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Mal fix den Arzt zum Hausbesuch rufen?

Der Bereitschaftsdienst der Hausärzte in Löbau/Zittau wurde vor einem Jahr neu organisiert. Das System läuft nicht optimal. Auch, weil Patienten der Weg zu weit ist.

In der hausärtzlichen Bereitschaftspraxis im Zittauer Krankenhaus müssen Schwester Katrin (l.) und Schwester Nadine oft auf Patienten warten.
In der hausärtzlichen Bereitschaftspraxis im Zittauer Krankenhaus müssen Schwester Katrin (l.) und Schwester Nadine oft auf Patienten warten. © Matthias Weber/photoweber.de

Dr. Katrin Lehmann hat sich ihr Strickzeug mitgebracht. An diesem Mittwochnachmittag hat die Allgemeinmedizinerin aus Oderwitz "Sitzdienst" in Zittau. Seit einem Jahr gibt es hier am Krankenhaus - gleich im Haupteingang des Mittelbaus - eine hausärztliche Bereitschaftspraxis. Abwechselnd tun hier die niedergelassenen Hausärzte aus dem Bereich Löbau-Zittau Dienst, wenn ihre Praxen geschlossen sind: an Mittwoch- und Freitagnachmittagen, an Wochenenden, Feier- und Brückentagen.

An Mittwochnachmittagen heißt "Sitzdienst" in Zittau meistens "sitzen und warten". Da käme höchstens mal jemand mit einem Hexenschuss oder Ohrenschmerzen oder weil er gerade festgestellt hat, dass seine Tabletten alle sind, sagt Dr. Lehmann. An den Wochenenden sei das schon anders. Vor allem an Sonnabend- und Sonntagvormittagen sei die Praxis gut besucht. Da kämen auch schon mal 25 Patienten am Tag.

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Bei der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) in Sachsen sieht man das neue Bereitschaftspraxis-Modell deshalb auch als Erfolg. Die Statistik könnte das bestätigen: Von April bis Dezember 2020, im ersten dreiviertel Jahr seit Eröffnung der Praxis, kamen rund 1.900 Patienten mit den unterschiedlichsten Beschwerden.

Als Gewinn sieht man die Bereitschaftspraxis auf dem Zittauer Krankenhausgelände auch beim Klinikum Oberlausitzer Bergland - als Entlastung der Notfallaufnahme. „Wir sind sehr froh, dass diese Praxis bei uns eingerichtet ist und von den Patienten auch nachgefragt wird", sagt Klinikum-Sprecherin Jana-Cordelia Petzold. Man habe damit den Wunsch verbunden, dass sich "kleinere" Erkrankungen und Verletzungen abfangen lassen, die die Notaufnahme oft unnötig belasten. Das funktioniert genauso auch anders herum: Wenn der diensthabende Hausarzt feststellt, dass es sich bei einem Patienten um einen schwerwiegenden Fall handelt, ist die Notaufnahme des Krankenhauses gleich nebenan. "Ein großer Vorteil für beide Seiten", sagt die Sprecherin.

Lieber den Hausbesuch rufen, als nach Zittau fahren

Dr. Gottfried Hanzl, Hausarzt in Oderwitz und Koordinator für den ärztlichen Bereitschaftsdienst im Bereich Löbau-Zittau, ist trotzdem nicht so richtig zufrieden. "Das System funktioniert, aber es könnte viel besser funktionieren", sagt der erfahrene Mediziner. Denn die Praxis in Zittau - auch das bestätigt man bei der KV - wird längst nicht so genutzt wie sie genutzt werden könnte. "Der Bekanntheitsgrad von Standort und Öffnungszeiten der Bereitschaftspraxis können durchaus noch gesteigert werden", heißt das Fazit nach einem Jahr.

Dr. Hanzl sieht das Problem aber nicht nur in der Bekanntheit, sondern auch im guten Willen: Warum sollten Patienten den Weg in die Praxis überhaupt auf sich zu nehmen, wenn sie an Wochenenden genauso gut auch die kostenlose Rufnummer 116117 wählen und den Hausbesuchsdienst der Allgemeinmediziner rufen können?

Neben dem "Sitzdienst" in Zittau wird auch der "Fahrdienst" im gesamten Altkreis Löbau-Zittau von den niedergelassenen Hausärzten abgesichert. "Alle sind zur Teilnahme verpflichtet", erklärt Dr. Hanzl. Auch der "Fahrdienst" ist seit einem Jahr neu strukturiert. Er übernimmt wochentags, sobald die Praxen geschlossen sind, bis zum nächsten Morgen, an Wochenenden und Feiertagen rund um die Uhr.

Die diensthabenden Kollegen werden für die Einsätze zu Hause abgeholt. Die diensthabenden Fahrer - alle sind ausgebildete Rettungsassistenten - übernachten in den Rettungswachen jeweils in der Nähe des Arztes. Die Fahrzeuge sind mit Notfalltechnik ausgerüstet, der Arzt kann schon im Auto mit den Angehörigen sprechen, der Fahrer dem Arzt assistieren. "Das ist eigentlich optimal", sagt Gottfried Hanzl.

Aber oft, weiß er, wäre ein Hausbesuch am Wochenende gar nicht nötig, weil die Patienten sich mit einer Beschwerde, die sie nicht ans Bett fesselt, durchaus in die Bereitschaftspraxis begeben könnten. Vor allem Patienten aus dem Raum Löbau und dem Oberland aber rufen lieber den Hausbesuch, weil ihnen der Weg nach Zittau zu weit ist, so die Erfahrung der Ärzte.

"Wir hatten auch darüber nachgedacht, eine Anlaufstelle in Ebersbach einzurichten", sagt Dr. Hanzl, "aber bei den niedrigen Patientenzahlen lohnt sich das nicht. Stattdessen wolle er lieber an die Vernunft und den guten Willen der Patienten appellieren, sagt er. Aus jedem Ort im Altkreis Löbau-Zittau sei man mit dem Auto spätestens in einer Dreiviertelstunde in Zittau.

Um die Bereitschaftspraxis bekannter zu machen, hat die KV jetzt an alle Hausärzte ein Übersichtsblatt mit Adresse, Telefonnummer und Öffnungszeiten geschickt - mit der Bitte, es in den Wartezimmern für alle sichtbar auszuhängen. "Wir hoffen, dass wir damit jetzt ein Stückchen weiterkommen", sagt Gottfried Hanzl. "Luft nach oben ist ja noch."

Geöffnet ist die allgemeinärztliche Bereitschaftspraxis am Krankenhaus Zittau, Görlitzer Straße 8, mittwochs und freitags von 15 bis 19 Uhr; sonnabends, sonntags sowie an Feier- und Brückentage von 9 bis 13 und 15 bis 19 Uhr. In der Zeit von 9 bis 13 Uhr ist auch ein Kinderärztlicher Bereitschaftsdienst vor Ort.

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