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Das Denkmal ohne Statue

Im IBZ St. Marienthal gibt es jetzt das "Wir-Denkmal". Es würdigt Demokratiefreunde - ganz anders als die meisten anderen Denkmäler.

Alem Seighani und Tobias Rönsch arbeiten seit Jahren sehr gut zusammen und stehen gemeinsam auf dem "Wir-Denkmal" (links). Die Görlitzer Musikgruppe „Bierblumen-Band“ hat sich ebenfalls auf das Denkmal gestellt (rechts).
Alem Seighani und Tobias Rönsch arbeiten seit Jahren sehr gut zusammen und stehen gemeinsam auf dem "Wir-Denkmal" (links). Die Görlitzer Musikgruppe „Bierblumen-Band“ hat sich ebenfalls auf das Denkmal gestellt (rechts). © IBZ

Der Sockel steht bereits, nun fehlt nur noch die Statue. Das werden sich in den letzten Tagen Besucher des Klosters St. Marienthal gedacht haben. Die Statue fehlt keineswegs, erklärt Michael Schlitt vom Internationalen Begegnungszentrum (IBZ) St. Marienthal. Das sogenannte "Wir-Denkmal" bekommt keine Statue. Die Besucher sollen sich vielmehr selbst als "Denkmal" auf den Sockel stellen und ein Foto machen.

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Die Idee stammt von dem Künstler Hans Traxler. Er hatte 2005 in Zusammenarbeit mit dem Steinmetz Reiner Uhl das "Ich-Denkmal" in Frankfurt am Main errichtet, weiß der IBZ-Direktor, dessen Bruder in der Mainmetropole wohnt. Ein zweites Exemplar steht seit 2007 in Kassel, ein drittes seit 2019 in Bielefeld. Auf der Vorderseite dieser Denkmäler steht jeweils „ICH“ in goldenen Großbuchstaben, an der Rückseite ermöglicht eine dreistufige Treppe das Besteigen des Sockels.

Auch auf diesen Denkmälern stehen keine Statuen. Vielmehr werden Besucher animiert, den Sockel zu besteigen und sich dort, angeregt von Traxlers Zeichnungen auf einer Schautafel, in verschiedenen Posen fotografieren zu lassen. Die so fotografierten Besucher werden somit selbst zum Denkmal.

So sieht das "Ich-Denkmal" in Frankfurt am Main aus.
So sieht das "Ich-Denkmal" in Frankfurt am Main aus. © Michael Schlitt

Angeregt durch diese „Ich-Denkmäler“ entstand die Idee, auch auf dem Gelände des Klosters St. Marienthal ein solches Denkmal zu errichten. Sogar ein Text für die Hinweistafel war bereits entworfen:

ICH-Denkmal

Ja-Pomnik

Já-Památník

Jeder Mensch ist einzigartig.

Jeder Mensch ist ein Geschöpf Gottes und von Gott geliebt, egal welchen Alters, welchen Geschlechts, welcher Hautfarbe, Religion oder Weltanschauung.

Daher ist die Würde jedes einzelnen Menschen unantastbar.

Jeder Mensch hat es deshalb verdient, auf diesem Podest als Denkmal zu stehen.

Statt eines Ich-Denkmals wurde nun ein "Wir-Denkmal" in Marienthal errichtet. Dafür gab es laut Schlitt mehrere Gründe. So kommentierten Freunde und Bekannte die Idee eines "Ich-Denkmals" mit den Worten, dass es genug Ichlinge und Egomanen gebe und dass man denen nicht noch ein Denkmal setzen solle. Vielmehr solle das Gemeinsame, das Miteinander der Menschen in einer Gesellschaft gefördert werden.

Schlitt findet den Einwand berechtigt. In der Gesellschaft sei der Streit heftiger und die Atmosphäre giftiger geworden. Debatten werden immer aggressiver geführt - nicht nur in den sozialen Medien, meint er. Die Aufgabe einer Bildungseinrichtung wie dem IBZ solle es sein, zu vermitteln, einander mehr zuzuhören und bereit zu sein, dazuzulernen.

Bevor es zur Ausführung des neuen Denkmals in St. Marienthal kam, wurden in den IBZ-Gremien verschiedene Namen diskutiert - unter anderem „Wir gemeinsam“ oder „Miteinander“. Am Ende der Diskussion fand sich eine Mehrheit für den Namen „Wir“. Auf einer Tafel direkt neben dem neuen Denkmal findet sich folgende Erläuterung:

Wir-Denkmal

My-Pomnik

My-Památník

Für alle, denen der Zusammenhalt in der Familie wichtig ist.

Für alle, denen der Zusammenhalt von Freunden wichtig ist.

Für alle, denen der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft wichtig ist.

Für alle, denen das gute Miteinander der Menschen unabhängig von Religion, Weltanschauung, Nation und Hautfarbe wichtig ist.

Alle, denen dieser Zusammenhalt wichtig ist, können dies zum Ausdruck bringen und sich gemeinsam (ab zwei Personen) als „Denkmal“ aufstellen und ein Foto machen.

Wesentliche Änderungen im Vergleich zum „Ich-Denkmal“ sind die Größe des Denkmals, die mehreren Personen Platz bietet, die Zufahrt zum Sockel, die es auch Rollstuhlfahrern ermöglicht, Teil des Denkmals zu sein, sowie die polnische und tschechische Übersetzung des Wortes „Wir“ auf dem Sockel, da Marienthal durch die Grenznähe von vielen Gästen aus Polen und Tschechien besucht wird.

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