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Die große Not im Zittauer Gebirge

Der Corona-Lockdown nimmt dem Urlaubsgebiet seit vier Monaten seine wichtigste Einnahme. Nicht nur im Gastgewerbe steht viel auf dem Spiel.

Gerhard Meier betreibt das Landhotel und Restaurant "Café Meier" im Kurort Oybin. Wenn es nicht bald wieder öffnen kann, dann öffnet es womöglich gar nicht mehr.
Gerhard Meier betreibt das Landhotel und Restaurant "Café Meier" im Kurort Oybin. Wenn es nicht bald wieder öffnen kann, dann öffnet es womöglich gar nicht mehr. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Die schöne Bummelmeile liegt wie ausgestorben am Fuße des Oybin: Keine Aufsteller und Auslagen vor den Geschäften, keine Stühle auf den Terrassen, keine Frühblüher vor den Türen, kein Mensch weit und breit. Der sonst so quirlige Kurort im Zittauer Gebirge ist leer.

Gerhard Meier steht mit verschränkten Armen. Seit vier Monaten haben er und seine Frau keinen Gast mehr begrüßt - und keinen Cent mehr verdient. Landhotel und Restaurant "Café Meier" sind geschlossen, liegen darnieder im verordneten Corona-Lockdown. Nicht nur für die Meiers ist das inzwischen eine Katastrophe.

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"Es geht um unsere Existenz - nicht mehr und nicht weniger", sagt Gerhard Meier ganz nüchtern. Aber die Wut im Bauch ist ihm anzumerken. "Wir Gastronomen scheinen den Politikern doch völlig egal zu sein", sagt er. Gerhard Meier ist jetzt 69, das "Café Meier" ist sein Lebenswerk. Dass es weiterlebt, ist inzwischen aber nicht mehr sicher. "Wenn wir nicht bald wieder öffnen können, öffnen wir womöglich gar nicht mehr", sagt der Gastwirt.

Wie ihm und seiner Frau geht es Hunderten im Zittauer Gebirge: Gastwirten, Hoteliers, Händlern, Vermietern, Gästeführern - und nicht zuletzt auch allen ihren Mitarbeitern und Angestellten. Der Lockdown hat der traditionellen Urlauberregion ihre wichtigste Erwerbsquelle genommen.

Wie ausgestorben wirkt der Kurort Oybin ohne Gäste. Der monatelange Corona-Lockdown wird sich noch auf Jahre auswirken, sagt Oybins Bürgermeister Tobias Steiner (SPD).
Wie ausgestorben wirkt der Kurort Oybin ohne Gäste. Der monatelange Corona-Lockdown wird sich noch auf Jahre auswirken, sagt Oybins Bürgermeister Tobias Steiner (SPD). © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Um ihren acht Mitarbeitern nicht kündigen zu müssen, haben Meiers sie im November in Kurzarbeit geschickt. "Da hat man uns ja noch erklärt: Wenn jetzt alle gut mitmachen, können wir Weihnachten wieder öffnen", sagt Gerhard Meier. "Im November hat doch niemand geahnt, dass der Lockdown noch Monate dauert." Der Chef macht sich auch Sorgen um seine Angestellten. "Sie bekommen 60 Prozent Kurzarbeitergeld - da bleibt doch kaum etwas zum Leben", sagt er. Noch dazu, wenn sämtliches Trinkgeld fehlt - ein in der Gastronomie nicht unerheblicher und wichtiger Zuverdienst.

Längst ist auch Oybins Bürgermeister besorgt: "Wir brauchen ganz dringend eine Perspektive für das Gastgewerbe", sagt Tobias Steiner (SPD). "Das ganze Gebirge lebt vom Tourismus. Ein weiterer Stillstand bedeutet, dass nicht nur die Existenz einzelner Betriebe, sondern ein erheblicher Teil unserer Infrastruktur auf dem Spiel steht."

Allein im Kurort Oybin haben 2019 - dem letzten Jahr vor Corona - 32.000 Gäste durchschnittlich vier Tage und drei Nächte verbracht - die Tausenden Tagestouristen gar nicht mitgezählt. Das Geld der Urlauber fehlt nicht nur in den Kassen der Geschäfte, Gaststätten und Beherbergungsbetriebe. Der Gemeinde entgehen auch die dringend benötigten Einnahmen aus der Kurtaxe, aus den Eintrittsgeldern auf der Burg- und Klosteranlage und aus den zahlreichen Veranstaltungen auf dem Oybin, die im Lockdown nicht stattfinden.

"Diese fehlenden Monate werden sich noch jahrelang auswirken", befürchtet Steiner. Er wisse nicht, wie das weitergehen soll, sagt er. Schlimmstenfalls müsste die Gemeinde demnächst die Gewerbesteuern erhöhen. Aber damit träfe es ja gerade wieder diejenigen, die jetzt ihr Gewerbe nicht ausüben dürfen und selber betroffen sind von der finanziellen Not.

Tobias Steiner hat sich inzwischen an Landtags- und Bundestagsabgeordnete und an die Landesregierung gewandt: Die Gastwirte bräuchten endlich ein definitives Signal, wann und wie sie wieder öffnen können, fordert er. Und zwar schnellstmöglich, mit klaren und konkreten Ansagen zu den Bedingungen und mit ausreichend Vorlauf für alle Betroffenen.

Gastwirte fordern Öffnung zu Ostern

Die Forderung der Gastwirte ist klar: Sie können es sich nicht noch einmal leisten, wie im vorigen Frühjahrs-Lockdown auf das Ostergeschäft verzichten zu müssen. "Das Ostergeschäft ist für das Zittauer Gebirge das wichtigste", weiß Gerhard Meier. "Bei uns sagt man: Ostern muss die Pacht fürs ganze Jahr bringen."

Von den staatlichen Hilfen können die Gastwirte nicht leben: "Unsere Kosten sind damit lange nicht gedeckt", erklärt Gerhard Meier. Die von der Politik als "schnell und unbürokratisch" angepriesene Hilfe sei weder das eine noch das andere. "Wir haben jetzt erst das Geld vom Dezember bekommen", erzählt er. "Und für Januar, Februar und März sind nur noch Nothilfen angekündigt."

Die laufenden Kosten der Betriebe aber laufen weiter: Heizung, Gas und Strom, die Honorare für die Steuerberater, die über dem Papierberg für die Hilfsanträge sitzen, Mieten, Pachten, Versicherungen. Mehrere Tausend Euro sind das jeden Monat, sagt Simone Spata vom Gasthof Almanka. "Trotz der Hilfen fahren wir jeden Monat ein Minus ein."

Auch bei Spatas ist die ganze Familie betroffen. Neben Simone Spata arbeiten ihr Mann und ihr Sohn im Familienbetrieb. "Ich verdiene gar nichts", sagt die Almanka-Wirtin. "Unternehmerlohn ist aus den Hilfen von vornherein ausgenommen." Und auch für die drei leerstehenden Ferienwohnungen bekommt die Familie keinen Cent.

"Dafür aber mussten wir dem Arbeitsamt melden, wann jeder Mitarbeiter anteilig Urlaub macht", erzählt sie. Zwei Tage Urlaub müssen die Betriebe pro Mitarbeiter und Monat einplanen. Für die Urlaubstage braucht die Arbeitsagentur kein Kurzarbeitergeld zahlen. "Wir haben inzwischen wirklich kein Verständnis mehr", sagt Simone Spata. "Auch nicht mehr dafür, dass Friseure und Fahrlehrer arbeiten dürfen, wir aber nicht - obwohl wir alle einwandfreie Hygienekonzepte haben."

Was ist denn das für eine Politik!", fragt Simone Spata. Diese Frage ist es, die auch den Bürgermeister umtreibt. "Die Glaubwürdigkeit unserer Landes- und Bundespolitiker sinkt mit jeder neuen scheibchenweisen Ankündigung", formuliert Tobias Steiner vorsichtig. Gerhard Meier sagt es drastischer: "Wir fühlen uns verschaukelt."

Lenkt die Politik doch noch ein?

Zu den Politikern, an die sich die Kritik aus dem Gebirge richtet, gehört auch der Oderwitzer CDU-Landtagsabgeordnete Stephan Meyer, einer der engen Vertrauten von Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Meyer sieht sehr wohl, wie die Umfragewerte gerade sinken - und wie das zu verhindern wäre. "Wir tun in der Politik gut daran, Perspektiven aufzuzeigen, wie durch Impfen, ausgeweitete Tests, kluge Hygienekonzepte und digitale Kontaktnachverfolgung wieder mehr möglich wird", sagt er. Das alles ließe aus einer Sicht auch schrittweise Öffnungen zu. Eine reine Inzidenz-Betrachtung, sagt Meyer, dürfe nicht mehr die Grundlage für Entscheidungen sein.

Zwar halte auch er eine vollständige Öffnung nicht für realistisch, sagt der CDU-Ploitiker, aber Urlaub mit Negativ-Test in Pensionen oder Ferienwohnungen könnten aus seiner Sicht bis Ostern möglich sein. Doch inwieweit Meyers Meinung überhaupt zählt, ist die Frage. In die Entscheidungen über Lockdown und Lockerungen wurden die Landtags-Abgeordneten bisher jedenfalls nicht einbezogen.

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