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Viel Kritik an Corona-Massentest in Löbau

Stundenlang müssen Lehrer, Schüler und Eltern zweier Grundschulen am Sonnabend ausharren. Ist so ein Vorgehen des Gesundheitsamts gerechtfertigt?

Hunderte Menschen waren am Sonnabend vom Kreisgesundheitsamt aufgefordert, sich im neuen Löbauer Testzentrum einem Corona-Test zu unterziehen.
Hunderte Menschen waren am Sonnabend vom Kreisgesundheitsamt aufgefordert, sich im neuen Löbauer Testzentrum einem Corona-Test zu unterziehen. © Matthias Weber/photoweber.de

Jens Zöllner findet drastische Worte: "Dieser Vorgang ist an Sinnlosigkeit nicht zu überbieten", schreibt der Familienvater aus Zittau. Gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Kindern gehört er zu den 235 Personen, die am vergangenen Freitagnachmittag vom Gesundheitsamt des Landkreises aufgefordert werden, sich am Sonnabend ab 10 Uhr im zentralen Testzentrum in Löbau einzufinden, um sich dort einem Corona-Test zu unterziehen.

Diese Aufforderung bekommen am Freitag alle Lehrer und Schüler der Herrnhuter Johann-Amos-Comenius-Förderschule und der Wilhelm-Busch-Grundschule in Zittau, nachdem eine Zittauer Familie, deren Kinder an den beiden Schulen lernen, positiv auf das Virus getestet worden war. 

Stars im Strampler aus Löbau
Stars im Strampler aus Löbau

So klein und doch das große Glück: Wir zeigen die jüngsten Einwohner der Region Löbau-Zittau und die Frischgeborenen, die Verwandtschaft in der Oberlausitz haben.

Familie Zöllner kommt gegen 11 Uhr vor dem Testzentrum in Löbau an. "Es war ein Chaos", schildert der Vater. "Hunderte Menschen standen an, die Kinder tobten herum, wir hatten sofort das Gefühl, dass das hier mehr Schaden als Nutzen macht." Erst gegen 15.15 Uhr - nach mehr als vier Stunden Warten - ist die Familie an der Reihe. "Da können wir ja nur froh sein, dass schönes Wetter war", sagt Jens Zöllner. "Wenn es kalt gewesen wäre und geregnet hätte, dann wären wir jetzt wahrscheinlich alle krank."

Der Test selbst sei dann aber sehr kompetent und freundlich verlaufen, schildert Jens Zöllner. Die Mitarbeiter hätten ihr Bestes gegeben, fügt er hinzu. "Für die Organisation können sie ja nichts." Eines allerdings hat die Familie verwundert: "Getestet wurden nur die Schüler, Eltern und Geschwister hingegen nicht."

Auch sei nicht klar geworden, ob der Aufruf zum Test eine Anordnung oder eine Bitte des Landkreises war. "Es wurde uns gesagt, dass es ein Bürgertelefon gibt und wir da unsere Fragen stellen können", erzählt der 41-Jährige. "Aber als ich wissen wollte, ob der Test freiwillig ist oder nicht, konnte man mir das an diesem Telefon nicht sagen."

Nicht nur die betroffenen Familien, auch Zittaus Oberbürgermeister Thomas Zenker (Zkm) sieht die Vorgehensweise des Gesundheitsamtes und die Umstände der Testung in Löbau kritisch. "Wir müssen ja leider damit rechnen, dass wir künftig öfter mit solchen Situationen umgehen müssen", sagte der OB am Sonntag in einer Videoansprache bei Facebook. Künftig müsse ganz genau klar sein, wer was wann tut und wer wen zu informieren hat, fordert Zenker.

Gesundheitsamt verteidigt das Vorgehen

Beim Gesundheitsamt wird das Vorgehen verteidigt: "Es wurden nicht alle Testpersonen zeitgleich eingeladen, es wurden zeitliche Abstufungen vorgenommen", lässt Landratsamtssprecherin Julia Bjar wissen. Dass es dennoch zu längeren Wartezeiten gekommen sei, sei bedingt durch die "Kurzfristigkeit und dem damit verbundenen erhöhten organisatorischen Aufwand", erklärt sie.

Jens Zöllner bestätigt, dass die Lehrer der Schule in der Zeit zwischen 9 und 10 Uhr zum Test eingeladen waren. "Die letzten kamen aber erst gegen 11 Uhr raus", erzählt er. "Da konnten wir schon ahnen, dass es länger dauert als geplant. Der Landkreis hatte an diesem Tag neun Mitarbeiter im Testzentrum. Für die Planung sei das als ausreichend erschienen.

Auch die Kritik, dass die Zittauer Familien alle für den Test extra nach Löbau mussten, weißt der Landkreis zurück: Gerade für solche Fälle, in denen eine Vielzahl von Personen getestet werden muss, wurde bewusst die stationäre, zentrale Teststation in Löbau geschaffen, erklärt Julia Bjar. "Aufgrund des Infektionsrisikos und der Aufrechterhaltung des originären Dienstbetriebes" wurden die Testungen nicht im Landratsamt Zittau durchgeführt.   

Notbetreuung an Zittauer Schulen

Trotz der erlösenden Nachricht, dass alle Testergebnisse am Sonnabend negativ waren, also keine weitere Corona-Infektion nachgewiesen werden konnte, kann an der Zittauer Busch-Grundschule vorerst kein regulärer Schulbetrieb stattfinden. Neun von zwölf Lehrkräften müssen in dieser Woche weiter in Quarantäne bleiben, bis die Tests innerhalb von fünf bis sechs Tagen wiederholt werden.

Auch für die 20 Schüler der 3. Klasse, in der das infizierte Kind lernt, hat das Gesundheitsamt weiterhin Quarantäne angeordnet. Für sie, aber auch alle anderen  Schüler bedeutet das wieder Hausunterricht. "Die Kollegen bauen da jetzt auf den Erfahrungen vom letzten Schuljahr auf", sagt Vincent Richter, der Sprecher des Landesamts für Schule und Bildung. Die drei Kollegen, die verfügbar sind, sichern in der Schule eine Notbetreuung ab. Die Quarantäne soll bis zum Monatsende gelten.

Besondere Situation in Herrnhut

In Herrnhut hat der Corona-Fall nicht nur Auswirkungen auf die Förderschule Johann Amos Comenius, sondern auch auf das Wohnheim für Menschen mit Behinderung. "Dort wohnen drei Jugendliche, die Kontakt zu dem positiv Getesteten hatten", bestätigt Diakon Volker Krolzik. Die Tests waren alle negativ - wie auch die bisher an die Schule weitergemeldeten anderen Testergebnisse der Schüler und des pädagogischen Personals. In Quarantäne befinden sich nach Angaben von Schulleiter Holger Böwing demnach insgesamt 20 Schüler, nach Angaben des Landkreises außerdem elf Lehrkräfte. Sie hatten Kontakt mit dem Jugendlichen entweder im Klassenverband, im Schultaxi und an einem Praxistag. Isolationspflicht gilt zudem für neun Pädagogen, die aber vor allem die betroffene Werkstufen-Klasse unterrichtet haben. Für alle anderen Schüler der Comenius-Schule findet der Unterricht weitgehend normal statt, betont Böwing.

Als genereller Vorteil erweise sich, dass in der Förderschule in sehr kleinen Gruppen und mit wenig Personalwechsel in den Klassen unterrichtet werde. "So können wir das recht gut eingrenzen", erklärt Diakon Krolzik. Zudem sei man nach dem Lockdown inzwischen besser auf solche Fälle vorbereitet, so stand beispielsweise sofort ausreichend Schutzkleidung bereit. Dennoch ist die Quarantäne eine Herausforderung - personell und auch für die betroffenen Kinder, die bei dem schönen Wetter in ihren Zimmern bleiben müssen.

Der Test der Schüler in Löbau am Sonnabend sei aus Sicht der Diakonie gut verlaufen, vor allem, was Absprachen betreffe, betont Krolzik. Da einer der zu testenden Schüler keine fremden Menschen an sich heranlasse, habe man mit dem Gesundheitsamt geklärt, dass der betreuende Hausarzt den Abstrich nehmen konnte. Die Lehrer an der Schule waren bereits am Freitag vom Gesundheitsamt getestet worden. Für die Schüler war das aber wegen noch einzuholender Zustimmung von Eltern oder Sorgeberechtigten nicht möglich.

Keine neuen Corona-Fälle

Die Landkreisverwaltung werde die Verfahrensweise des vergangenen Sonnabends intern auswerten, um organisatorische Abläufe optimieren zu können, teilt Julia Bjar mit. Im Ergebnis bleibe aber festzuhalten, dass dank der Bereitschaft aller Beteiligten eine schnelle Testung und die Befundübermittlung bis zum Sonntagabend möglich war. 

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23 Personen waren der Aufforderung zum Testen am Sonnabend nicht gefolgt. Sie wurden für diesen Mittwoch erneut eingeladen. Die Zahl der aktuellen Corona-Fälle hat sich am Montag (Stand 12 Uhr) nicht verändert. Nach Angaben des Landkreises sind gegenwärtig 19 Menschen infiziert, eine Person wird im Krankenhaus behandelt. 90 Personen befinden sich in Quarantäne.

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