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Zittau: "Spaziergänger" im Polizei-Kessel

Am Montagabend haben sich 550 Kritiker auf den Weg gemacht, um am Stadtring gegen die Corona-Maßnahmen zu protestieren. Diesmal greift die Polizei ein.

Beamte halten einige Teilnehmer auf, weil sie keinen Mund-Nasen-Schutz tragen.
Beamte halten einige Teilnehmer auf, weil sie keinen Mund-Nasen-Schutz tragen. ©  Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Auf dem Bauch liegt der Mann auf dem Rasenstreifen zwischen Johanneum und Stadtring, mehrere Polizisten knien auf ihm oder halten ihn an verschiedenen Körperteilen fest. "Lasst den Jungen in Ruhe", schreit eine Frau, die die Szene beobachtet. Eine andere Frau, die mit ihrer Kamera die Polizei-Aktion filmt, ruft ihrerseits lautstark: "Hört auf! Ihr brecht ihm ja den Arm." Ein Mann, der mit dem am Boden liegenden "Spaziergänger" scheinbar etwas zu tun hat, brüllt die Polizeibeamten an: "Habt ihr noch alle Tassen im Schrank". Es ist der Höhepunkt der Polizeikontrolle während des dritten Spaziergangs von Corona-Kritikern. "Einen Versammlungsleiter konnten die Beamten vor Ort nicht feststellen. Aus diesem Grund erstatteten sie Anzeige wegen des Verstoßes gegen das Versammlungsgesetz gegen Unbekannt", teilt Polizeisprecherin Anja Leuschner am späten Montagabend mit.

Der auf dem Boden liegende Mann hatte zuvor die Polizisten verbal angegangen und seinen Frust über die Corona-Maßnahmen lautstark herausgebrüllt. Wenig später kann er nichts mehr sagen, die Polizisten fixieren ihn am Boden. Nach einigen Minuten wird der Mann gefesselt von mehreren Beamten über den Stadtring getragen. Begleitet wird das Ganze von Rufen wie "Schämt euch!" und "Lasst ihn frei". Davon lassen sich die Polizisten nicht beeindrucken. Mit einem Polizeifahrzeug wird er auf die Wache um die Ecke gebracht.

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Protest im Sitzen: Dieser Teilnehmer wird von mehreren Beamten umzingelt - und muss seine Personalien nennen.
Protest im Sitzen: Dieser Teilnehmer wird von mehreren Beamten umzingelt - und muss seine Personalien nennen. ©  Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Es sollte nicht die einzige Rangelei bleiben. Auch am Ottokarplatz habe es Geschubse gegeben, sagt Polizeisprecherin Anja Leuschner auf SZ-Nachfrage. Circa 280 Personen liefen dort laut Polizei auf dem Fußweg entgegen der Fahrtrichtung den Stadtring entlang. Vom Haberkornplatz starteten wenig später weitere 150 Personen in dieselbe Richtung. Die Versammlungsteilnehmer, hielten die Mindestabstände laut Polizei teilweise ein, trugen jedoch zu einem Großteil keine vorgeschriebene Mund-Nasen-Bedeckung.

Die Uniformierten nahmen die Personalien von insgesamt 54 Versammlungsteilnehmern auf. Sie fertigten 45 Ordnungswidrigkeitenanzeigen aufgrund von Verstößen gegen die Corona-Schutz-Verordnung. Zudem setzten die Ordnungshüter 28 Platzverweise durch.

Am Ottokarplatz kontrollierte die Polizei nach ihren Angaben 15 "Spaziergänger". Die Beamten stellten sechs Ordnungswidrigkeiten wegen fehlendem Mund-Nasen-Schutz fest. Eine Person habe ein Attest für eine Maskenbefreiung vorweisen können, so Frau Leuschner.

Eine ähnlich große Gruppe ist in Höhe des Johanneums angehalten und kontrolliert worden. Mindestens 20 Beamte wechselten mit einmal die Straßenseite, um die vorbeilaufenden "Spaziergänger" einzukesseln. Etwa genau so viele Demonstranten - darunter junge Leute, Mütter mit ihren Kleinkindern - konnten nun weder nach vorn, noch nach hinten weitergehen. Von jedem wurden die Personalien aufgenommen. Einer der "Spaziergänger" setzte sich provokativ im Schneidersitz auf den Fußweg. Eine Eskalation lag auch hier in der Luft, sie blieb am Ende aber aus. Von dem jüngeren Mann nahmen die Beamten einfach in seiner sitzenden Position die Personalien auf.

Warum die kleine Gruppe am Ende des Zuges ausgerechnet am Johanneum gestoppt wurde, konnte die Polizeisprecherin nicht erklären. Fast alle dieser Demonstranten trugen keinen Mund-Nasen-Schutz. Den trugen die Teilnehmer aber schon eine ganze Weile nicht. Rund eineinhalb Kilometer hatten die "Spaziergänger" zu diesem Zeitpunkt bereits zurückgelegt.

Gestartet waren die "Spaziergänger" gegen 18 Uhr an der Schauburg. Als der Schluss des Zuges die Kreuzung Böhmische Straße/Stadtring querte, waren die ersten bereits bis in Höhe der Aral-Tankstelle gelaufen. Einige wenige vorbeifahrende Autofahrer reagierten mit Hupen und zustimmenden Daumen.

Dieses Mal gab es drei Hauptzüge: einer war vom Ottokarplatz gestartet, einer vom Haberkornplatz (Hauptpost) und ein kleiner Zug vom Karl-Liebknecht-Ring/Ecke Hammerschmidt-Straße. Dazu standen vor allem an den Kreuzungen des Nordrings Gruppen und auf dem Ostring viele Spaziergänge, die sich darin einreihten. Fast alle trugen keinen Mund-Nasen-Schutz, ein Großteil hielt auch keine Abstände ein. Laut Angaben der Polizei sind gut 550 "Spaziergänger" entlang des Zittauer Stadtrings unterwegs gewesen - das sind deutlich mehr als vergangenen Montag.

Corona-Maßnahmen-Kritiker Steffen Golembiewski, der die Aktion am Johanneum filmte und ebenfalls lautstark kommentierte, versprach, dass es nächste Woche noch mehr "Spaziergänger" sein werden.

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