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Jubel

Wie einmal die Lokalseite verloren ging

Redakteure zeigen zum 75. SZ-Geburtstag Erinnerungsstücke von ihrer Arbeit. Warum Jana Ulbrich ein altes "Lineal" aufgehoben hat.

Als die Zeitungsseiten noch mit der Hand aufgezeichnet wurden, gehörte so ein Spaltenmaß zum Arbeitsmittel in den Redaktionen. Erst Mitte der 1990er Jahre zog die Computertechnik vollständig ein.
Als die Zeitungsseiten noch mit der Hand aufgezeichnet wurden, gehörte so ein Spaltenmaß zum Arbeitsmittel in den Redaktionen. Erst Mitte der 1990er Jahre zog die Computertechnik vollständig ein. © Matthias Weber/photoweber.de

Als Redakteure erleben wir jeden Tag spannende Geschichten und haben interessante Begegnungen. Manche bleiben besonders in Erinnerung. Hier zeigen die Mitarbeiter der Redaktion Löbau-Zittau Erinnerungsstücke aus ihren Schreibtischschubladen, die sie sich aufgehoben haben und erzählen, was sie damit verbinden.

Diese Geschichte werde ich wirklich nie vergessen! Dabei ist sie schon reichlich 30 Jahre her. Und gefühlt kommt sie einem heute vor wie aus einem fernen Jahrhundert. Aber der Reihe nach: Es war ein eiskalter Wintertag Mitte der 1980er Jahre. Ich hatte mein Abitur in der Tasche und mir in den Kopf gesetzt, Journalistik studieren zu wollen. Das war nicht einfach zu DDR-Zeiten. Und ich musste mich zuerst einmal ein Jahr lang in einem Volontariat in der Zittauer SZ-Lokalredaktion beweisen.

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Die Redaktion saß damals in der Bahnhofstraße, gleich neben dem kleinen Molkereigeschäft, dem einzigen Laden weit und breit, in dem es regelmäßig Joghurt gab. Die Redakteure tippten ihre Texte mit der Schreibmaschine. Der Fotograf hatte seine Dunkelkammer, in der er seine Fotos entwickelte, die Chefredaktion hatte angeordnet, mit Orwo-Filmmaterial zu sparen, für ein Foto auch möglichst nur einmal auf den Auslöser zu drücken, höchstens zweimal, dann musste das Bild im Kasten sein.

Der Redaktionsleiter "spiegelte": Er zeichnete die Lokalseite für den nächsten Tag - damals war es nur eine Seite - auf ein genau so großes Blatt Papier, den Spiegel. Die Kunst war es, die Flächen für die gewünschten Texte möglichst passgenau aufzumessen. Zwei Schreibmaschinenzeilen waren drei Druckzeilen. Für die Druckzeilen gab es ein besonderes Lineal, ein Zeilen- und Spaltenmaß mit mehreren Maßeinteilungen für die verschiedenen Schriftgrößen.

Am Ende musste es immer ungefähr hinhauen, dass alle Fotos und Texte draufpassten. Wir wussten aber, dass die Setzer in der Druckerei immer noch ein bisschen schummeln konnten: Sie konnten "Luft" zwischen die Zeilen schießen, wenn der Text zu kurz war, oder die Zeilen zusammenpressen, damit noch ein bisschen mehr auf die Seite passte, wenn die Rede vom Parteisekretär wortwörtlich abgedruckt werden musste.

Wie die Kurierpost nach Dresden funktionierte

Redaktionsschluss war schon vormittags um elf. Höchstpersönlich steckte der Redaktionsleiter jeden Tag um diese Zeit das Material für die nächste Ausgabe in eine große braune Tasche: die Fotos mit genauer Beschriftung auf der Rückseite, die Manuskripte mit den getippten Texten und den "Spiegel", auf dem aufgezeichnet war, wie Texte und Fotos auf der Seite platziert werden sollten.

"Wichtige Kurierpost - persönlich auszuhändigen" oder so ähnlich stand in roten Buchstaben in einem Sichtfenster auf der Vorderseite der Tasche. Und mir wurde sie anvertraut. Jeden Tag kurz nach elf eilte ich also mit der wichtigen Kurierpost auf den Zittauer Bahnhof, um sie zum D-Zugs nach Dresden zu bringen. Mein Auftrag war es, die Tasche dem Zugführer persönlich zu übergeben. Und nur dem Zugführer!

An jenem eiskalten Wintertag aber war Schienenersatzverkehr. Busfahrer und Passagiere saßen schon im Bus vor dem Bahnhofsgebäude, nur der Zugführer kam und kam nicht. Der Busfahrer witzelte: "Was ist denn das so Wichtiges, dass du in dieser Kälte hier wartest, Mädel?", wollte er wissen und bot mir an, die Tasche entgegenzunehmen und gut aufzupassen, bis der Zugführer da ist. Warum eigentlich nicht, dachte ich. Der Busfahrer machte einen ehrlichen Eindruck, mir war eiskalt, also drückte ich ihm die Tasche in die Hand.

Wie am Nachmittag die ganze Redaktion Kopf stand

Reichlich zwei Stunden später, ich begann mich langsam wieder zu erwärmen und der Redaktionsleiter zeichnete schon am "Spiegel" für den übernächsten Tag, klingelte das Telefon. Die Chefredakteurin aus Dresden war dran, der Redaktionsleiter wurde auf einmal ganz blass. Als er aufgelegt hatte, guckte er mich völlig ungläubig an und sagte dann in vollem Ernst: "Die Kuriertasche ist weg. Die ganze Redaktion steht Kopf. Was hast du gemacht?" Jetzt war mir plötzlich heiß. Sollte der Busfahrer...?

Kleinlaut gab ich zu, dass ich meinen Auftrag an diesem Tag wohl nicht ernst genug genommen hatte. Der Redaktionsleiter schüttelte immer noch ungläubig den Kopf und holte eine Flasche Wilthener aus dem Schreibtisch: "Ich weiß nicht, was jetzt passiert", sagte er und genehmigte sich einen Schluck. "In Dresden wissen sie's auch nicht. Das ist noch nie vorgekommen. Noch nie!!!"

Er saß da wie ein Häufchen Elend, ich stand da wie bedröppelt, und die Sekretärin guckte mitleidig von einem zum anderen. Bis eine halbe Stunde später wieder das Telefon klingelte. Die Sekretärin der Chefredaktion war dran: Es hat sich alles aufgeklärt. Der Redaktionsleiter kippte gleich noch einen.

Selbstverständlich hatte der Busfahrer die wichtige Kurierpost an den Zugführer übergeben. Der aber hatte sie beim Umsteigen in Bischofswerda im Bus vergessen. Irgendwie ist die Tasche mit den Materialien für die Zittauer Lokalseite am Ende doch noch rechtzeitig vor dem Andruck in der Dresdener Setzerei angekommen.

Eine Erinnerung an diese Zeit, in der die Zeitungsseiten noch mit der Hand aufgezeichnet wurden, liegt bis heute in meinem Redaktionsschreibtisch: Ein Zeilen- und Spaltenmaß, leider keines mehr aus DDR-Zeiten, sondern eins aus den frühen 1990ern. So oder so: Es wird ohnehin längst nicht mehr gebraucht: Die Seiten-Spiegel werden heute am Computer aufgerissen, Texte und Fotos fließen digital in die vorgesehenen Flächen - die Länge des Textes muss übrigens auf die Zeile genau passen. Weder "Luft" in die Zwischenräume schießen noch Zeilen zusammenquetschen ist möglich. Da könnte der Parteisekretär noch so auf vollständigen Abdruck seiner Rede bestehen.

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