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Wie Zittauer die Neiße bändigten

Vor 95 Jahren begann eine Flussregulierung, um die Stadt besser vor Hochwasser zu schützen. Das Vorhaben dauerte acht Jahre.

Das neue Walzenwehr wurde durch die Firma des Zittauer Baumeisters Karl Henschel errichtet. Damals technischer Höchststand, gehört es inzwischen längst wieder der Vergangenheit an.
Das neue Walzenwehr wurde durch die Firma des Zittauer Baumeisters Karl Henschel errichtet. Damals technischer Höchststand, gehört es inzwischen längst wieder der Vergangenheit an. © Sammlung Rolf Hill

Die Neiße in Zittau plätschert meist friedlich und anmutig in ihrem vielfach gewundenen Bett dahin. Doch binnen kürzester Zeit kann sich das ändern – meist mit verheerenden Hochwasser-Folgen.

Deshalb wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts überlegt, wie man den sich mitunter wild gebärdenden Fluss in den Griff bekommen könnte, ohne immer wieder das Ufer zu flicken, auszubessern und anzuschütten, bevor die nächste Flut alles wieder zunichte machte. Nachdem es bereits 1897 gelungen war, die Mandau in ein neues Bett zu verlegen und so ein Teil der Gefahr zu bannen, musste auch für die Neiße eine umfassende Lösung her.

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Fachleute sahen das als lösbares Problem an, allerdings war das Zittauer Stadtsäckel nicht eben prall gefüllt. Man hätte damit auch einem Teil der Tausenden Arbeitslosen Lohn und Brot geben können, aber das musste ja ebenfalls finanziert werden. Im Herbst 1914 kam man auf eine neue Idee: Warum sollten nicht die 4.000 russischen Kriegsgefangenen im Lager Großporitsch (heute Porajów) zur Arbeit herangezogen werden? Da man aber irrtümlicherweise mit einem schnellen Ende des Krieges rechnete, befürchteten die Stadtväter und deren Vorgesetzte, das Projekt könne dann auf halbem Wege zum Stillstand kommen. So dauerte es bis Anfang 1925, bis der Stadtrat trotz aller Widerstände beschloss, mit der Regierung über eine Finanzierung zu verhandeln. Das dauerte, doch das Durchhaltevermögen des damaligen Oberbürgermeisters Walther Zwingenberger zahlte sich aus: Am 19. Juni 1926 kam ein Vertrag mit dem sächsischen Staatsministerium über eine Beihilfe und ein Darlehen zustande. Damit stand fest, dass die Gesamtkosten die stattliche Summe von rund 3.750.000 Mark betragen würden. Das hieß, in einem Geschäftsjahr erforderten Tilgung und Verzinsung rund 215 000 Mark!

Im rechten Bild: Auch während der umfangreichen Regulierung blieben die Bauarbeiter nicht von den Hochwassern der Neiße verschont. Verheerend wirkte sich das auf den Gesamtablauf schon am 15. Juni 1926 aus. Im Bild die überflutete Straße in Richtung Grott
Im rechten Bild: Auch während der umfangreichen Regulierung blieben die Bauarbeiter nicht von den Hochwassern der Neiße verschont. Verheerend wirkte sich das auf den Gesamtablauf schon am 15. Juni 1926 aus. Im Bild die überflutete Straße in Richtung Grott © Sammlung Rolf Hill

Noch vor der Vertragsunterzeichnung hatte bereits am 29. April 1926 eine Gruppe von Arbeitern unweit der tschechoslowakischen Grenze mit Vorarbeiten begonnen. Der symbolische erste Spatenstich erfolgte dann endlich am 12. Mai. Dazu hieß es in einer Beilage der „Zittauer Nachrichten und Anzeiger“: „Der Tag bedeutete das Ende für eine alte, morsch gewordene Schöpfung der Natur, die nicht mehr hineinpassen wollte in den Rhythmus der neuen Zeit, und den Anfang für ein Kulturwerk von Menschenhand, das noch in Jahrhunderten den Unternehmungsgeist und den Aufbauwillen unserer Generation künden wird.“

Die Neißeregulierung war in sechs Abschnitte geteilt, wobei aber nicht mit dem ersten begonnen wurde. Das lag neben technischen Problemen vor allem an Protesten aus Drausendorf und Hirschfelde. Dort befürchtete man, schwerer von künftigem Hochwasser heimgesucht zu werden, wenn nicht vor der Regulierung im Stadtgebiet Vorflutdämme am unteren Lauf der Neiße geschaffen würden. Widerstand gab es auch seitens der Naturfreunde, die „um verlorene Romantik kämpften, sich nicht trennen wollten von ihnen lieb gewordenen idyllischen Landschaftsbildern“, wie die „Zittauer Nachrichten“ schrieben. Der Umfang des Projektes war gewaltig: Der Neuverlauf betrug 4.700 Meter. Damit wurde die Neiße im Stadtgebiet 1.700 Meter kürzer. Rund 220 Hektar Land wurden gewonnen. Das Walzenwehr unweit der Grottauer Straße (heute Friedensstraße) und neue formschöne Brückenbauwerke entstanden. 55.000 Kubikmeter ausgehobener Erde füllten das Areal um den Sportplatz in der Weinau auf. Die abgehobene Rasenfläche betrug allein 279.100 Quadratmeter. 7.100 Kubikmeter Beton wurde verbraucht, 44.000 Kubikmeter Packlager aufgeschüttet, und, und, und.

Bemerkenswert ist, dass man auch während der Regulierungsarbeiten nicht vom Hochwasser verschont blieb, so am 15. Juni 1926. Dadurch kam es immer wieder zu Verzögerungen. Doch am Ende hieß es am 3. März 1934 in einer Regionalzeitung euphorisch: „Die Neißeregulierung ist vollendet! Zittau hat in schwerster Zeit ein Kunstwerk von großem Ausmaß geschaffen, das von ausschlaggebender Bedeutung für die weitere Aufwärtsentwicklung sein wird. Ein sich wild gebärdender Fluss wurde in ein neues Bett gezwungen.“

Neißeregulierung

  • 1926: Landesgrenze bis Grottauer Straße, heute Friedensstraße (1. und 2. Bauabschnitt)
  • 1928: Brücke Friedländer Straße, heute Chopinstraße, und Verlegung Eckartsbach (3. Bauabschnitt)
  • 1930: Passage der Weinau (4. Bauabschnitt)
  • 1931: Reißigmühle bis Friedländer Straße und Sicherung Viadukt(5. Bauabschnitt)
  • 1932: Grottauer Straße bis Reißigmühle und Anschluss Mandaulauf(6. Bauabschnitt) (rß)

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