merken
PLUS Zittau

Deutschland moralisch am Ende

Am Sonnabend hatte das Zukunftsstück "Endland" am Theater Zittau Premiere. Einen Roman auf die Bühne zu bringen – das ist nicht ganz einfach.

Hannah Götze spielt das äthiopische Mädchen Fana in "Endland" im Zittauer Theater vor Kulisse mit Bildern von Modi Jeroushi.
Hannah Götze spielt das äthiopische Mädchen Fana in "Endland" im Zittauer Theater vor Kulisse mit Bildern von Modi Jeroushi. © Pawel Sosnowski

Voller Farben, Bilder, Figuren und Geschichten ist das Stück "Endland", das am Sonnabend am Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau Premiere hatte, berührend und furchteinflößend. 

Berührend, weil Menschen aus Äthiopien, Syrien, Eritrea auf der Bühne nicht in einem anonymen "Flüchtlingsstrom" untergehen, sondern Gesichter bekommen, ganz individuelle Schicksale mitbringen und die verschiedensten Gründe haben, ihre Heimat Richtung Deutschland zu verlassen. Wenn diese Menschen sich zu siebzigst in einen Kühlwagen zwängen, ohne Luft und Wasser, bis ihre Hilferufe irgendwann ersterben, dann geht das unter die Haut. Und man schämt sich, von welchen Sorgen man sich im eigenen Alltag plagen lässt.

Garten
Der Garten ruft
Der Garten ruft

Die Gartenzeit läuft aber nichts geht voran? Tipps, Tricks und Wissenswertes haben wir hier zusammengetragen. Vorbei schauen lohnt sich!

Menschen auf der Flucht: zu siebzigst eingesperrt im Lieferwagen. In der Mitte Paul Nörpel als Anton.
Menschen auf der Flucht: zu siebzigst eingesperrt im Lieferwagen. In der Mitte Paul Nörpel als Anton. © Pawel Sosnowski

Furchteinflößend ist hingegen, was auf der anderen Seite passiert, in Deutschland, wo die "Nationale Alternative" die Wahl gewonnen hat und einen autoritären Staat aufbaut. Wo man gedenkt, den Holocaust im Geschichtsunterricht durch all das zu ersetzen, worauf Deutschland stolz sein kann. Das Brecht-Wort "Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch" ist dabei wohlplatziert, genau wie die salutierenden Soldaten vor dem Tor zu Auschwitz. 

Es könnte aufgehen, diese beiden Welten gegenüberzustellen: Die Situation in Afrika, die Armut, die Dürre, die schlechte Versorgung, die Aussicht der muslimischen Mädchen auf Zwangsverheiratungen und die Fluchtbedingungen auf der einen Seite; und auf der anderen die brutale und kalte Sicht in Deutschland auf die "Invasion" von Flüchtlingen, die fehlende Solidarität, die Bequemlichkeit, geliebten Komfort aufzugeben. 

Im Deutschland der Zukunft aus Martin Schäubles Roman "Endland" errichtet die "Nationale Alternative" nach ihrem Wahlsieg einen autoritären Staat.
Im Deutschland der Zukunft aus Martin Schäubles Roman "Endland" errichtet die "Nationale Alternative" nach ihrem Wahlsieg einen autoritären Staat. © Pawel Sosnowski

Im ersten Teil der Inszenierung von Patricia Hachtel mit dem JugendTheaterClub Zittau und dem Schauspielensemble des Theaters gelingt dies auch. Die beiden Welten sind stimmig gegeneinandergesetzt: Durch Licht und Farben; mithilfe der wunderbaren Grafiken von Modi Jeroushi, die – an die Leinwand gebeamt – zur Kulisse in dem einfachen, aber wandlungs- und illusionsreichen Bühnenbild der Regisseurin werden; durch die Darsteller, die das Militär mit den harten Gesichtern einerseits spielen und das Leid, die Not der flüchtenden Menschen andererseits.

Zu viel Text für ein Theaterstück

Nach der Pause aber verliert das Stück an Kraft. Vorlage war der Roman "Endland" von Martin Schäuble für Jugendliche ab 14 Jahre. Doch der hat sich noch zu wenig in ein Theaterstück verwandelt, ist zu wenig entkernt von vielen Worten und Nebenhandlungen, die auf der Bühne manchmal eher verwirren als erklären. Die Darsteller haben unheimlich viel Text zu sprechen, was dazu führt, dass besonders die zahlreichen Jugenddarsteller im Gegensatz zu den Profis noch zu selten Gelegenheit haben, ihre Rollen wirklich zu spielen. 

Dennoch machen Hannah Götze und Josef Pietschmann ihre Sache richtig gut. Sie spielt die Hauptfigur Fana aus Äthiopien, die in Deutschland Ärztin werden will, ist Teil des Geschehens und spricht zugleich als Erzählerin zum Publikum. Er spielt den jungen deutschen Soldaten Noah, der mit den Ideen der "Alternative" nicht mitgehen kann, seinen Wehrdienst abbricht und zum flüchtenden Whistleblower wird.

Was Klimakatastrophe und Rechtsextremismus verbindet

Paul Nörpel vom Zittauer Ensemble spielt Noahs Freund in der Armee sehr überzeugend, indem er sich vom straffen Soldaten Anton in einen irritierten, zweifelnden jungen Mann verwandelt. Der kommt erst langsam dahinter, wie bösartig die Ideen der "Nationalen Alternative" sind und dass er benutzt wird. Wandlungsfähig zeigt sich Tilo Werner, der den einschüchternden Offizier Stahlke spielt wie auch (neben weiteren Rollen) den Syrer Ali, der sich im Lager seinen Stolz zu erhalten versucht, indem er kleinere Dienstleistungen verkauft. 

Flüchtlinge wie Ali (Tilo Werner, rechts) erhalten sich ihren Stolz im Lager mit kleinen Dienstleistungen.
Flüchtlinge wie Ali (Tilo Werner, rechts) erhalten sich ihren Stolz im Lager mit kleinen Dienstleistungen. © Pawel Sosnowski

"Endland" verbindet viele Sorgen unserer Welt zu einem schlüssigen Komplex aus Problemen: die Klimakatastrophe, die damit verbundene Ausweglosigkeit der Menschen in den trockensten Regionen der Erde, die Flucht übers Mittelmeer, gierige Schleuser, die Empörung, Deutschland sei nicht das "Sozialamt für die ganze Welt", die Ausbildung radikaler fremdenfeindlicher Strukturen, Brandanschläge, Verletzte, Tote. 

Das Thema geht uns alle an

Martin Schäuble hat 2017 diese Dystopie geschrieben, eine düstere Zukunftsaussicht, die gar nicht so weit weg vom Heute ist. Die Inszenierung spart nicht daran, echte Bezüge einzubauen: das Bild des kleinen, angeschwemmten Jungen, ebenfalls von Modi Jeroushi gemalt, und das Erschrecken der Jugendlichen, dass Flüchtlingslager "hier, bei uns zu Hause" brennen können. 

Dass wir dies nicht aus unserem Alltag wegschieben können, macht die Inszenierung deutlich, indem sich die Darsteller teilweise von der Bühne ins Publikum hineinbewegen. Und durch den Text, mit dem das Stück eröffnet: Eine Rolle konnte nicht besetzt werden. Denn gespielt hatte sie Falak aus Afghanistan, der drei Jahre lang Teil des Zittauer JugendTheaterClubs war, aber kurz vor der Premiere abgeschoben wurde.

Mehr Nachrichten aus Zittau lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Löbau lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Zittau