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Welche Lehren der Handel aus der Corona-Krise ziehen muss

Der Einzelhandel war von der Pandemie stark betroffen. Was muss nun getan werden, um für kommende Krisen gewappnet zu sein? Eine Analyse.

Von Jan Lange
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Wie muss sich der Zittauer Einzelhandel verändern, um weiter attraktiv für die Kunden zu bleiben?
Wie muss sich der Zittauer Einzelhandel verändern, um weiter attraktiv für die Kunden zu bleiben? ©  Archivfoto: Matthias Weber

Unter der Corona-Pandemie hat insbesondere der stationäre Einzelhandel gelitten. Mehrere Monate waren die Geschäfte geschlossen, mancher Händler hatte in dieser Zeit keinen oder nur sehr geringen Umsatz. Die befürchtete Pleite-Welle im Einzelhandel ist zwar im Süden des Landkreises Görlitz bisher ausgeblieben, aber in vielen Geschäften erreichen die Umsätze bis heute immer noch nicht das Vor-Krisen-Niveau.

Welche Lehren müssen Handelsunternehmen aus dieser Zeit ziehen und in welche Bereiche sollen zukünftig Investitionen fließen, um für neue Krisen gewappnet zu sein? Die SZ analysiert die Situation zusammen mit der Industrie- und Handelskammer (IHK) und Zittaus Citymanager.

Online-Handel wird immer wichtiger

Schon vor Corona konnte der Online-Handel seinen Anteil am Gesamthandel deutlich steigern. Die Pandemie hat diese Entwicklung verstärkt. Haben zuvor etwa 30 Prozent der Kunden regelmäßig online eingekauft, erhöhte sich der Prozentsatz jetzt laut Marktanalysten auf 37 Prozent. Gleichzeitig ist der Anteil der Verbraucher, die eine enge Beziehung zu stationären Ladengeschäften haben, gesunken.

Ein Online-Shop ist eine Möglichkeit, seinen Umsatz zu halten oder sogar zu steigern. Ein Beispiel ist die Hirschfelder Firma Hals-ueber-Krusekopf, die auch einen Online-Shop mit gut 6.000 Artikeln betreibt. Die Corona-Krise gab ihrem Online-Handel noch mal einen kräftigen Schub - der Verkauf erhöhte sich um etwa 60 Prozent. Das digitale Geschäft ist aber schon seit Jahren der Umsatztreiber des Hirschfelder Unternehmens.

Einen Online-Shop neu eingerichtet hat die Zittauer Firma Theile & Wagner. Sie bekommt dabei Unterstützung vom Einkaufsverband Nordwest Handel mit dem System- und Ladenkonzept "FachWerk".

Einige Zittauer Händler betreiben keinen eigenen Online-Shop - unter anderem wegen fehlenden personellen Ressourcen. Das Beispiel Theile & Wagner zeigt, dass eine solche Aufgabe mit der Unterstützung anderer dennoch gemeistert werden kann.

"Eine Onlinepräsenz ist enorm wichtig", findet der Zittauer IHK-Geschäftsführer Matthias Schwarzbach. "Es muss nicht unbedingt ein Onlineshop sein, aber die Grundlagen, wie Google My Business Eintrag sollte jedes Unternehmen mittlerweile besitzen", sagt er. Das Smartphone ist ständiger Begleiter der Kunden. Nach allem wird gegoogelt. Digitale Präsenz der Einzelhändler sei deshalb enorm wichtig, so Schwarzbachs Einschätzung.

Bei einer bundesweiten Umfrage unter rund 200 Händlern wurde deutlich, dass die Befragten vor allem bei Social-Media-Aktivitäten und digitaler Sichtbarkeit Verbesserungspotenzial sehen. Für die Grundlagen und ersten Schritte in der Onlinepräsenz bietet die IHK Dresden eine kostenlose Webinarreihe.

Stationäre Geschäfte bleiben wichtig

Ein Online-Shop ist eine Möglichkeit für die Einzelhändler, ihre Produkte zu verkaufen. Davon ist Zittaus Citymanager Stephan Eichner überzeugt. "Händler, die ihr Angebot lokal und online anbieten, haben sicher eine große Chance, ihre Umsätze zu halten oder eventuell zu steigern." Das Ladengeschäft bleibt auch laut der Händlerumfrage für den Großteil der Befragten in Zukunft der meistgenutzte Vertriebskanal.

Die Stärke des stationären Einzelhandels ist aus Sicht der Gewerkschaften die Beratung der Kunden durch erfahrene Beschäftigte. Daran sollte aus ihrer Sicht nicht gespart werden. Denn der Handel würde sich dann selbst das Wasser abgraben.

Oft zu hören ist das Argument, dass ohne den stationären Handel die Innenstädte tot sind. Dieser Meinung ist auch Matthias Schwarzbach. Aber auch Händler wie Thomas Krusekopf, für den der Online-Handel inzwischen ein ganz wichtiges Standbein ist, sieht es genauso. Deshalb betreibt Krusekopf weiterhin drei Ladengeschäfte - zwei in Zittau und eines in Hirschfelde am Stammsitz des Unternehmens.

"Aber ein weiter so wie bisher, funktioniert nicht", meint Schwarzbach. Eine Neuausrichtung des stationären Handels halten auch die Gewerkschaften für notwendig. In der Stadt Zittau gab es bis Ende 2020 eine Förderung für kleinere Firmen. Mit den Investitionen soll zum Beispiel die Wettbewerbs- und Leistungsfähigkeit der Betriebe gestärkt werden.

Das Schuhhaus Kellner hat am Standort Rathausplatz 14 nicht nur ein neues Geschäft geschaffen, sondern gleichzeitig das Sortiment erweitert, bietet jetzt neben Schuhen auch Mode und Accessoires an.

Die IHK empfiehlt eine regelmäßige Überprüfung des eigenen Geschäftes auf Attraktivität. Die Händler sollten sich immer wieder die Frage stellen: Würde ich selbst gern bei mir einkaufen? Damit sind dann gegebenenfalls auch Investitionen verbunden. Laut IHK sei festzustellen, dass die Renovierungszyklen im stationären Einzelhandel werden immer kürzer - etwa aller sieben Jahre.

Für Matthias Schwarzbach gibt es beim Wettkampf Online-Handel gegen stationärer Handel keinen Sieger. "Beide Welten haben ihre Vorzüge und in Kombination bieten sie die besten aller Shopping-Erlebnisse", findet er. Deshalb empfiehlt er, die Vorteile des stationären Handels mit den Vorteilen der Onlinewelt zu verbinden, sogenannte Multi-Channel-Konzepte aufzustellen: im Internet bestellen, im Geschäft abholen, nach Hause gelieferte Waren im Geschäft zurückgeben oder im Internet recherchieren, ob bestimmte Produkte im Geschäft verfügbar sind.

Händler müssen flexibel sein

Die Flexibilität steht aus Sicht von Zittaus Citymanager an erster Stelle. "Die Erreichbarkeit über Telefon, WhatsApp, E-Mail oder Online-Shop war und ist immer noch sehr wichtig!", findet Stephan Eichner. Bei der Bestellannahme, dem Versand, der Zustellung oder bei der Abholung der Ware sollte grundsätzlich gelten „immer präsent sein, den Markt nicht anderen überlassen“, so der Citymanager.

Denn klar sei: Ein zufriedener Kunde wird Stammkunde, kommt immer wieder und sorgt für Umsatz aber auch für positive Feedbacks im Familien- und Bekanntenkreis.

Nicht unbedingt länger öffnen, dafür aber einheitlich

Der stationäre Handel hat gegenüber dem Online-Handel einen großen Nachteil: Während die Kunden online 24 Stunden täglich shoppen können, sind die Geschäfte vor Ort nur für eine bestimmte Zeitspanne geöffnet.

Die Öffnungszeiten im Einzelhandel immer mehr auszuweiten, ist für die Gewerkschaften keine Lösung. Das habe in der Vergangenheit nur den Verdrängungswettbewerb verschärft und keine existenzsichernden Vollzeit-Arbeitsplätze geschaffen.

Wichtiger ist, dass es einheitliche Öffnungszeiten gibt, findet der Citymanager. In Zittau kein einfaches Thema, wie sich beispielsweise am Samstag zeigt. Eine Initiative, einen gemeinsamen langen Einkaufssamstag zu etablieren, wurde nach einigen Monaten erfolglos beendet.

Händler müssen enger zusammenarbeiten

Partnerschaften und Kooperationen am Standort, in der Werbung und im Einkauf sind nach Einschätzung der IHK von Vorteil. "Nur wenn viele potentielle Kunden in die Innenstadt kommen, profitieren auch viele Einzelhändler davon", erklärt Schwarzbach und fügt hinzu: "Durch neue Ideen und Input können die Einzelhändler voneinander lernen und sich gegenseitig unterstützen."