merken
PLUS Zittau

Zittauer Schauspieler reißt Publikum mit

Das Ein-Personen-Stück "Nipple Jesus" mit Marc Schützenhofer hatte am Sonnabend Premiere. Eine Inszenierung, die mehr Zuschauer verdient hat.

Marc Schützenhofer spielt den Museumswachmann im Einpersonenstück Nipple Jesus im Zittauer Klosterhof.
Marc Schützenhofer spielt den Museumswachmann im Einpersonenstück Nipple Jesus im Zittauer Klosterhof. © Pawel Sosnowski

Dieses Stück braucht kein Bühnenbild, zumindest kein aufwendig gestaltetes. Denn es spielt sich vor allem in den Köpfen der Zuschauer ab. Kulisse dafür ist der barocke Klosterhof mit seinen Grufthäusern, Kirchenfenstern und Skulpturen. Dazu zwei leere Wände auf der Bühne, auf die höchstens der Schatten des Museumswachmanns Dave fällt, der seine persönliche Geschichte mit dem Kunstwerk "Nipple Jesus" erzählt.

Das tut der Zittauer Schauspieler Marc Schützenhofer 60 Minuten lang, und zwar so mitreißend und kurzweilig, dass die Zuschauer von Anfang bis Ende mitfühlen, lachen, sich teilweise wiedererkennen und sich mitziehen lassen von Daves Annäherung an ein Kunstwerk und auch seiner Enttäuschung. Und vor Augen geführt bekommen, dass Kunst für jeden da ist, ob er nun gebildet ist oder nicht.

Anzeige
Pädagogische/r Mitarbeiter/in gesucht
Pädagogische/r Mitarbeiter/in gesucht

Bei der VHS ist schnellstmöglich die Stelle eines/r pädagogische/r Mitarbeiter/in Schwerpunkt Sprachen (40 h/Woche) unbefristet zu besetzen.

Vom Türsteher zum Kunstkenner

Die Geschichte, die Marc Schützenhofer alias Dave auf der Bühne erzählt, ist die des ehemaligen Türstehers eines Nachtclubs, der sich mit den Fäusten wehren kann, aber sich der zunehmenden Bewaffnung der Gäste nicht mehr länger aussetzen will und deshalb den Job gewechselt hat. Aus Kunst hat er sich noch nie viel gemacht, doch hier – in einer Kunstgalerie – ist er gezwungen, sich mit dem einzigen Bild, das er bewachen soll, auseinanderzusetzen.

Erst ist Dave schockiert darüber, woraus diese Jesusdarstellung besteht, auf der Christus wirklich vor Schmerz zu leiden scheint – "sonst sieht er ja oft aus, als ob er schläft". Die einzelnen Farbpunkte, aus denen das Bild zusammengesetzt ist, sind Millionen von Brüsten, ausgeschnitten aus Pornoheften. "Ich hasste das Bild", sagt Dave, inklusive der Vorstellung, dass der wohl schmierige Künstler über Jahre daran gesessen haben musste, die Hefte durchzugehen, weibliche Brüste auszuschneiden, nach Farben zu sortieren, anzuordnen und aufzukleben.

Warum Jesus? Warum Brüste?

Doch dann entdeckt er, dass der Künstler von "Nipple Jesus" eine Frau ist, und beginnt sich zu fragen: "Wieso tut sie das? Wieso Jesus, wieso Brüste?" Als Dave die ersten Besucher erlebt, die das Bild mit "ganz hübsch, oder?" kommentieren oder gar nichts dazu sagen, beginnt er es innerlich zu verteidigen. Und als er die Künstlerin und deren Eltern kennenlernt, zieht es ihn ganz auf die Seite des Kunstwerks. Die Künstlerin ist eine junge Frau ohne Allüren mit einem Vater, wie er ihn selbst gern gehabt hätte, "keinen versoffenen Idioten", und Dave fragt sich noch mehr: warum Jesus, warum Brüste. Und bildet sich langsam eine Meinung.

Marc Schützenhofer "erzählt" natürlich nicht nur in dieser tragikomischen Inszenierung von Christiane Müller, die das Stück nach einer Kurzgeschichte von Nick Hornby wunderbar in Szene setzte. Er spielt die Dialoge, an die sich Dave erinnert, als habe er ein Gegenüber. Etwa wie er sich einem Pfarrer in den Weg stellt, den er davor bewahren will, diesen Jesus von Nahem zu betrachten. Oder einen "Spinner" verscheucht, der vor dem Bild auf die Knie fällt und später Eier wirft.

Klosterhof wird zur Bühne

Der Schauspieler imitiert in Pantomime, etwa das Anordnen der Zeitschriftenausschnitte, als würde er Briefmarken anlecken und mit dem Daumen aufkleben. Wenn er über das Jesusbild spricht, scheint er es an einer imaginären Wand gegenüber vor Augen zu haben. Und er nutzt den gesamten Raum, der ihm rund um die Bühne zur Verfügung steht.

Marc Schützenhofer im Stück "Nipple Jesus" im Zittauer Klosterhof.
Marc Schützenhofer im Stück "Nipple Jesus" im Zittauer Klosterhof. © Pawel Sosnowski

Klopft an der Tür zur Klosterkirche, rüttelt an einem Grufttor und winkt ab, weil ohnehin keiner öffnet, geht mit klimpernden Schlüsseln die Treppe hinauf, wo er prüft, ob der Scheinwerfer leuchtet. Spricht mal im Stehen, mal setzt er sich auf den Stuhl und erklärt von da, wie er sich einließ auf ein Bild, das er hasste, das er liebte, und wie er sich schließlich verraten fühlte.

Publikum applaudiert heftig

Als das Kunstwerk "Nipple Jesus" zerstört wird von Menschen, die es unmoralisch und blasphemisch finden, ist Dave tief betroffen, die Künstlerin hingegen begeistert. Ihr ging es nur um Provokation, um Protest und um die Aufmerksamkeit, die sie erregte. Enttäuscht von dieser Oberflächlichkeit, verliert Dave die Lust, sich noch einmal in Kunst zu vertiefen.

Ganz anders das Zittauer Publikum: Es applaudierte Marc Schützenhofer und der Regisseurin Christiane Müller bei der Premiere am Sonnabend heftig und ließ damit vergessen, dass die Sitze im Klosterhof nur zur Hälfte besetzt waren. Was sicherlich nur daran lag, das bereits am Tag zuvor Theater im Klosterhof war. Weitere Gelegenheiten, "Nipple Jesus" zu sehen, gibt es am 11., 13. und 27. Juni sowie im Juli und August. Mehr Termine auf www.g-h-t.de.

Mehr zum Thema Zittau