merken

Zittau forscht an Werkstoffen der Zukunft

In der Hochschulstadt wurde am Mittwoch ein neues Fraunhofer-Kunststoffzentrum eingeweiht. Auf die Ergebnisse wartet etwa die Fahrzeugindustrie.

© SZ Thomas Eichler

Von Tilo Berger

Ein normaler Drucker spuckt Bilder aus, Zeitungsseiten, Grafiken, Zeichnungen – was auch immer. Auch die optischen Vorlagen für Fahrzeugteile. Aber die Fahrzeugteile selbst? Die werden seit jeher gedreht, gefeilt, geschweißt. Doch das muss nicht so bleiben. Denn mittlerweile gibt es 3D-Drucker, die solche Teile aus Kunststoff gießen können. Eines dieser Wunderwerke steht in einem Gebäude, das gestern in Zittau eröffnet wurde. Hier betreibt das Fraunhofer-Institut für Werkzeugmaschinen und Umformtechnik jetzt das Oberlausitzer Kunststoffzentrum. Es ist dies die erste Fraunhofer-Niederlassung östlich von Dresden. 15 Wissenschaftler forschen hier an Werkstoffen der Zukunft.

Anzeige
Kompetenz in der Vermögensbetreuung
Kompetenz in der Vermögensbetreuung

Geld sicher und gut anlegen? Das ist in Zeiten der Nullzinspolitik nicht einfach. Deshalb sollte man sich gerade jetzt gut beraten lassen.

Diese Schalen entwarf ein Dresdener Wissenschaftler auf einem 3D-Drucker. In Zittau wird jetzt daran geforscht, wie sich ein solcher Drucker für die Produktion von Fahrzeugteilen nutzen lässt.
Diese Schalen entwarf ein Dresdener Wissenschaftler auf einem 3D-Drucker. In Zittau wird jetzt daran geforscht, wie sich ein solcher Drucker für die Produktion von Fahrzeugteilen nutzen lässt. © Robert Michael

Ihr Chef Sebastian Scholz ist gleichzeitig Professor an der benachbarten Hochschule Zittau/Görlitz. Das ist kein Zufall, sondern Absicht und für Sachsens Wissenschaftsministerin Eva-Maria Stange (SPD) ein „erneutes Beispiel, wie die Fraunhofer-Gesellschaft und sächsische Fachhochschulen immer enger zusammenarbeiten, um gemeinsam das bieten zu können, was in der Region und darüber hinaus gebraucht wird: nämlich hervorragend ausgebildete Menschen sowie Forschungsergebnisse, die den Unternehmen helfen“.

Eines dieser Unternehmen ist die Schicktanz GmbH aus Sohland an der Spree. Geschäftsführer Jörg Schicktanz nahm am Mittwoch das Versprechen der Fraunhofer-Chefs mit, regionalen Firmen bei der Entwicklung neuer Produkte unter die Arme greifen zu wollen. „Wir wollen das neue Technikum auf jeden Fall mit nutzen“, kündigte der Sohlander Unternehmer an. Seine Firma fertigt unter anderem Gehäuse für Fernbedienungen von Fahrzeug-Standheizungen und für medizinische Geräte.

In der Oberlausitz gibt es etwa 90 Firmen, die sich mit der Herstellung und den Einsatzmöglichkeiten von Kunststoff befassen. Die Stärke der Branche war ein Grund, weshalb sich das Fraunhofer-Institut für Zittau als Standort für das Kunststoffzentrum entschied. Im Gespräch war auch noch Görlitz wegen der dort ansässigen Großunternehmen wie Bombardier und Siemens, den Ausschlag für Zittau gab der dort stärker vorhandene Mittelstand. Und noch etwas sprach für das Dreiländereck: die Nähe zu den Nachbarn in Polen und Tschechien. An der Technischen Universität Liberec arbeitet einer der ältesten Kunststofftechnik-Lehrstühle Europas. Dessen Kompetenz wollen die Zittauer Forscher einbeziehen.

Für das Kunststoffzentrum griffen der Bund und der Freistaat Sachsen die Tasche und teilten sich die Gesamtkosten von rund 2,6 Millionen Euro. Für den 2011 gestarteten Aufbau der Projektgruppe „Technologie-Transfer Produktionstechnik im Dreiländereck“ – damals mit zwei Mitarbeitern – und ihren schrittweisen Ausbau zum Kunststoffzentrum Oberlausitz stellte der Freistaat 2011 eine fünfjährige Anschubfinanzierung von insgesamt fünf Millionen Euro bereit. Gut angelegtes Geld, fand der Präsident der Fraunhofer-Gesellschaft, der Chemnitzer Professor Reimund Neugebauer: „Von rund 2,2 Milliarden Euro Umsatz, für die unser Institut jährlich sorgt, werden allein rund 250 Millionen in Sachsen erwirtschaftet. Wir bekommen wiederum jährlich vom Freistaat eine Finanzierung von 20 Millionen pro Jahr. Das heißt, für jeden investierten Euro nimmt Sachsen mehr als zehn wieder ein – eine tolle Quote.“

In Zittau selbst trieb die Hochschule das Vorhaben voran. „Die Wenn und Aber bekamen dabei nie eine Chance“, resümierte Rektor Friedrich Albrecht.

Was neue, leichte Fahrzeugteile aus Kunststoff bewirken können, rechnete Fraunhofer-Experte Lothar Kroll vor: Würden weltweit alle Fahrzeuge nur zehn Prozent weniger wiegen, stießen sie insgesamt jährlich drei Milliarden Tonnen Kohlendioxid weniger aus. Das ist so viel, wie alle Lausitzer Braunkohlekraftwerke zusammen in 37,5 Jahren ausstoßen – rein rechnerisch.

Dieser Beitrag wurde um 18.20 Uhr aktualisiert.