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"Altbauten müssen oberste Priorität haben"

Rund um die Zittauer Mandaukaserne entstehen viele Neubauten. Besitzer Thomas Göttsberger und Tuzz-Chefin Birgit Kaiser diskutieren darüber, ob es nicht auch anders geht.

Von Thomas Mielke
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Die Zittauer Innenstadt mit ihren wunderschönen historischen Häusern.
Die Zittauer Innenstadt mit ihren wunderschönen historischen Häusern. © Jens-Neumann-Weinbeer/https://zittauer-blickwinkel

Links von der Mandaukaserne ist eine neue Arztpraxis entstanden, rechts daneben entsteht gerade eine. Dahinter plant die Hochschule einen Neubau, für den Platz davor lässt die Stadt den Neubau einer Rettungswache prüfen. Nicht weit entfernt will das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt ein neues Technikum errichten. Um die Mandaukaserne ist es aber weiter ruhig. Könnte sie nicht in die Pläne einbezogen werden? Müssen es immer Neubauten sein oder könnten neue Nutzungen nicht in historischen Gebäuden untergebracht werden? Über diese Fragen diskutieren Thomas Göttsberger, Kasernen-Besitzer, fundamentaler Denkmalschützer und Mitglied der Stadtforen Görlitz und Zittau aus Ostritz, und Birgit Kaiser, Chefin des Vereins "Tradition und Zukunft Zittau", Stadtführerin und frühere Chefin der Stadtentwicklungsgesellschaft, auf Bitten der SZ.

Herr Göttsberger, Ihre Mandaukaserne könnte bald von Neubauten umgeben sein. Aber die Kaserne bleibt leer, oder?

Göttsberger: Grundsätzlich ist es schön, dass sich Zittau zu einer prosperierenden Stadt entwickelt und gebaut wird. Allerdings sollte der Fokus auf der Altbausubstanz liegen. Es gibt so viele Gebäude wie die ehemalige Brauerei, das ehemalige Finanzamt oder Robur, die dringend einer Nutzung bedürfen. Wenn große Institute wie das DLR kommen, sollten sie unbedingt prüfen, wie solche Gebäude einbezogen werden können.

Das DLR hat eigenen Angaben zufolge eine Reihe historischer Bauten wie die Mandaukaserne geprüft und ist zu dem Schluss gekommen, dass sich keins eignet.

Göttsberger: Das DLR hat Büros und eine Forschungshalle geplant. In der Mandaukaserne können die Büros untergebracht werden. Das Grundstück ist 13.000 Quadratmeter groß und würde reichlich Platz für den Neubau einer Halle bieten. Wie intensiv die Mandaukaserne tatsächlich geprüft wurde, kann ich nicht sagen. Auf mich ist niemand zugekommen.

Können Sie sich eine neue Rettungswache in einem Bestandsgebäude vorstellen?

Kaiser: Ja und nein. Theoretisch geht bei Bestandsgebäuden auch sehr viel. Aber es gibt viele Probleme wie bei uns in Zittau mit dem Baugrund. Außerdem ist die Frage: Wie viel der Gebäudestruktur soll, kann, müsste, erhalten werden? Lässt man nur die Kubatur stehen? Oder soll die Struktur komplett erhalten bleiben? Außerdem machen es uns Gesetze wie das zum Brandschutz schwer. Da sind wir ganz schnell bei der Finanzierungsfrage. In so einem Fall ist der einfachere und billigere Weg oft ein Neubau.

Damit stellen Sie der öffentlichen Hand ein Alibi aus: Angesichts der Finanzen kann sie gar nicht anders als neu zu bauen.

Kaiser: Ein Alibi würde ich nicht sagen. Die Mitarbeiter der Stadtverwaltung haben ein Herz für die historische Stadt. Aber Zittau ist von Finanzierungspartnern abhängig, die sehr genau auf das Geld achten.

Thomas Göttsberger und Birgit Kaiser bei der Diskussion in der Zittauer SZ-Redaktion.
Thomas Göttsberger und Birgit Kaiser bei der Diskussion in der Zittauer SZ-Redaktion. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Was sollte die Stadt tun?

Göttsberger: Man sollte eine Meinungsbildung durchführen: Was will man eigentlich?

Es gibt ein Stadtentwicklungskonzept, das auch auf der Beteiligung der Bürger fußt.

Göttsberger: Es wird aber zu oft danach entschieden, welches Fördermittelprogramm gerade aktuell ist. Man sollte herausarbeiten, dass Zittau nicht nur eine Sport-, sondern auch eine Denkmalstadt ist. Altbauten müssen die oberste Priorität haben. Natürlich nicht auf Biegen und Brechen. Eine Blaulichtmeile kann auch ich mir nicht in der Mandaukaserne vorstellen, weil die Eingriffe zu stark wären. Aber warum nicht auf dem Robur-Gelände? Auf alle Fälle ist wichtig, dass die Stadtstruktur nicht weiter geschwächt wird, auch klimapolitisch. Altbausubstanz hat graue Energie, die schon da ist. Jeder Neubau braucht neue Energie, neue Ressourcen. Vom Tourismus her gesehen hat Zittau alles, was eine Urlaubsregion braucht: Berge, einen See und eine historische Stadt. Die Touristen kommen nicht, um sich irgendwelche neu gebauten Klötze anzusehen. Unsere Aufgabe ist es, die historische Stadt weiter zu erhalten.

Wollen Touristen Häuser mit leeren Fensterhöhlen sehen?

Göttsberger: Ich denke, dass das Empfinden eines Ost- und eines Westdeutschen unterschiedlich ist. Ein Ostdeutscher wird im Regelfall sagen: Das ist ein Schandfleck, das muss weg. Viele Westdeutsche freuen sich, dass eine Stadt noch original erhalten ist.

Aber die Einwohner müssen sich auch wohlfühlen.

Göttsberger: Man kann sich auch in so einer Innenstadt wohlfühlen.

Kaiser: In meinem neuen "Berufsleben" als Stadtführerin habe ich mit vielen Gästen zu tun. Obwohl Bemerkungen wie "Da habt ihr aber noch zu tun" oder "Hier steht aber noch was leer" kommen, bewundern sie die Stadt und schwärmen, wie schön sie ist.

Frau Kaiser, sieht der Verein Tradition und Zukunft es wie Herr Göttsberger, dass Altbauten die oberste Priorität haben sollten?