzungstage lang hat das Amtsgericht Dresden nun gegen Kay H. verhandelt, einen 32-jährigen Rüpel mit einem Dutzend Vorstrafen. H. und drei Mittäter sollen den Libyer an einem Sonntagabend im Januar dieses Jahres angeblich zusammengeschlagen haben. Im Prozess präsentierte der Libyer als Zeuge eine vierte Version des Angriffs. Erst da wurde jedoch bekannt, dass der angeblich 24-jährige Mann weit älter sein muss, unter verschiedenen Alias-Namen auftritt und mehrfach vorbestraft ist. Er könnte um die 40 Jahre alt sein, schätzte ein Staatsanwalt. Komisch, dass dies nicht schon früher Ermittlern zumindest merkwürdig vorgekommen ist.

Wegen dieser Widersprüche hat das Schöffengericht den Zeugen zum letzten Prozesstag erneut geladen, um ihn nochmals zu vernehmen. Doch der Mann ist untergetaucht. Von ihm fehlt nun jede Spur.

Neben dem – angeblich auch fremdenfeindlich motivierten Angriff auf den Asylbewerber – hat Kay H. laut Anklage im Januar den Reifen eines 74-jährigen Autofahrers platt gestochen, der auf einem Netto-Parkplatz in der Friedrichstadt auf Stellplatzsuche war. Ein Zeuge sah die Auseinandersetzung und filmte den Täter, woraufhin H. ihm die Brille vom Kopf gerissen habe. Später habe H. ihn nochmals getreten und „Heil Hitler“ gerufen. H. selbst gab diese Vorwürfe zu und sagte, er habe Angst gehabt, dass sein Hund von dem Autofahrer angefahren werde.

Das Gericht verurteilte den Angeklagten wegen Sachbeschädigung, Körperverletzung und für den Hitlergruß zu sieben Monate Haft ohne Bewährung. H. sei Bewährungsbrecher, sagte Richter Markus Maier. Dem Angeklagten droht der Widerruf der früheren Haftstrafen. Vom Vorwurf, den Libyer verletzt zu haben, wurde der Angeklagte jedoch freigesprochen.