merken

Zeugen der Postgeschichte

Meilensteine gaben im 19. Jahrhundert die Entfernung zum nächsten Ort an. In Strehla sind noch einige erhalten.

© Frank Ringleb

Von Frank Ringleb

Riesa/Strehla. Zu einer Zeit, da man weder das Meter- und demzufolge auch keine Kilometermaße kannte, wurden die sogenannten Meilensteine an wichtigen Straßen in ganz Sachsen errichtet. Warum eigentlich? Bisher gab es an kursächsischen Postkursen Meilensäulen mit Entfernungsangaben in Stunden mit Brucheinteilung und in Städten, die an solchen Straßenverbindungen lagen, kursächsische Distanzsäulen mit weiterreichenden Entfernungsangaben.

TOP Veranstaltungen
TOP Veranstaltungen
TOP Veranstaltungen

Was ist los in Sachsen und Umland? Wo gibt es was zu erleben? Unsere Top-Veranstaltungen der Woche!

Die Inschriften auf den Meilensteinen an der Gröbaer (Foto) und Oschatzer Straße sind mittlerweile nur noch schwer zu entziffern. Beide wurden als Ortseingangsschilder umfunktioniert. Ein weiterer Stationsstein an der Oschatzer Straße wurde als Zaunsäule
Die Inschriften auf den Meilensteinen an der Gröbaer (Foto) und Oschatzer Straße sind mittlerweile nur noch schwer zu entziffern. Beide wurden als Ortseingangsschilder umfunktioniert. Ein weiterer Stationsstein an der Oschatzer Straße wurde als Zaunsäule © Frank Ringleb
Die Inschriften auf den Meilensteinen an der Oschatzer (Foto)  und Gröbaer Straße sind mittlerweile nur noch schwer zu entziffern. Beide wurden als Ortseingangsschilder umfunktioniert.
Die Inschriften auf den Meilensteinen an der Oschatzer (Foto) und Gröbaer Straße sind mittlerweile nur noch schwer zu entziffern. Beide wurden als Ortseingangsschilder umfunktioniert. © Frank Ringleb
Blick in die Vermessungsakte: Das Kreuz mitten auf dem Strehlaer Marktplatz ist Ausgangspunkt der Messung.
Blick in die Vermessungsakte: Das Kreuz mitten auf dem Strehlaer Marktplatz ist Ausgangspunkt der Messung.

Eine solche Distanzsäule von 1729 steht heute noch auf dem Strehlaer Markt. Wenn man über Strehlas Postgeschichte etwas erfährt, dann höchstens zu dieser Säule; und die zeigt sich heute in einem erbärmlichen Zustand. Es gibt in Strehla aber noch andere Zeugen der Postgeschichte – die königlich-sächsischen Meilensteine.

Die kursächsischen Entfernungsangaben waren um 1840 nicht mehr zeitgemäß. Aufgrund zahlreicher kriegerischer Auseinandersetzungen, dem Wachstum der Städte, dem Chausseebau und den Gebietsabtritten Sachsens nach dem Wiener Kongress 1815 sowie der Einführung neuer Entfernungsmaße musste ein neues Leitsystem entstehen. So wurden ab 1859 königlich-sächsische Meilensteine an den sächsischen Postkursen mit Entfernungsangaben in Meilen aufgestellt. Eine sogenannte kleine Meile entsprach ab dem Jahr 1840 einer Strecke von 7,5 Kilometer.

Um die exakten Entfernungen zu ermitteln, mussten die Straßen neu vermessen werden. Das geschah abschnittsweise nach Postkursen. Danach wurden dann diese Steine, es gab dabei eine Unterteilung in Halbmeilen-, Ganzmeilen-, Abzweig- und Stationssteine, errichtet. Die Kosten dafür übernahm der Staatsfiskus.

In Strehla wurden nur zwei Stationssteine an den ankommenden Postkursen von Riesa beziehungsweise Oschatz gesetzt. Der Standort des Stationssteines vom Kurs Nr. 67 Riesa – Strehla wird laut Vermessungsakte vom 14. Juni 1859 wie folgt lokalisiert: „Bei 0,851 Meile Mitte der Brücke über den Rietzschgraben. Bei 0,872 Meile rechts Standort des Stationssteines am Anfange der Stadt Strehla dem Hause Cataster Nr. 144 gegenüber.“ Das waren 157 Meter weiter stadteinwärts. Er trug die Inschriften von Riesa kommend: „Strehla“ und in Richtung Riesa zeigend: „Riesa 0,94 M.“ Dieser Stein existiert nicht mehr. Seine Geschichte liegt im Dunkeln. Der Standort des Stationssteines vom Kurs Nr. 68 Oschatz – Strehla wird laut Vermessungsakte vom 11. Juni 1859 wie folgt beschrieben: „Der Stationsstein steht an der Ecke des zum Strehlaer Brauhaus gehörenden Garten, anfangs der Stadt, 0,0288 Meile vom Endpunkt der Vermessung.“ Das war die Mitte des Strehlaer Marktplatzes. Bis dahin waren es gestern wie heute 0,0288 Meilen, umgerechnet 216 Meter. Dieser Stein steht folglich immer noch an seinem Originalstandort. Er trug auf städtischer Seite die Entfernungen: Oschatz 1,69 Meilen, Mügeln 2,53 Meilen, Leisnig 4,63 Meilen, Leipzig 9,08 Meilen. Von Oschatz kommend stand der Stationsname: „Strehla“.

Alte Steine wurden „umfrisiert“

Obwohl die Längeneinheit „Meter“ bereits seit Ende des 18. Jahrhunderts in Gebrauch war, wurde sie erst durch Beschluss des Norddeutschen Bundes von 1868 zum 1. Januar 1872 verbindlich für Deutschland eingeführt. Nun galt die sogenannte kleine Meile in Sachsen nicht mehr. Damit mussten die Meilensteine neuen Entfernungsanzeigern weichen. Vielerorts machte man aus der Not eine Tugend. Die Meilensteine wurden „umfrisiert“; so auch in Strehla. Am Stationsstein Oschatzer Straße wurden die Inschriften abgeschliffen und auf der der Straße zugewandten Seite mit Kilometerangaben („Kleinrügeln 0,8 km“, „Borna 5 km“) und einem Richtungspfeil versehen. Die beiden Spiegel trugen auch neue Inschriften, die heute fast völlig verwittert sind. Lediglich die unteren zwei Zeilen auf städtischer Seite lassen noch „Ostrau 22,4 km“ erkennen. Diese Angaben sind heute nur noch schwer lesbar. Außerdem wird dieser Stein seit Jahren mit angeschraubten Metallfeldern zweckentfremdet als Zaunsäule verwendet. Da muss die Frage erlaubt sein: Gibt es in Strehla keine Denkmalschützer?

Auch als Ortseingangsschilder bedienten sich die Straßenmeistereien solcher Meilensteine. Einer steht in der Gröbaer Straße kurz vor der Rechtskurve am Ortsanfang der Stadt; ein zweiter in der Oschatzer Straße, gegenüber dem Haus Nr. 17. Beide Steine waren ursprünglich Ganzmeilensteine und sind den beiden Postkursen nicht unmittelbar zuzuordnen. Sie tragen kaum noch lesbar die Ortsbezeichnung „Strehla“ sowie die Kennzeichnung der zuständigen Straßenmeisterei. Bei günstigen Lichtverhältnissen ist manches noch zu entziffern.