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Nazis trieben Zittauer Arzt in den Freitod

Die Oberlausitz hat viele Menschen hervorgebracht, die große Bekanntheit erlangten. Die SZ stellt einige in loser Folge vor. Diesmal: Carl Klieneberger.

Prof. Dr. Carl Klieneberger (1876-1938), dessen Namen ein Platz in Zittau trägt, leitete über 20 Jahre das Stadtkrankenhaus. Zum Gedenken an ihn wurde 2014 vor dem Krankenhaus-Haupteingang ein Stolperstein verlegt.
Prof. Dr. Carl Klieneberger (1876-1938), dessen Namen ein Platz in Zittau trägt, leitete über 20 Jahre das Stadtkrankenhaus. Zum Gedenken an ihn wurde 2014 vor dem Krankenhaus-Haupteingang ein Stolperstein verlegt. © SZ-Archiv

Der Klienebergerplatz am Stadtring in Zittau ist ein markanter Verkehrsknoten. Bekannt wurde er auch durch den Gedenkstein für die Opfer des Faschismus, der am 10. September 1950 genau dort eingeweiht wurde, wo seit 1900 die 3,16 Meter große Bronzestatue des „Eisernen Reichskanzlers“ Otto von Bismarck thronte.

Der Platz trägt den Namen des langjährigen verdienstvollen Direktors des Zittauer Stadtkrankenhauses, Professor Dr. med. Carl Klieneberger. Vor 145 Jahren, am 25. April 1876, wurde er als Sohn jüdischer Eltern in Frankfurt am Main geboren. Zu deren Glauben bekannte er sich allerdings nie. Er wurde später getauft und lebte als Christ. Nach seiner Schulzeit im Jahre 1894 studierte Carl Klieneberger Medizin an den Universitäten Straßburg, Kiel und Bonn. Fünf Jahre später legte er das Staatsexamen ab und erhielt seine Approbation als Arzt. Bereits als Student hatte er 1896 am 1. Lothringischen Infanterieregiment Straßburg Wehrdienst abgeleistet. Seine berufliche Laufbahn begann er in Elberfeld und am Hospital zum Heiligen Geist in seiner Geburtsstadt. 1906 habilitierte er sich an der Klinik der Universität Albertina in Königsberg. Außerdem berief man ihn zum außerordentlichen Professor.

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Nach entsprechender Ernennung durch den Zittauer Stadtrat wurde er am 1. Januar 1912 Direktor des Stadtkrankenhauses und Chefarzt für Innere Medizin. Noch im selben Jahr heiratete er in Königsberg seine Frau Auguste. Aus dieser Ehe gingen drei Töchter hervor. Sowohl als Direktor des Krankenhauses als auch als Internist leistete Carl Klieneberger hervorragende Arbeit. Er leitete Weiterbildungsabende und führte moderne Behandlungsverfahren ein. Dazu gehörten Licht- und Wasserbehandlung, Höhensonne, Elektrotherapie und Röntgenbestrahlungen. Klieneberger machte sich auch als Forscher einen Namen. So erschienen von ihm über 100 wissenschaftliche Arbeiten, unter anderem zur Bakteriologie oder zu Blutkrankheiten.

Mehrfach ausgezeichnet als Militärarzt

Nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde der Arzt 1914 nach Inor (Frankreich) an der Maas kommandiert, wo er ein Seuchenlazarett aufbaute und leitete. Vier Jahre später kam Stabsarzt Klieneberger in die Garnison Warschau. Für seine Leistungen als Militärarzt wurde er mehrfach ausgezeichnet. Mit dem Kriegsende nach Zittau zurückgekehrt, galt sein Wirken einer besseren medizinischen Versorgung in der Stadt. 1929 konnte unter seiner Leitung das Krankenhaus erweitert werden. 1932 bekam es eine moderne Röntgenabteilung, ein Jahr darauf eine neue Wäscherei.

Mit der Machtergreifung der Nazis begann für Carl Klieneberger und seine Familie eine schwere Zeit. Noch 1933 wurde er auf der Grundlage des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ in den Ruhestand entlassen. Gleichzeitig erteilte man dem beliebten Mediziner strengstes Hausverbot. Denunzierungen seitens ehemaliger Kollegen, aber auch mancher Patienten häuften sich. Immer wieder musste Prof. Dr. Klieneberger Demütigungen aufgrund seiner jüdischen Abstammung hinnehmen. Seine ehrenamtliche Tätigkeit als Schularzt wurde ihm ebenfalls untersagt.

Die Schmähungen erreichten ihren Höhepunkt, als ihm mit Wirkung vom 1. Oktober 1938 seine Approbation entzogen werden sollte. Das verkraftete er nicht mehr. Einen Tag zuvor schrieb er an seine Frau: ,,Liebe Gustel, Treue halten, die innere Linie wahren, philosophisch das Leben betrachten, Revolutionsopfer werden, wenn ein anderer Ausweg unehrenhaft und untragbar ist und untragbar wird, ist pflichtgemäßes Gebot der schwarzen Stunde. Dein dankbarer Carl.“ Danach nahm er sich mit Zyankali das Leben. Auf seinem Schreibtisch hinterließ er seine letzten Worte: „Wer mir die Arbeit nimmt, nimmt mir das Leben!“

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