merken

Feuilleton

Wie Zittau ganz groß rauskommen will

Die Einwohner der Stadt füllen am Sonntag einen Wahlzettel mehr aus. Sie entscheiden auch, ob sie 2025 Kulturhauptstädter werden wollen. 

Ein Herz steht symbolisch vor dem Zittauer Rathaus – die Stadt will Kulturhauptstadt Europas werden. © Rafael Sampedro

Von Jana Ulbrich

Zugegeben: Es ist schon eine ziemlich verrückte Idee. Größenwahnsinnig nennen sie die einen, eine Riesenchance, sagen die anderen. Zittau, das 25 000-Einwohner-Städtchen ganz im hintersten Südosten, immer knapp bei Kasse, immer mehr Leerstand, immer noch Abwanderung – dieses Zittau also hat vor, sich zur europäischen Kulturhauptstadt aufschwingen zu wollen. Spinnen die Zittauer?

Anzeige
Symbolbild Anzeige

Hier findet jede Familie einen Platz 

Essen, kochen, zusammen sein – die Küche ist das Herzstück des Hauses.  

Thomas Zenker muss diese Frage in letzter Zeit immer und immer wieder beantworten. Und der parteilose Oberbürgermeister, angetreten übrigens für das Wählerbündnis mit dem bezeichnenden Namen „Zittau kann mehr“, antwortet jedes Mal ganz ohne Euphorie: „Wir haben viel zu bieten. Aber den Zittauern fehlt es an Selbstbewusstsein, das auch nach außen zu tragen. Die Kulturhauptstadt-Bewerbung wäre eine große Chance.“

Die Chance bietet sich 2025, wenn im europaweiten Wettbewerb wieder Deutschland an der Reihe ist. Bisher haben acht Städte Ambitionen auf den Titel angemeldet, darunter auch Chemnitz und Dresden. Was will denn das kleine Zittau da ausrichten?

Auch bei dieser Frage bleibt der Oberbürgermeister gelassen. Den Zittauern werden die Herzen zufliegen, ist er sich sicher. Allein schon, mit wie viel Charme und Enthusiasmus sich die kleine Stadt im Februar beim Neujahrsempfang der sächsischen Landesvertretung in Brüssel präsentiert hat – es heißt, Dresden und Chemnitz hätten alt ausgesehen.

Und um noch mal auf die Größe zurückzukommen: Zittau will sich nicht alleine bewerben, sondern gemeinsam mit der gesamten Region im Dreiländereck. Auch die Nachbargemeinden in Polen und Tschechien wollen mitmachen. Wenn das nicht Europa ist, was dann? Und aus dieser Perspektive liegt die Stadt auch nicht mehr am hintersten Rand, sondern in der Mitte – im Herzen Europas sozusagen.

Und noch etwas lässt die Aufmerksamkeit auf die Stadt im Dreiländereck in diesen Tagen wachsen: Am Sonntag werden die Zittauerinnen und Zittauer selbst entscheiden, ob sie im Jahr 2025 Kulturhauptstädter sein wollen oder nicht. Sie werden einen Wahlzettel mehr ausfüllen als die Wähler andernorts, werden ein Ja oder Nein ankreuzen auf die Frage, ob sich ihre Stadt gemeinsam mit der Region um den Titel überhaupt bewerben soll.

Alle Einwohner in einem Bürgerentscheid zu fragen, das hat es in der Geschichte des europäischen Wettbewerbs noch nie gegeben. Alle anderen Bewerberstädte werden sehr gespannt nach Zittau schauen. Wenn sich zeigt, dass die Einwohner tatsächlich mit großer Mehrheit hinter der Idee stehen, würde das der Zittauer Bewerbung einen ziemlichen Vorteil verschaffen. Denn Bürgerbeteiligung ist ein wichtiges Kriterium in diesem Wettbewerb und für die Jury, die 2020 den Sieger kürt.

Wie die Abstimmung ausgehen wird, das kann noch keiner mit Sicherheit sagen. In einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Sächsischen Zeitung hatten vorige Woche zwar reichlich 70 Prozent der Befragten angegeben, für die Bewerbung stimmen zu wollen, aber endgültig entschieden wird die Frage am Sonntag. Doch schon jetzt, allein von der Idee, hat das kleine Zittau profitiert wie lange nicht mehr. Die mediale Aufmerksamkeit ist enorm, sogar das ZDF-Morgenmagazin hat drei Stunden lang live vom Marktplatz gesendet. Und Zittauer, die bisher nie auffielen, engagieren sich plötzlich, gründen spontan einen Freundeskreis, der Veranstaltungen organisiert und immer größer wird. Es ist eine Aufbruchstimmung in der Stadt, die sich von vielen Brüchen und Zusammenbrüchen nie richtig erholt hat.