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Zittauer Familien in Wohnungs-Not

Hartz IV soll auch Bedürftigen angemessenen Wohnraum sichern. Eine Maklerin beklagt: Zu den zulässigen Kosten lässt sich in Zittau keine Wohnung finden.

Immobilienmaklerin Christine Runge sorgt sich, dass Hartz-IV-Empfänger keinen Wohnraum mehr finden.
Immobilienmaklerin Christine Runge sorgt sich, dass Hartz-IV-Empfänger keinen Wohnraum mehr finden. © Matthias Weber/photoweber.de

Der Kreis Görlitz hat jüngst im üblichen Zweijahres-Turnus die "Kosten der Unterkunft" (KdU) angepasst, welche das Jobcenter für Arbeitslosengeld-II-Empfänger (ALG) übernimmt. Die Sätze wurden dabei für alle Haushaltsgrößen um etwa fünf Euro erhöht. "Eine Katastrophe", sagt die Zittauer Immobilien-Verwalterin Christine Runge von Dr.-Thomas-Immobilien. Sie hatte sich eine deutlichere Erhöhung gewünscht und bemängelt, dass Familien zu den vorgegebenen KdU keine Wohnung in Zittau finden könnten.

Das Jobcenter legt als Mietobergrenze für ALG-Empfänger die sogenannte Bruttokaltmiete zugrunde. Das ist die eigentliche Miete zuzüglich der Betriebskosten - aber ohne die Kosten für Heizung und Strom. Und jedenfalls für Zittau hält Christine Runge die Sätze für größere Wohnungen für unrealistisch. Die Berechnung der Mietobergrenze richte sich nämlich auch danach, welche Wohnungsgröße das Jobcenter für angemessen erachtet. "Für einen Vier-Personen-Haushalt sind das 85 Quadratmeter", sagt Runge, "aber finden sie in Zittau mal eine solche Wohnung mit 85 Quadratmetern." In Wahrheit seien die meisten der für Familien infrage kommenden Wohnungen in Zittau mindestens 100 Quadratmeter groß - mit entsprechend höherer Miete und Betriebskosten.

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Eine entwürdigende Situation

Während Wohnungen für Ein- oder Zweipersonen-Haushalte zu den vom Amt vorgegebenen Preisen zu haben seien, würden Familien bei der Suche auf erhebliche Schwierigkeiten stoßen. "In den vorgegebenen Mietkosten sind ja schon die Betriebskosten enthalten", sagt Christine Runge. Ziehe man bei einer 100-Quadratmeter-Wohnung die Betriebskosten von überschlägig einem Euro pro Quadratmeter ab, komme man auf Kaltmieten, zu denen kein Vermieter mehr rentabel vermieten könne. "Unter vier Euro pro Quadratmeter ist solcher Wohnraum in Zittau nicht zu haben", sagt Runge. Nach Vorstellungen des Jobcenters käme man aber auf Kaltmieten von teils unter drei Euro.

Betroffen von diesem Problem sind nach Kenntnis von Christine Runge in Zittau viele Menschen. "Etwa 50 Prozent der Wohnungssuchenden in der Stadt sind ALG-Empfänger", sagt sie und: "Ich habe für betroffene Familien keine Wohnungen zu solchen Preisen im Angebot. Die Leute laufen ins Leere." Die Situation mache die Ärmsten noch ärmer. "Was das Amt nicht bezahlt, müssen die Menschen ja zur Miete zuschießen und das geht noch von ihrem Existenzminimum ab", sagt Runge. Eine für die Menschen entwürdigende Situation. "Wenn Sie so erzogen sind, dass Sie Ihre Schulden bezahlen wollen, kommen Sie durch so etwas immer mehr unter psychischen Druck. Das nimmt den Leuten die Luft zum Atmen", sagt Runge.

Auch die WBG sieht die Lage als dramatisch an

Mit Sorge betrachtet auch Uta-Sylke Standke, Geschäftsführerin der stadteigenen Wohnbaugesellschaft Zittau (WBG), die neuen KdU-Sätze. "Das hat die Sache tatsächlich verschärft", sagt sie. Obgleich sie noch Wohnungen zu den Mietobergrenzen im Bestand hat, wird das auf absehbare Zeit nicht so bleiben. Denn wie viele andere Wohnungsbauunternehmen steht auch die WBG unter Sanierungsdruck. "Wir haben den Anspruch, die gesetzlichen Vorgaben etwa bezüglich der Klimaziele zu erfüllen. Das wird eine Riesenaufgabe", sagt Standke - vor allem eine teure Aufgabe.

Darüberhinaus will Standke auch die Attraktivität ihrer Wohnungen dauerhaft erhalten und durch Sanierungen an die Bedürfnisse der Menschen anpassen. "Wenn man schöne Grundrisse und zumindest barrierearmen Wohnraum schaffen will - das kann man mit den vorgegebenen KdU nicht refinanzieren. Das geht nicht", sagt Standke. Das führe dann zwangsläufig dazu, dass sie irgendwann ALG-Empfängern keinen bezahlbaren Wohnraum mehr anbieten könne. Indes ist nicht damit zu rechnen, dass sich an der Situation etwas ändert. Denn eine Klage gegen den Landkreis gegen die Berechnung der angemessenen KdU hat das Dresdner Sozialgericht abschlägig beschieden.

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