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Zittauer Theater fragt: Arbeiten oder Leben?

Am Mittwoch hatte "Warte nicht auf den Marlboro-Mann" am Gerhart-Hauptmann-Theater Premiere. Ein Stück um die Frage, wie weit Karrierebewusstsein gehen kann.

Philipp Scholz und Maria Weber in "Warte nicht auf den Marlboro-Mann" am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau.
Philipp Scholz und Maria Weber in "Warte nicht auf den Marlboro-Mann" am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau. © Nikolai Schmidt

Ganz am Ende, nach dem Beifall der Fans, wendet sich der Schauspieler Tilo Werner ans Publikum und lädt zur Premierenfeier im Foyer des Zittauer Theaters ein. "Es war anstrengend – weniger für uns als für Sie", sagt er beinahe mit einem Augenzwinkern und löst damit die Anspannung, die sich während der Vorstellung aufgebaut hat.

Denn anstrengend ist es, dieses Kammerspiel um eine Frau und einen Mann, die gerade einen wichtigen Menschen verlieren. Maria Weber spielt in "Warte nicht auf den Marlboro-Mann" die exzentrische, nervöse, voll auf Pflicht und Karriere fokussierte Sarah so drastisch verspannt, dass es teilweise unerträglich ist, dieser Figur zuzusehen und zuzuhören.

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Smartphone als Schutzraum

An ihr ins Publikum blitzendes Smartphone geklammert, erklärt die junge Frau im Hosenanzug immer wieder mit schneidend strenger Stimme und starren Augen, wie wichtig Regeln, Disziplin, Effektivität und all solche Dinge seien, um im Leben voranzukommen. Dabei scheint sie kaum spüren zu können, was da ein paar Krankenhauszimmer weiter geschieht.

Dort liegt ihr Lebensgefährte nach einem Motorradunfall schwerst verletzt auf der Intensivstation, doch statt alles andere in dieser Situation auszublenden und sich darauf einzulassen, was Menschen im Herzen verbindet, sucht sie per Telefon immer wieder den imaginären Schutzraum ihres Büros auf, ihrer Mitarbeiter, ihrer Bedeutung als Chefin eines Unternehmens, das sich angeblich um die Sicherheit der Menschheit kümmert.

Die Verlobte (Maria Weber) und der beste Freund (Philipp Scholz) eines Sterbenden in Patricia Hachtels Inszenierung von "Warte nicht auf den Marlboro-Mann" am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau.
Die Verlobte (Maria Weber) und der beste Freund (Philipp Scholz) eines Sterbenden in Patricia Hachtels Inszenierung von "Warte nicht auf den Marlboro-Mann" am Gerhart-Hauptmann-Theater Zittau. © Nikolai Schmidt

Den Gegenpol dazu bildet Pedro, ein entspannter Motorradfahrer und Ameisenforscher in lässig zusammengesuchter Kleidung, der beste Freund des Sterbenden. In dieser Rolle ist Philipp Scholz zu erleben, der damit in Zittau erstmals – außer in "Die Schöne und das Biest", wo er als Biest maskiert war – einen echten, überzeugenden Charakter spielt. Pedro kann mit Sarahs Wahnsinn wenig anfangen, versucht immer wieder, sie emotional zu erreichen und das Gespräch auf ihren Freund zu lenken. Er baut Brücken über Vergleiche zwischen Ameisen und Menschen oder versucht sie in ihrer Rolle als Helfende anzusprechen. Doch auch das bringt nichts.

Bedrückendes Aufeinandertreffen zweier Lebenskonzepte

Nur kurz scheint Sarah ihre misslungene Liebesbeziehung zu dem Sterbenden reflektieren zu können, als Pedro ihr Details vom Unfall erzählt und ihr klarmacht, dass ihr "Verlobter" nicht glücklich war. Dass Sarah einen Anteil an diesem Unglück haben könnte, lässt sie jedoch wieder in den Schutz ihres verkrampften Lebensplans fliehen, zu dem frühes Aufstehen, Sport, knappe gesunde Ernährung und lange Bürozeiten gehören, zumindest so lange, bis "es" geschafft ist und man sich auf die Rente freuen kann.

Es ist ein bedrückendes Szenario, dieses Aufeinandertreffen zweier grundverschiedener Lebenskonzepte, und bitter, wie das "Konzept Frau" mit allem Liebreiz und Mitgefühl genauso zerbröselt wie die Illusion vom Marlboro-Mann, der hinter dem Bild vom Helden an Lungenkrebs zugrunde geht. Das Stück könnte bewegen, wenn es eine überraschende Wendung nähme, doch man hofft vergeblich, dass diese Frau endlich aus ihrem "Traum der Vernunft" erwacht. So ist die Fabel "egozentrische, gefühlskalte Karrierefrau bleibt dem Gefängnis ihrer eigenen Ansprüche verhaftet" etwas dünn, als dass daraus ein berührendes, gar mitreißendes Theaterstück entstehen könnte.

Was ein Erzähler bewirken kann

Deshalb war es klug von Regisseurin Patricia Hachtel, einen epischen Erzähler zu installieren, wie Brecht ihn erfunden hat. Als unbeteiligter, doch teilnehmender Dritter, der zwischen Spiel und Publikum vermittelt, kommt Tilo Werner in dieser Rolle gut zur Geltung. Mit seinem Zopf, seinem Stehkragenhemd und der roten Sonnenbrille bewegt er sich für die Figuren unsichtbar zwischen Saal, Bühne und um die Szene herum, erklärt, fragt, fasst zusammen und deutet, was in den beiden vorgeht.

Tilo Werner (l.) spielt den nur für das Publikum sichtbaren Erzähler. Philipp Scholz den Freund des Motorradfahrers auf der Intensivstation.
Tilo Werner (l.) spielt den nur für das Publikum sichtbaren Erzähler. Philipp Scholz den Freund des Motorradfahrers auf der Intensivstation. © Nikolai Schmidt

Er ist es auch, der gleich am Anfang Widersprüche setzt, indem er einen kalten Krankenhausflur mit grellem Neonlicht beschreibt, obwohl die minimalistische Bühne von Anna Brotánková aus Metallstäben und einer halbdurchsichtigen Wand in warmes rotes Licht getaucht wird. Licht, das im ganzen Stück für Bewegung sorgt und die Handlung aus verschiedenen Perspektiven begleitet wie der Erzähler.

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Das Stück "Warte nicht auf den Marlboro-Mann" wurde vor Wochen geprobt - und erlebt kurz vor Spielzeitende noch seine Premiere im Zittauer Theater.

Aus dem Booklet zum Stück geht hervor, dass der 1985 in Luxemburg geborene Autor Olivier Garofalo einen Teil des Textes zum variablen Einsatz vorgesehen hat, der den Figuren oder einer dritten Stimme zugeordnet werden kann. Die Zittauer Version ist nach der Uraufführung in Aalen 2019 und einer Inszenierung in Luxemburg Anfang 2021 die erste Version, die aus Garofalos Werk ein Drei-Personen-Stück macht – eine gute Idee, auch weil sie Distanz schafft und etwas Humor in die Frage bringt, ob man sich wirklich zwischen Arbeit und Leben entscheiden muss.

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