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Die Angst der Vermieter vor ALG-Vandalen

Finanziell schwache Familien haben in Zittau Probleme, eine Wohnung zu bekommen - das liegt nicht bloß am Geld.

Igor Gebhardt ist Eigentümer eines Zwölfparteien-Mietshauses in Zittau.
Igor Gebhardt ist Eigentümer eines Zwölfparteien-Mietshauses in Zittau. © Markus van Appeldorn

Der Zittauer Wohnungsmarkt spiegelt eine typische Situation der Region wider: Hoher Leerstand, gleichzeitig aber gibt es viele Menschen, die nach einer geeigneten Wohnung suchen. Und: Gut die Hälfte dieser Menschen sind im Bezug von Arbeitslosengeld II (ALG) - auch als "Hartz IV" bekannt. Eine Zittauer Maklerin beklagte jüngst, dass besonders Familien zu den vom Jobcenter des Landkreises vorgegebenen Sätzen der "Kosten der Unterkunft" (KdU) kaum noch angemessenen Wohnraum finden könnten. Ein Zittauer Vermieter beleuchtet dieses Problem nun auch von einer anderen Seite. An dieser Seite tragen manche Menschen im ALG-II-Bezug allein die Schuld. Es geht dabei auch um Geld - allerdings nicht um das der ALG-II-Bezieher.

Igor Gebhardt hat die Berichterstattung der SZ zu dem Problem gelesen. Der Zittauer ist nicht bloß Eigentümer eines Zwölfparteien-Mietshauses in der Zittauer Schillerstraße, sondern auch Sozialarbeiter beim Internationalen Bund - daher kennt er anschaulich beide Seiten der Medaille. "Ich betreue gerade eine alleinerziehende Mutter mit einem sechsjährigen Kind auf der Suche nach einer neuen Wohnung. Bisher ist sie überall abgelehnt worden", erzählt er. Die Gründe für die Ablehnungen seien unterschiedlich - aber Igor Gebhardt ist davon überzeugt, dass es in Wahrheit nur einen, aber stets ungenannten, gibt: ALG-II-Bezug.

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Skepsis gegenüber ALG-II-Empfängern

"Ich kenne einige Privatvermieter, die kategorisch nicht mehr an ALG-II-Bezieher vermieten. Die haben einfach Angst, auf beträchtlichen Kosten sitzen zu bleiben", sagt er. Und er spricht aus eigener Erfahrung. Die Wohnungen in seinem eigenen Haus an der Schillerstraße habe er beinahe ausschließlich an solche Menschen vermietet. Nicht ganz freiwillig: "Der Mietmarkt in Zittau gibt nicht so viel her. Wir haben ein Überangebot", sagt er. Will heißen: Man kann sich aus den Bewerbern nicht die reichen Menschen aussuchen.

Und leider würden sich längst nicht alle Menschen als Mieter so verhalten, wie man es sich als Vermieter wünscht. "Ich hatte allein im letzten Vierteljahr drei Parteien aus vier Wohnungen, die diese Wohnungen verwüstet hinterlassen haben", erzählt er. In einem Fall seien etwa Waschbecken und Kacheln "mit einem Hammer zerkloppt" und ein Heizkörper aus der Wand gerissen worden. Das war so der gröbste Fall in jüngster Zeit. "Aber ich habe es in 25 Jahren so oft gehabt, dass Wohnungen grauenhaft verlassen werden", sagt er und: "Ich habe heute erst wieder Müllfuhren gemacht. Vor dem Haus abgestellter Sperrmüll, Restmüll und Elektroschrott." Gebhardt betont, dass die ganz überwiegende Mehrheit der ALG-II-Bezieher sich völlig korrekt verhalten würde. Aber wenn es massive Probleme gebe, dann ausschließlich mit Personen aus dieser Gruppe.

Wenn beim ehemaligen Mieter kein Cent zu holen ist

4.000 Euro habe ihn die Sanierung der zerstörten Wohnung gekostet. Kosten, auf denen Igor Gebhardt sitzen bleibt - selbst wenn er die verschwundenen Vermieter ausfindig macht und auf Schadenersatz verklagt. "Dann bekomme ich vor Gericht recht und erhalte einen Titel, den ich 30 Jahre lang vollstrecken kann - aber bei so mittellosen Menschen ist ja nichts zu holen", erklärt er das Problem. Und was ihn besonders ärgert: Manche Menschen würden das mit Kalkül tun. "Die zucken einfach mit den Schultern und sagen: Bei mir gibt's sowieso nichts zu pfänden", sagt Gebhardt.

Auch sei es wiederholt vorgekommen, dass Mieter einfach das Geld nicht überweisen, das sie als Miete vom Jobcenter bekommen. Gegen dieses Risiko hat sich Gebhardt in einigen Fällen gewappnet und von den Mietern eine Abtretungserklärung verlangt - dann überweist das Jobcenter direkt an den Vermieter. Doch was nutzt es? "Manchmal verschwinden Mieter einfach bei Nacht und Nebel und mieten eine andere Wohnung - dann überweist das Jobcenter auch sofort keine Miete mehr", erzählt er. Die Behörde würde nämlich nicht prüfen, ob ein ALG-II-Bezieher seine vorherige Wohnung überhaupt regulär gekündigt habe.

Ein Problem, das man auch beim Interessenverband "Haus & Grund" in Zittau kennt. "Wir haben in der Vergangenheit schon versucht, uns mit dem Amt ins Benehmen zu setzen, ob das Amt einem Vermieter Mitteilung machen könnte, wenn jemand anderswo eine neue Wohnung gemietet hat", sagt Pressesprecherin Heidi Winkler dazu auf SZ-Anfrage. Die Reaktion des Jobcenters darauf sei aber "gleich Null" gewesen. Die natürliche Reaktion mancher Privatvermieter: Sie sind gegenüber Mietinteressenten immer skeptischer.

Lieber Leerstand als Schaden

Einer dieser Skeptiker ist auch der Zittauer Carsten Reuter. Er ist Eigentümer eines Sechsparteien-Mietshauses an der Chopinstraße. Er schließt ALG-II-Empfänger nicht generell als Mieter aus, betont aber: "Ich versuche, darauf zu achten, eine ,normale' Klientel reinzubekommen", sagt er - und will sich damit nicht vor einkommensschwachen Mietern schützen, sondern vor solchen, die sich ohne Miete zu zahlen aus dem Staub machen und im schlimmsten Fall noch eine verwüstete Wohnung zurücklassen. "Manche Leute nutzen ihre Armut als rechtsfreien Raum und sagen: Mir kann doch sowieso keiner was", sagt auch er.

Und manchmal komme ihn eben Leerstand günstiger als wenn er vermieten würde. "Wenn ich etwa für eine 50-Quadratmeter-Wohnung vom Jobcenter nur 280 Euro Kaltmiete bekomme, kommt es mich günstiger, sie leer stehen zu lassen, als nach drei Jahren womöglich einen Schaden von 1.000 Euro zu haben", sagt er.

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