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Ein Jahr ohne Glockenläuten - wegen Fledermäusen

Das Auswechseln der Kirchenglocken im Zittauer Gebirgsort Waltersdorf muss sich dem Naturschutz unterordnen. So bestätigt es jetzt das Landratsamt.

Von Jana Ulbrich
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Am 27. Oktober wurde in Waltersdorf das alte Geläut vom Kirchturm geholt. Erst im kommenden Herbst darf das neue hinauf.
Am 27. Oktober wurde in Waltersdorf das alte Geläut vom Kirchturm geholt. Erst im kommenden Herbst darf das neue hinauf. © Matthias Weber/photoweber.de

Es sind ergreifende Augenblicke an diesem 27. Oktober 2021 im Zittauer Gebirgsort Waltersdorf: Als die alten Kirchenglocken eine nach der anderen vom Turm der Dorfkirche schweben, haben manche sogar Tränen in den Augen. Es sind zwiespältige Gefühle, die die Einwohner an diesem Tag bewegen.

Einerseits ist da die Freude darüber, dass es nun endlich losgeht und die Waltersdorfer Kirche ein neues Geläut aus Bronzeglocken bekommen wird. Denn die alten Nachkriegsglocken aus Eisenguss waren schon lange marode, das Ende ihres Einsatzes nur noch eine Frage der Zeit. Andererseits aber macht sich da aber auch Unverständnis darüber Luft, dass ab sofort nicht die Kirchgemeinde, sondern der Naturschutz über den weiteren Bauablauf im Kirchturm bestimmt.

Im Waltersdorfer Kirchturm nämlich nisten Fledermäuse. Das hat eine Fachgutachterin bei einer ökologischen Baubegutachtung festgestellt. Alle weiteren Bauarbeiten müssen sich jetzt nach dem Lebensrhythmus der einzigen fliegenden Säugetiere richten. So bestätigt es auf Nachfrage der SZ auch das Landratsamt: "In Deutschland sind alle Fledermausarten besonders und streng geschützt", erklärt Pressesprecherin Julia Bjar. So steht es im Bundesnaturschutzgesetz.

Und nach diesem Gesetz ist es nicht nur streng verboten, Fledermäuse zu fangen, zu verletzen oder zu töten, sondern ebenso "ihre Fortpflanzungs- oder Ruhestätten aus der Natur zu entnehmen, zu beschädigen oder zu zerstören oder die Tiere während der Fortpflanzungs-, Aufzucht-, Überwinterungs- oder Wanderungszeiten erheblich zu stören", zitiert die Sprecherin.

Für die Bauarbeiten im Waltersdorfer Kirchturm bedeutet das nun, dass sichergestellt werden muss, dass die vorhandenen Fortpflanzungsstätten nicht beeinträchtigt oder zerstört werden, und dass sich die Arbeiten "an den jahreszeitlichen Aktivitätsmustern der Fledermäuse orientieren". Konkret heißt das: Die notwendigen Zimmererarbeiten am Glockenstuhl dürfen nur über den Winter erfolgen, wenn die Fledermäuse ihren Winterschlaf halten.

"Uns wurde gesagt, die Hoffnung sei, dass sich die Tiere jetzt einen anderen Ort zum Überwintern gesucht haben und dass sie dann im Frühjahr an ihre Fortpflanzungsstätte auf den Turm zurückkehren", sagt Kirchgemeindepfarrer Gerd Krumbiegel. Die Zimmererarbeiten haben begonnen und müssen spätestens im April beendet sein. "Wir hoffen sehr, dass das zu schaffen ist", sagt der Pfarrer. Es hänge auch sehr davon ab, wie umfangreich die Arbeiten am Glockenstuhl am Ende sein werden. "Die Zimmerer sind gerade dabei festzustellen, wie groß die Schäden insgesamt sind", so Krumbiegel. Auch mit wetterbedingten Pausen müsse über den Winter gerechnet werden.

Über das gesamte Frühjahr und den Sommer muss dann Ruhe herrschen auf dem Kirchturm. Erst im kommenden Herbst, wenn die jungen Fledermäuse ihrer Kinderstube entschlüpft sind, können die neuen Glocken nach oben gebracht werden.

Die neuen Glocken werden in Innsbruck gegossen. Dafür hat die Kirchgemeinde die kleine Glocke, die einzige verbliebene Bronze-Glocke aus dem ursprünglichen Geläut, in die Tiroler Landeshauptstadt geschickt. An ihrem Klang wird sich nun der Klang der drei neuen Glocken ausrichten. Die evangelische Kirchgemeinde hat ein Spendenkonto eingerichtet.