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Zinsen ade?

Die EZB steht vor historischen Entscheidungen: Noch weniger Sparzinsen – und Kredite und Baugeld fast umsonst.

Von Harald Schmidt und Rolf Obertreis

Die morgige Sitzung des Rates der Europäischen Zentralbank (EZB) dürfte zu einer der wichtigsten der letzten Jahre werden. Die Dame – das deutsche EZB-Direktoriumsmitglied Sabine Lautenschläger – und die 17 Herren werden die Geldpolitik weiter lockern, mit bislang nie praktizierten Schritten. Dass es keine Veränderungen geben wird, ist höchst unwahrscheinlich. Dazu haben Präsident Mario Draghi und seine Kollegen selbst in den vergangenen Wochen die Notwendigkeit weiterer Maßnahmen so deutlich betont wie selten.

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Warum wird die EZB die Zinsennoch weiter senken?

EZB-Präsident Mario Draghi warnt seit Monaten vor den Gefahren der Mini-Inflation für die Konjunktur im Euroraum. Eine Deflation – also eine Spirale sinkender Preise durch alle Warengruppen – sieht der Italiener zwar nicht. Bei einer Deflation kaufen Verbraucher in Erwartung weiter sinkender Preise nicht mehr ein, Unternehmen stellen Investitionen zurück. Das würgt die Konjunktur ab. Doch Bankmanager Draghi betont: Die Gefahren nehmen zu, je länger die Inflation niedrig bleibt. Eine Zinssenkung könnte das Risiko verkleinern, denn tendenziell verbilligen niedrige Zinsen Kredite und Investitionen und kurbeln so die Wirtschaft an. Das wiederum stärkt normalerweise den Preisauftrieb.

Warum ist die Inflationtrotz der Mini-Zinsen so niedrig?

Das liegt unter anderem an weltweit sinkenden Energie- und Nahrungsmittelpreisen. Dieser Effekt wird durch den relativ starken Euro noch verstärkt. Zum Teil ist der geringe Preisauftrieb aber auch hausgemacht. Die Krisenländer im Euroraum müssen ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken, indem sie Preise senken.

Was würden die Zinssenkungenfür Sparer bedeuten?

Niedrige Zinsen werden in der Regel relativ schnell an Kunden weitergereicht. Da Sparer schon lange unter den Mini-Zinsen auf Sparbuch und Tagesgeldkonto leiden, mit denen sie nach Abzug der Inflation Geld verlieren, gibt es viel Kritik an noch billigerem Geld. „Niedrigzinsen enteignen Sparer und reißen Lücken in die Altersvorsorge künftiger Rentner“, wettern Sparkassen, Volksbanken und Versicherer. Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft, kritisiert die erwartete Zinssenkung: „Sie plündert die Ersparnisse aus, sie bedroht die Lebensversicherung.“

Haben die Verbraucherim Euroraum auch Vorteile?

Wie Unternehmen auch profitieren sie von günstigen Kreditzinsen – wenn die Banken die Senkung weiterreichen. Prinzipiell ist billiges Geld gut für alle Schuldner – Verbraucher können eine Waschmaschine, ein Auto oder ein Haus genauso günstiger finanzieren wie Unternehmen ihre Investitionen und Staaten ihre Schulden. Das hilft indirekt auch Steuerzahlern. Und: Das billige Geld der Notenbanken hat die Börsen weltweit auf Rekordkurs geführt. Als Aktionäre haben auch Verbraucher verdient.

Die Zinsen sind bereits extremniedrig. Ist die Wirkung verpufft?

Bisher haben sich die Hoffnungen auf eine Rückkehr der Inflation in Richtung der EZB-Zielmarke von knapp unter zwei Prozent zerschlagen. Im Mai ging die Rate im Euroraum sogar auf 0,5 Prozent zurück. Selbst in Deutschland, wo der Konjunkturmotor brummt und Löhne steigen, sank die Teuerung im Mai auf 0,6 Prozent. „Der Sicherheitsabstand zur Nulllinie im Euroraum ist damit wieder sehr gering“, warnt Ökonom Johannes Mayr von der Bayern-LB. Eine Zinssenkung am Donnerstag ist daher nach Überzeugung von VP-Bank-Chefökonom Thomas Gitzel sicher: „Die spannende Frage ist, was die EZB sonst noch im Köcher hat.“ Aus Sicht der Commerzbank ist sogar die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass die EZB im Sommer breit angelegte Anleihenkäufe beschließt.

Was sollen die angedachten Strafzinsen für Banken bezwecken?

Normalerweise bekommen Banken, die Geld bei der Zentralbank parken, einen Zins gutgeschrieben. In der Krise senkten die Währungshüter diesen Einlagenzins auf null Prozent. Drücken sie ihn nun unter Null, würde die EZB den Banken de facto einen Strafzins aufbrummen, wenn diese Geld bei ihr horten. Das Ziel ist eine Schwächung des Euro, um so einen Anstieg der Inflationsrate zu erreichen. Banken sollen überschüssige Liquidität nicht bei der EZB parken, sondern das Geld in Form von Krediten an Verbraucher und Unternehmen weiterreichen. Diese könnten investieren und so der Konjunktur auf die Sprünge helfen. Die Wirkung ist jedoch umstritten. Manche Volkswirte meinen, Banken könnten einfach Bargeld horten – oder die Kosten auf ihre Kunden abwälzen. In diesem Fall wäre die Maßnahme kontraproduktiv: Statt die Kreditvergabe anzukurbeln, würden Kredite teurer.

Was könnten EuropasZentralbanker noch tun?

Denkbar ist, dass die EZB erneut Langfristkredite für Banken beschließt, um die Kreditvergabe vor allem in Südeuropa anzukurbeln. Dies könnte erstmals unter der Auflage geschehen, dass das Geld an mittelständische Unternehmen fließt - und nicht wieder in Staatsanleihen angelegt wird. Theoretisch möglich wäre auch, dass die EZB in großem Stil Staatsanleihen und private Wertpapiere aufkauft. Die sogenannte „Quantitative Lockerung“ gilt als schärfstes Schwert im Kampf gegen Deflation. Sie ist aber auch besonders umstritten. (mit dpa)