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Schuhe probieren vor der Ladentür

Die Einzelhändler in Löbau-Zittau kämpfen ums Überleben - und mit einer Corona-Schutzverordnung, die sie vor Probleme stellt. Mitunter treibt das seltsame Blüten.

Gesine Schöne ist am Montag die erste Kundin, die am Schuhhaus Kellner in Oderwitz bestellte Schuhe an der Ladentür abholt.
Gesine Schöne ist am Montag die erste Kundin, die am Schuhhaus Kellner in Oderwitz bestellte Schuhe an der Ladentür abholt. © Matthias Weber/photoweber.de

Gesine Schöne hat ihren Enkel gleich mitgebracht. "Da haben wir ja heute wirklich Glück", ist sie sichtlich erleichtert. Als der Junge nämlich heute früh seine dicken Stiefel anziehen wollte, ging der Reißverschluss kaputt. Da brauchte er nun ganz schnell neue Schuhe.

Jetzt steht sie mit FFP2-Maske und Enkel vor der Tür zum Schuhhaus Kellner in Oderwitz. Ins Geschäft darf Schuhhändler Mario Kellner seine Kunden nicht bitten. Aber wenigstens darf er ihnen die bestellten Schuhe aus der Tür reichen. Seit diesem Montag ist "Click und Collect" - diese Möglichkeit, bestellte Ware an der Ladentür oder durchs Fenster abholen zu dürfen - endlich auch in Sachsen erlaubt, dem einzigen Bundesland, in dem das bisher nicht möglich war.

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"Wenigstens etwas, das den Kunden hilft", sagt Mario Kellner. Den ganzen Morgen haben er und seine Frau schon Pakete gepackt: Dutzende Bestellungen übers Internet, die sie täglich bearbeiten und verschicken. "Wir haben schon seit ein paar Jahren einen eigenen Internet-Shop", erklärt Mario Kellner. "Das hat uns jetzt im Lockdown sehr geholfen."

Aber der Handel im Internet ist auch ein riesengroßer Aufwand, fügt er hinzu. Man müsse ja das gesamte Sortiment abbilden. Und viele Pakete werden ja auch wieder zurückgeschickt, weil sich die Kunden verschiedene Modelle und Größen zur Auswahl schicken lassen.

Auslieferung bis zur Haustür

An die Umsätze in den Geschäften allerdings - Kellners führen neben dem Oderwitzer Stammhaus auch Filialen in Zittau, Görlitz und Bautzen - kommt der Online-Handel längst nicht heran, auch jetzt im nun schon seit drei Monaten anhaltenden Corona-Lockdown nicht. Deshalb sind die Schuhregale alle brechend voll: Neben den Winterstiefeln stehen ja schon die neuen Frühjahrskollektionen. Und nächste Woche fahren Kellners schon für die kommende Wintersaison einkaufen. "Das wird eine ziemliche Gratwanderung", ahnt Mario Kellner.

Wenigstens darf er jetzt an der Haustür ausliefern. Auch wenn diese Verordnung seltsame Blüten treibt: Vier Schuhkartons reicht er Gesine Schöne mit weit ausgestreckten Armen aus der Tür. Der Enkel probiert die Schuhe gleich im Auto. "Es wäre doch ein völlig unnötiger Aufwand, wenn ich die Schuhe erst alle zum Anprobieren mit nach Hause nehme und dann wieder herbringen müsste", sagt die Bertsdorferin.

Sie und ihr Enkel sind gerade die einzigen Kunden. Trotzdem darf Mario Kellner sie nicht zum Anprobieren in den Laden bitten. "Das ist für mich eigentlich nicht nachvollziehbar", sagt er und wirkt resigniert. "Vor allem wenn ich dann sehe, wie sich die Leute im Supermarkt drängeln, da frage ich mich schon, was wir hier machen." Seine 16 Angestellten musste er in die Kurzarbeit schicken.

Geschäfte voll mit Winterkleidung

Im Neugersdorfer Spreequell-Kaufhaus hält an diesem Montag Margret Punke im Büro die Stellung und nimmt Anrufe entgegen. Auch sie ist froh, dass Kunden jetzt Ware auf Bestellung abholen dürfen. "Wir sind von Montag bis Freitag von 10 bis 15 Uhr da", sagt sie. "Wir haben noch Winterware ohne Ende zu bieten." Für Bekleidungsgeschäfte, die der Saison und der Mode unterliegen, ist der Lockdown doppelt schwierig. Denn die lange im Voraus gekaufte Ware kann nicht zurückgegeben werden. "Spreequelle"-Geschäftsführer Axel Unruh will über die schwierige Situation deshalb gar nicht erst reden.

Der Zittauer Sporthändler Hagen Bergmann hat den Laden noch voller Ski-Alpin-Ausrüstung. "Wir sind jetzt zwar sehr froh, dass wir den Abholservice bieten dürfen, aber großartig helfen wird uns das bei den Wintersachen wohl nicht mehr", befürchtet er. Da sieht er schon eher eine Chance, wenigstens einen Teil der Frühjahrswaren auf diese Weise an den Mann oder die Frau bringen zu können. "Ich hoffe jetzt darauf, dass wir am Ende eine staatliche Unterstützung bekommen", sagt er. Anders werden viele Händler wohl nicht überleben.

Der Zittauer Tourismus- und Gewerbeverein "Zittau - lebendige Stadt" hilft den Einzelhändlern, die den Click- und Collect-Service anbieten, mit einer Veröffentlichung auf seiner Internetseite.

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