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Prozess um kiloweise Drogen

Ein 34-jähriger Zittauer und seine Freundin müssen sich seit heute vor dem Landgericht verantworten. Zum Auftakt legte die junge Frau ein Geständnis ab.

Ein Mann dreht sich einen Joint mit Marihuana. Den Rohstoff lieferte in der Oberlausitz laut Anklage auch ein Pärchen aus Zittau.
Ein Mann dreht sich einen Joint mit Marihuana. Den Rohstoff lieferte in der Oberlausitz laut Anklage auch ein Pärchen aus Zittau. © Daniel Karmann/dpa

Der Abend des 29. September 2020 sei für sie ein riesiger Schock gewesen, erzählt die 21-jährige Nadja* A. aus Zittau dem Landgericht Görlitz. Gerade hatte sie ihren Freund, den 34-jährigen Roger B. noch angerufen, wo er denn bleibe. Schließlich sollte es zum Einkauf gehen. Das Geld dafür sollte aus einem Drogenverkauf stammen. Dass ihr Freund da bereits von Polizeibeamten auf der B96 geschnappt worden ist und beim Begleiter 200 Gramm Marihuana gefunden wurden, ahnte sie zu dem Zeitpunkt noch nicht. Wenig später standen Beamte in der gemeinsamen Zittauer Wohnung und fanden neben 1,8 Kilo minderwertigem Marihuana auch einer erhebliche Menge chemischer "harter" Drogen. Für sie völlig überraschend, wie Nadja A. vor Gericht beteuerte.

Ob die hübsche junge Frau, zwei Berufsausbildungen abgebrochen, arbeitslos und vom Kindergeld lebend, wirklich ahnungslos war? Unschuldig war sie selbst dann nicht, wenn man ihren Angaben vor Gericht uneingeschränkt Glauben schenkt. Die Ermittlungen der Polizei, vor allem die Auswertung der Telefone von ihr und ihrem Freund, hatte eine ganze Reihe mehr als jenen Vorwurf von der Hausdurchsuchung zutage gebracht. Andere Anzeigen gegen die junge Frau lagen auch so schon vor. Die Anklage, die Staatsanwalt Christopher Gerhardi vortrug, umfasst 18 Straftaten. Viele der Anklagepunkte räumte Nadja A. ein. Dazu gehört eine Lieferung von Marihuana und Amphetaminen im Oktober 2019 nach Prag, zu einem Kroaten, den sie zuvor in einem Ferienhausurlaub in Dubrovnik kennengelernt hatten. Dort hatten sie laut Nadja S. gemeinsam Marihuana konsumiert und sich angefreundet. Als der Mann ein paar Wochen später in Prag war, fragte er über das Handy an, ob sie nicht etwas besorgen könnten. Das taten die beiden, wie Nadja A. gestand, verbanden die Lieferung mit einem Prag-Besuch und nahmen für diesen Freundschaftsdienst auch keinen oder kaum Aufschlag. Für eine zweite Lieferung bestand zwar erneut Telefonkontakt, aber anders als angeklagt sei dieser nicht zustande gekommen, sagt Nadja A. aus.

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Anklageliste umfasst 18 Straftaten

Die Anklagepunkte drei bis elf haben es in sich: Die beiden Angeklagten sollen laut Anklage zwischen November 2019 und März 2020 insgesamt neunmal in Grenzgebiet nach Tschechien gefahren sein, um erhebliche Mengen Marihuana aufzukaufen, jeweils zwischen 700 Gramm und 1,8 Kilogramm, insgesamt über zehn Kilo. Staatsanwalt Gerhardi rechnet mit einem Einkaufspreis von fünf Euro pro Gramm. Abzüglich etwas Eigenverbrauchs sollen die beiden Angeklagten das Marihuana gewinnbringend weiterverkauft haben. Gerhardi rechnet mit 7,50 Euro pro Gramm. Die beiden hätten also überschlägig für gut 50.000 Euro Marihuana eingekauft und rund 75.000 Euro aus dem Verkauf erlöst. Nadja A. will von alldem wenig gewusst haben. Ihr sei zwar bekannt gewesen, dass ihr Freund ab und zu nach Tschechien gefahren sei, zu Freunden aus dem Autoschrauberbereich, auch um Marihuana zu besorgen. Sie sei nie dabei gewesen, könne nichts zu Mengen und der Häufigkeit sagen.

Beim Verkauf der Drogen habe sie teilweise geholfen, auch einige Verkäufe an Bekannte selbst organisiert. Aber wirklich Einblick habe sie nie gehabt, irgendeine Buchhaltung habe es nie gegeben. Auf einem Handy fanden die Beamten ein Foto, auf dem das Liebespaar mit riesigen Marihuana-Tüten posiert. "Eine Dummheit", sagt Nadja A. jetzt. Es sei entstanden und die Menge so groß gewesen, weil sie eingekauftes Marihuana mit Nutzhanf, den sie auf einem Feld in der Region zufällig fanden, gestreckt hatten. Die "gepanschten" Tüten seien dann an weniger gut bekannte Käufer vertickt worden für immerhin acht Euro und mehr pro Gramm, sagt sie. So richtig zufrieden war vor allem Staatsanwalt Gerhardi nicht mit diesen Aussagen. Ob ihr denn nicht klar gewesen sei, dass mit den Drogengeschäften der Lebensunterhalt und darüber hinaus einige Urlaube finanziert wurden, fragte er. Darüber habe sie sich nie Gedanken gemacht, lautete die Antwort. Ihr Freund habe schließlich Autos geschraubt und auch welche verkauft. Und dann sei Geld da gewesen.

Dreiste Lüge bei der Fahrerlaubnisbehörde

Ob die junge Frau wirklich nichts von der Größe der "Unternehmung" ahnte? Ihre gebildete Ausdrucksweise lässt zumindest anderes vermuten. Andererseits sind da weitere Anklagepunkte, die ihren gewohnten Umgang mit Drogen dokumentieren und auch ein Stück Naivität: In Dresden wurde sie auf dem Terrassenufer beim Rauchen eines Joints erwischt. Das räumte sie ein. Dann wurde sie in einem VW Tuareg kontrolliert, der weder zugelassen noch pflichtversichert und mit falschen Kennzeichen ausgestattet war. Bei der Fahrt stand sie unter Drogen. Letzteres gab sie zu, das Auto habe sie einfach vom Hof ihres Freundes genommen, nichtsahnend, dass mit dem Fahrzeug etwas nicht stimmte.

Und schließlich habe sie bei der Fahrerlaubnisbehörde mit der Behauptung, ihr Freund habe mit seiner Geldbörse ihre Fahrerlaubnis verloren, eine neue erschleichen wollen. Dabei hatte die tschechische Polizei sie eingezogen, als sie dort in einem Audi mit und unter Drogen erwischt wurde. Das gab sie vollumfänglich zu, es war natürlich auch herausgekommen. Schließlich gestand sie auch, zwei Drogenverkäufe an einen Herrnhuter telefonisch eingefädelt zu haben. Der erste sei zustande gekommen, der zweite nicht.

Das Gericht wird in einer umfangreichen Beweisaufnahme die Sachverhalte weiter versuchen, aufzuklären. Insgesamt sind derzeit sechs weitere Verhandlungstermine angesetzt. Zum nächsten Termin am 29. März wird auch der Hauptangeklagte Roger B. aussagen. Das kündigte sein Verteidiger Torsten Mengel nach einem Verständigungsgespräch mit Staatsanwalt Gerhardi an. Er wird sich neben den angeklagten Einkäufen der großen Mengen Marihuana vor allem zu dem Drogenfund bei der Durchsuchung seiner Wohnung äußern müssen. Dann wird sich zeigen, ob Roger B. wirklich einer der größten Drogen-Dealer der Oberlausitz war, wie ein Insider behauptete.

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