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Vertrieben aus der Heimat: "Wir sind nicht willkommen"

Die Deutsche Gesellschaft geht im Buch "Vertriebene in SBZ und DDR" ein wenig beleuchtetes Geschichtskapitel an.

Das Buch „Vertriebene in SBZ und DDR“ ist im be.bra Wissenschafts Verlag Berlin erschienen. Es kostet 24 Euro. ISBN: 978-3-95410-274-7 (im Buchhandel und über das Internet bestellbar).
Das Buch „Vertriebene in SBZ und DDR“ ist im be.bra Wissenschafts Verlag Berlin erschienen. Es kostet 24 Euro. ISBN: 978-3-95410-274-7 (im Buchhandel und über das Internet bestellbar). © Irmela Hennig

Die Umsiedler helfen uns, den Mangel an Arbeitskräften zu überwinden, ja noch mehr, sie bringen notwendige Facharbeiter mit, die eine Bereicherung für unsere deutsche Industrie darstellen ...“ Zitat aus einer ostdeutschen Tageszeitung vom 19. August 1946. Unter der Überschrift „Umsiedler erhalten Arbeit. Neue Industriezweige entstehen“ lobte der Autor den Aufschwung Ost nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und unterstrich in Propagandamanier die Bedeutsamkeit der Menschen, die gegen oder nach Kriegsende vor allem aus den Ostgebieten des Deutschen Reiches in die Sowjetische Besatzungszone gekommen waren.

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Was sich im Text nach einer Erfolgsgeschichte anhört, muss für die Betroffenen wie Hohn gewirkt haben. Denn sie fühlten sich nicht als „Umsiedler“, sondern meist als Vertriebene, vielleicht auch Geflüchtete. Geschätzt wurde die „gepriesene“ Arbeitskraft von den Nachbarn und Kollegen zudem auch kaum. In einigen Bereichen gab es zwar gezielte Bemühungen, die Facharbeiter einzubinden. So bauten Beschäftigte aus der Gablonzer Schmuckindustrie die „Bijou-Werke“ im Raum Gotha auf. Im brandenburgischen Jüterbog setzte man auf Experten und Heimarbeiter aus dem Schluckenauer Zipfel bei der Kunstblumenproduktion. Doch bei den Alteingesessenen zwischen Görlitz und Erfurt, Zittau und Rügen spürten sie allzu oft: Wir sind nicht willkommen.

4,4 Millionen Vertriebene in DDR

Berichte dazu gibt es schon lange. In einem neuen Buch der Deutschen Gesellschaft, erschienen im be.bra Wissenschaftsverlag, wird dieser Fakt nun geschichts- und gesellschaftswissenschaftlich betrachtet – als einer von vielen. Die Herausgeber Hartmut Koschyk und Vincent Regente haben sich vorgenommen, ein „bislang wenig erforschtes“ Thema in seinem „ostmitteleuropäischen Kontext in den Blick“ zu nehmen. Es geht um „Vertriebene in SBZ und DDR“, so ist es im Buchtitel nachzulesen. Wobei die Abkürzungen, das sei angemerkt für die Generation der nach 1990er, für Sowjetische Besatzungszone und Deutsche Demokratische Republik stehen.

Nach dem Krieg gab es laut DDR-Statistik 4,4 Millionen Menschen im sozialistischen Teil Deutschlands, die offiziell als „Umsiedler“ bezeichnet wurden. Viele verließen das Territorium aber und gingen in den Westen. Die Zahlen dazu schwanken im Buch. Bis zum Mauerbau sollen es 800.000 gewesen sein. Andere Angaben gehen von 2,7 Millionen aus, die weiterzogen.

Ein Denkmal für Vertriebene aus Gablonz, heute Jablonec in Tschechien, erinnert in Neugablonz bei Kaufbeuren an das Leid von Millionen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg.
Ein Denkmal für Vertriebene aus Gablonz, heute Jablonec in Tschechien, erinnert in Neugablonz bei Kaufbeuren an das Leid von Millionen Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg. © Irmela Hennig

In der Bundesrepublik verfolgte man „gegenüber den Vertriebenen aufgrund der offenen Fragen nach einer möglichen Rückkehr in die alte Heimat eine Strategie der Eingliederung auf Vorbehalt“, so schreibt Reinfried Vogler, Vorsitzender der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, in seinem Geleitwort zum Buch. Die DDR aber habe eine „Politik der Zwangsassimilation“ forciert. So wurden beispielsweise Behörden für die Betroffenen rasch aufgelöst. Bernd Fabricius, Bundesbeauftragter für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, erinnert an die „Tabuisierung und Verharmlosung eines leidvollen Schicksals“ vieler Menschen in der DDR.

Er zitiert den 1943 in Breslau (heute Wroclaw in Polen) geborenen Wolfgang Thierse, ehemals Bundestagspräsident, der zu Flucht, Vertreibung und Heimatverlust gesagt hatte: „In der DDR war all diese Erinnerung strikt Privatsache, auch die Wehmut und der Schmerz (...). Sie durften nicht sichtbar, nicht hörbar werden, hatten keinen Ort außer in den Kirchgemeinden.“ Finanziell, so geht aus dem Buch hervor, waren die „Neuen“ oft schlecht gestellt, besonders die Rentner. Häufig wurden ihre Ansprüche aus der Heimat nicht anerkannt. Sie lebten unter dem Existenzminimum.

Abwanderung nicht gestoppt

Auch die Vernetzung von Vertriebenen war, außer im strikt persönlichen Raum, in der DDR und SBZ nicht möglich. Vereine und Verbände wurden nicht zugelassen. Dennoch gab es in den 1940er- bis in die 1960er-Jahre hinein Treffen in den Zoos von Leipzig und Halle. Wohl auf Initiative von Sudetendeutschen. Die Staatssicherheit beobachtete dies und legte dazu Akten an. Teilweise seien die Treffen aber vorübergehend geduldet worden.

Die Autoren widmen sich auch denjenigen, die in der Heimat bleiben konnten oder mussten, weil ihre Arbeitskraft gebraucht wurde. Da aber Nachbarn, Freunde, Kultur, Sprache rundum verschwunden war, hatten sie teilweise auch das Gefühl, das Zuhause verloren zu haben. So beschreibt es Bernard Gaida, Vorsitzender des Verbandes der deutschen sozialkulturellen Gesellschaft in Polen. Er zitiert einen Allensteiner (heute Olsztyn), der sagte: „Nur der Himmel ist geblieben, sonst ist das ein anders Land.“ Irena Kurasz von der Universität Breslau erinnert an die Gewalt von Polen und Russen gegen Deutsche. Sie lässt eine Breslauerin zu Wort kommen, deren Mutter wohl an den Folgen von Vergewaltigungen durch Russen starb.

Aufgegriffen werden auch späte Versuche, die Deutschen in Polen und der Tschechoslowakei (teils zwangsweise) zu integrieren und einige kulturelle Strukturen zuzulassen. So gab es in Niederschlesien zeitweise deutschsprachigen Schulunterricht, eine Zeitung in deutscher Sprache sowie deutsche Kulturgruppen, unter anderem in Świdnica (Schweidnitz) und Szczawno-Zdrój (Bad Salzbrunn). In Walbrzych wurde die Deutsche Sozial- und kulturelle Gesellschaft gegründet. Doch die Abwanderung von einem großen Teil der Deutschen, so das Fazit, habe das nicht stoppen können.

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