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„Zigaretten, sonst bist du tot“

Der Angeklagte soll auf rustikale Art und Weise angebliche Schulden für einen Kumpel eingetrieben haben.

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© dpa

Von Jürgen Müller

Meißen. Die Zeugen haben Angst vor dem Angeklagten. Verwunderlich ist das nicht, der 24-Jährige hat wohl einen bestimmten Ruf in der Szene. „So wie ich ihn kenne, gibt es auf die Fresse, wenn ich aussage“, so ein 17-jähriger Zeuge. Er soll auch der Geschädigte sein. Der Angeklagte aus Meißen soll von ihm Zigaretten gefordert haben. Die sollte der junge Mann am nächsten Tag übergeben. „Sonst bist du tot, und deine Eltern werden dich nicht finden“, soll der Angeklagte gedroht haben. Versuchte räuberische Erpressung wirft ihm die Staatsanwaltschaft vor. Auch drei Ladendiebstähle werden dem Mann zur Last gelegt und Hausfriedensbruch. Denn er hatte in den Supermärkten Hausverbot. Das interessierte ihn aber nicht.

Die Ladendiebstähle – er hatte unter anderem Zigaretten und Tabak gestohlen – gibt der Angeklagte zu, die Bedrohung jedoch nicht. „Ich habe von ihm Zigaretten gefordert, aber nicht gedroht, ihn unter die Erde zu bringen“, sagt er. Der Geschädigte habe bei einem Kumpel von ihm noch fünf Euro Schulden gehabt. Die hätten aus einem Handyverkauf gestammt, der junge Mann habe das Handy noch nicht vollständig bezahlt. „Ich wollte der Forderung Nachdruck verleihen. Er sollte bis zum nächsten Tag entweder die fünf Euro bezahlen oder eine Schachtel Zigaretten geben“, so der Mann.

Hat ihn sein Kumpel gezielt angesetzt, weil er sich selbst nicht traute? Der Angeklagte streitet das ab. Er habe mit seinem Bekannten Bier getrunken, als zufällig der junge Mann vorbeikam. Erst da habe ihm sein Kumpel erzählt, dass dieser bei ihm Schulden habe.

Dann versuchen die Zeugen entweder, das Gericht an der Nase herumzuführen, oder sie sprechen von völlig unterschiedlichen Taten. Der angeblich Geschädigte nämlich weiß gar nichts von der Tat. Ist er der Bruder des Geschädigten, wie er dem Gericht weismachen will? Die Verteidigerin triumphiert schon, dass der Falsche geladen wurde. Doch der Richter lässt sich kein X für ein U vormachen. Er vergleicht die Unterschrift des Zeugen. Und die ist identisch mit der auf der Zeugenvernehmung bei der Polizei. Auch die Personalien stimmen überein. Das Gericht entscheidet, den Angeklagten während der Vernehmung auszuschließen. Jetzt gibt der junge Mann zu, dass er die Anzeige gemacht habe. Er habe gerade die Einfahrt gepflastert, als drei Typen ankamen, darunter der Angeklagte. Der habe drei Schachteln Zigaretten gefordert und gedroht, sonst sei er tot. „Ich bin sofort ins Haus und habe das meinen Eltern berichtet. Es war gerade jemand von der Familienhilfe da. Die riet mir, eine Nacht drüber zu schlafen und dann eine Anzeige zu machen“, sagt der 17-jährige Meißner.

So lädt das Gericht weitere Zeugen. Doch keiner kann bestätigen, was der junge Mann da sagte. So bleibt dem Richter keine andere Möglichkeit, als den Angeklagten wegen der versuchten räuberischen Erpressung freizusprechen.

Wegen der Ladendiebstähle wird er zu einer Geldstrafe von 600 Euro verurteilt. Vielleicht geht er deswegen doch ins Gefängnis. Eine andere Geldstrafe jedenfalls hat er schon mal teilweise abgesessen, weil er sie nicht bezahlen konnte. Das droht ihm auch diesmal.