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Heftiger Angriff im Rettungseinsatz

Angepöbelt, bespuckt, bedroht: Immer öfter werden Notfallsanitäter bei ihrer Arbeit attackiert. Beim jüngsten Fall aus Zittau muss sogar die Polizei eingreifen.

Notfallsanitäter Maik Töpler (l.) und sein Kollege Michael Steudtner von der DRK-Rettungswache in Zittau erleben bei ihren Einsätzen immer wieder verbale und tätliche Gewalt.
Notfallsanitäter Maik Töpler (l.) und sein Kollege Michael Steudtner von der DRK-Rettungswache in Zittau erleben bei ihren Einsätzen immer wieder verbale und tätliche Gewalt. © Matthias Weber/photoweber.de

In dem Moment, in dem der Mann zum Schlag ausholt, ist Maik Töpler mit einem Mal bewusst: Jetzt musst du dich wehren! Noch nie in den 15 Dienstjahren im Rettungsdienst ist er während seiner Arbeit in eine derart brenzlige Situation geraten. "Ich frage mich wirklich, wo wir hingekommen sind", wird der Notfallsanitärer später am Tisch in der Zittauer DRK-Rettungswache sagen.

Es ist der 21. Dezember 2020. Maik Töpler hat Nachtschicht. Kurz nach 21 Uhr werden er und sein Kollege zu einem Einsatz in Zittau gerufen: Verletzte hilflose Person auf der Straße. Mehr wissen er und sein Kollege zu diesem Zeitpunkt nicht.

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Die hilflose Person, die sie ins Krankenhaus bringen sollen, ist ein Mann Mitte 50, stark alkoholisiert und stark blutend aus einer Platzwunde am Kopf. Der Verletzte hatte den Notruf selbst gewählt. Den beiden Helfern ist schnell klar, dass es hier wohl eine Prügelei gegeben hat.

"Als wir den Verletzten versorgen und in den Rettungswagen bringen wollte, hörten wir im Hauseingang plötzlich Tumult", schildert Maik Töpler. Ein aufgebrachter und ebenfalls stark alkoholisierter junger Mann stürmt aus dem Haus und schreit, er wolle sich den Verletzten "noch mal schnappen". Während sein Kollege den blutüberströmten Mittfünfziger schnell in den RTW zieht und dort behandelt, versucht Maik Töpler, den Angreifer zu beruhigen.

Nicht nur im "Tatort" aus Dresden

Aber alle seine Versuche, die Situation zu deeskalieren, scheitern. "Ich hab auf ihn eingeredet und versucht, ihn auf Distanz zu halten", erzählt der Notfallsanitäter. "Aber ich hab schnell gemerkt, dass ich da keine Chance hab." Als der junge Mann zum Schlag ausholt, packt Töpler ihn am Kragen und ringt ihn nieder. Sein Kollege ruft die Polizei und eilt ihm zu Hilfe. Beide halten den Mann am Boden, bis die Polizisten eintreffen. Der Verletzte liegt während dessen allein im Rettungswagen. "Auch das geht eigentlich gar nicht", sagt Töpler.

Der Notfallsanitäter sitzt am Tisch in der Rettungswache und wartet auf den nächsten Einsatz. "Es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn einem plötzlich bewusst wird, dass so etwas ja immer wieder passieren kann", sagt er nachdenklich. Und das nicht im Film, sondern im wirklichen Leben. Im Film hatte der "Tatort" aus Dresden das Thema am vergangenen Sonntag aufgegriffen. Seitdem steht es im Blickpunkt der Öffentlichkeit, die sonst kaum etwas davon erfährt.

"Es kommt leider immer häufiger vor, dass Kollegen bei ihren Einsätzen verbal und tätlich angegriffen werden", bestätigt René Birnbaum, der Leiter des Rettungsdienstes beim Zittauer DRK-Kreisverband. Eine Statistik über solche Vorfälle führt das DRK selbst zwar nicht, aber Birnbaum geht davon aus, dass fast alle seiner Kollegen zumindest verbale Attacken schon erlebt haben.

Mann zielt mit Luftgewehr auf den Rettungswagen

Zwar habe man hier in der Region noch keine Verhältnisse wie in der Großstadt, aber trotzdem müssten die Rettungssanitäter immer damit rechnen, dass ihnen nicht nur Dankbarkeit entgegengebracht wird, wenn sie kommen, um zu helfen. Vor noch nicht allzu langer Zeit sei ein Kollege im Dienst gebissen worden, erzählt René Birnbaum. Und einmal habe sogar jemand mit dem Luftgewehr auf den Rettungswagen gezielt. In Dresden hat Anfang Januar ein Mann zwei Rettungskräfte mit einer Softair-Waffe bedroht.

Das Meiste aber bleibt im Verborgenen: "Wenn wir die verbalen Ausfälle alle anzeigen würden, würden wir gar nicht mehr fertig werden", sagt Notfallsanitäter Maik Töpler. Erst nach dem tätlichen Angriff in Zittau hat er sich zum ersten Mal entschlossen, zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten.

"Das Paradoxe ist: Wir kommen doch, um den Leuten zu helfen, um ihr Leben zu retten. Wir sind vollkommen neutral und nicht die Polizei", fragt sich der 41-Jährige. "Warum werden wir überhaupt zum Ziel solcher Aggressionen?" Die Mitarbeiter vom DRK-Rettungsdienst stellen fest, dass die Hemmschwelle für tätliche Attacken offenbar immer weiter sinkt, dass der Ton in verbalen Auseinandersetzungen rauer wird.

"Wir müssen uns darauf einstellen", sagt Einsatzleiter René Birnbaum. Alle 65 Mitarbeiter haben Deeskalationskurse besucht und werden regelmäßig geschult, wie sie sich in möglichen Gefahrensituation verhalten müssen. Im Team sprechen sie darüber. Bei der Einsatzplanung achten sie darauf, dass die sieben Frauen immer in gemischte Teams eingeteilt werden. "Ein ungutes Gefühl bleibt dennoch", sagt Birnbaum.

Das sächsische Innenministerium zählte von Anfang 2019 bis Mitte 2020 landesweit insgesamt 129 angezeigte Straftaten, bei denen Angehörige von Rettungsdiensten oder der Feuerwehr während ihres Dienstes angegriffen wurden: Körperverletzungen, gefährliche Körperverletzungen, tätliche Angriffe, Bedrohungen.

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