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Die Schöne lacht und bricht den Bann

Das Zittauer Theater konnte seine Märcheninszenierung endlich vor Publikum aufführen. Die ist live sehr viel beeindruckender als die Online-Version.

Philipp Scholz als Biest, Martha Pohla als Belle in der Zittauer Märcheninszenierung von Dorotty Szalma.
Philipp Scholz als Biest, Martha Pohla als Belle in der Zittauer Märcheninszenierung von Dorotty Szalma. © Pawel Sosnowski

Was kann ein stärkerer Liebesbeweis sein, als die Scham des anderen zu bemerken und so damit umzugehen, dass er sie nicht zu fühlen braucht. Das macht Belle, ohne lange zu überlegen. Leon – das Biest – kann mit seinen großen Pfoten kein Besteck benutzen. Also setzt sich Belle in ihrem teuren roten Kleid mitten auf den Tisch, isst mit den Fingern, lacht und hat das Biest damit schon ein kleines Stück erlöst.

Da ist das Märchenstück "Die Schöne und das Biest" auf der Zittauer Bühne des Gerhart-Hauptmann-Theaters schon weit vorangeschritten, da hat Belle schon ihre Familie verlassen müssen, da sind längst mehrere Menschen auf der Suche nach ihr, da hat sie lange erkannt, dass sie keinem Ungeheuer geopfert werden soll, sondern dass ein unglückliches Wesen auf ihre Liebe und Freundschaft hofft.

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Überwältigend schöne Bühne

Man könnte dieses französische Märchen so erzählen, wie es im 18. Jahrhundert aufgeschrieben wurde – mit einem braven Mädchen, das wie Aschenputtel und Goldmarie für Fleiß und Treue belohnt wird; mit ein paar neidischen Schwestern, die zur Strafe verzaubert werden, weil sie nur nach Reichtum und Ansehen streben; mit einem Liebespaar, das sich am Ende als Prinz und Prinzessin entpuppt.

Das Zittauer Theater macht zum Glück alles anders. Kerstin Slawek hat eine Fassung voller starker, heutiger Charaktere und origineller Handlungsverläufe geschrieben, die in der Inszenierung von Dorotty Szalma nie ins Sentimentale abgleitet und in der alle Darsteller in ihren Rollen aufgehen.

Das geschieht auf einer überwältigend schönen Bühne von Zoltán Egyed aus Projektionen in allen Farben, die den Zuschauer in königliche Säle, blühende Gärten und düstere Wälder führen und auch simulieren können, wie die Rosenpracht erschüttert wird, wie die Wände beben und wie die Zeit dem Unglücklichen durch die Finger rinnt.

Die Schwestern Jeanne (Maria Weber) und Belle (Martha Pohla) sind in der Zittauer Inszenierung keine Kontrahentinnen, im Gegensatz zum Original hat Jeannes hier einen Verlobten (Fabian Quast).
Die Schwestern Jeanne (Maria Weber) und Belle (Martha Pohla) sind in der Zittauer Inszenierung keine Kontrahentinnen, im Gegensatz zum Original hat Jeannes hier einen Verlobten (Fabian Quast). © Pawel Sosnowski

In dieser Welt ist die alte Ordnung "gute Schwester, böse Schwester" aufgehoben. Martha Pohla spielt die Belle als erfrischend leidenschaftliches Mädchen, das zwar auch hier fleißig und bescheiden ist, aber auch schnell aus der Haut fährt, wenn ihm etwas nicht passt. Ihre Schwester Jeanne, temperamentvoll gespielt von Maria Weber, freut sich wie in der Vorlage über schöne Kleider und teure Schuhe, aber ihre Begeisterung für Zahlen wird als Talent – nicht unwichtig in einer Kaufmannsfamilie – gedeutet. Und an entscheidender Stelle sagt sie entrüstet: "Geld ist mir wichtig, aber doch nicht wichtiger als meine Familie!"

Märchen einer Liebe auf den zweiten Blick

Der alte Fluch, der auf dem Biest lastet, hat weniger mit einer abgelehnten Heirat und einer verletzten Fee zu tun, sondern mit einem großen Wald, den es zu bewahren gilt, mit dem Widerstreit zwischen Reichtum für den Einzelnen und einer reichen Natur. Diese beiden Pole werden durch zwei zusätzliche Figuren verkörpert, einen Schatzsucher (Fabian Quast) und einen Naturschützer (David Thomas Pawlak), die beide für überraschende Wendungen sorgen. Eine Fee (Sabine Krug) gibt es auch, besonders originell, weil sie mit gespaltener Persönlichkeit versucht, das Geschehen zu beeinflussen, aber völlig machtlos ist.

Was bleibt, ist die große romantische Geschichte einer langsamen Annäherung zweier Menschen, die sich tief im Herzen berührt haben: die Geschichte einer Liebe auf den zweiten Blick, wie sie wohl zu allen Zeiten geschieht. Sie glaubhaft zu vermitteln, gelingt in dieser Zittauer Inszenierung besonders berührend, gerade weil Belle nicht berechenbar ist, gerade weil sie sich dagegen wehrt, ihren Empfindungen nachzugeben. Und weil das Biest (Philipp Scholz) im Gegensatz dazu die archaische Figur aus dem alten Märchen bleibt.

Gleich werden sie tanzen: Leon, das Biest (Philpp Scholz), und Belle, die Schöne (Martha Pohla).
Gleich werden sie tanzen: Leon, das Biest (Philpp Scholz), und Belle, die Schöne (Martha Pohla). © Pawel Sosnowski

Selbst wenn man weiß, wie die Geschichte ausgeht, ist es ungeheuer spannend, Martha Pohla, die diese Rolle mit ihrem widerspenstigen Charme einfach hinreißend spielt, auf ihrer Reise durch Belles Gefühle zu begleiten: durch Treue, Mut und Furcht, durch Freude, Neugier, Trotz und Wut bis hin zu Mitgefühl und Zuneigung. Und ihr dabei zuzuschauen, wie sie Szenen, die ins Rührselige abgleiten könnten, immer wieder bricht: "Könntest du mich jetzt herunterlassen?", sagt sie zu Leon, als der sie ein wenig zu lange im Arm hält. Oder fast wütend wird, als ihr Vater (Tilo Werner) erkennt, was in ihr vorgeht: "Ich weiß, wie man sich fühlt, wenn man die Liebe erfahren hat."

Kein Musical, aber Musik gibt's trotzdem

Ganz anders als in Musicals, wie sie anderswo aus dem Stoff mit viel Aufwand entstehen, trägt auch die Musik in der Inszenierung des Gerhart-Hauptmann-Theaters dazu bei, die Geschichte von Kitsch freizuhalten. Levente Gulyàs komponierte auch schon die Musik für "Pinocchio" und "Die Schneekönigin". Seinen neuen Liedern hat er Tangos, Walzer und andere Tanzrhythmen zugrunde gelegt, die lebhaft ins Geschehen eingeflochten sind.

Und es gibt einen Rahmen mit schon fast theaterpädagogischer Wirkung. Marc Schützenhofer und Dorotty Szalmas Tochter Mila sind als Erzähler zu Animationen aus dem Off zu hören. Er überbrückt für Kinder, wo Erwachsene Zeitsprünge aus Erfahrung erkennen, sie fragt nach, wie Kinder eben fragen: Warum passiert das jetzt?

Das Premierenpublikum hatte am Sonnabend allen Grund zur Begeisterung. Vielleicht auch, weil diese Liveaufführung gegenüber der Veröffentlichung auf Youtube, die seit 1. April abrufbar ist und die sich Hunderte angeschaut haben, eindeutig zeigt, wie viel mehr Illusion echtes Theater erzeugen kann. Dorotty Szalma umarmte ihre Kollegen öffentlich auf der Bühne. "Die Schöne und das Biest" war ihre letzte Inszenierung, die während ihrer Zeit als Schauspielintendantin in Zittau Premiere hatte.

Weitere Vorstellungen am 25. und 26. Juni, außerdem komplett auf Youtube.

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