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Kranke Tante schamlos ausgeplündert?

Eine Anklage wirft einer Zittauerin vor, eine Pflegevollmacht ausgenutzt zu haben. Zum Beweis kommt es beinahe minutengenau auf das Geschehen eines Tages an.

Hat eine Zittauerin die Bankkarte ihrer Tante widerrechtlich für Geldabhebungen genutzt.
Hat eine Zittauerin die Bankkarte ihrer Tante widerrechtlich für Geldabhebungen genutzt. © dpa

Es ist ein besonders übler Vertrauensbruch, der gerade vor dem Amtsgericht Zittau verhandelt wird: Die Anklage wirft einer 41-jährigen Zittauer Altenpflegerin vor, ihre gebrechliche Tante (69) regelrecht ausgeplündert zu haben, während diese über Monate hinweg in verschiedenen Kliniken behandelt wurde. Sie soll eine ihr erteilte Vollmacht ausgenutzt haben, um große Mengen Bargeld von deren Konto abzuheben und weitere eigennützige Zahlungen zulasten dieses Kontos vorzunehmen. Die Angeklagte bestreitet all diese Vorgänge per se nicht - dennoch ist der Fall alles andere als klar.

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Die Anklage listet insgesamt 14 Punkte auf. Der schwerste Vorwurf: Die Frau soll an drei Tagen im Mai 2019 zweimal je 500 Euro und einmal 1.000 Euro per Automat vom Konto ihrer Tante abgehoben haben. Außerdem bestellte sie über den PayPal-Account ihrer Tante, den sie selber eingerichtet hatte, Dinge im Internet oder lud das Guthaben ihres Mobiltelefons auf. Mit angeblich gefälschten Unterschriften soll sie vom Konto ihrer Tante sogar Knöllchen für zu schnelles Fahren oder Falschparken beglichen haben. Weiter soll sie noch aus der Wohnung der Tante 900 Euro und mehrere Gegenstände mitgenommen haben. Und aus Verärgerung darüber, dass ihr die Tante schließlich die Vollmacht entzog, habe sie deren E-Mail-Konto gelöscht, deren Zugangsdaten sie ebenfalls hatte. Letzteres ist als "Datenveränderung" angeklagt, die anderen Vorwürfe als Unterschlagung.

Die Vollmacht hatte ihr die Tante am 23. Mai 2019 wieder entzogen, nachdem es zu einem Zerwürfnis gekommen war. Und genau jenes Datum und was an diesem Tag zu welcher Stunde passierte, soll zu einem entscheidenden Punkt der Beweisführung werden.

Wie weit ging die Vollmacht?

Zwischen der Angeklagten und ihrer Tante herrschte mehrere Jahre lang ein enges Vertrauensverhältnis. "Sie ist 2016 von Murnau zurück nach Zittau gezogen, damit ich mich um sie kümmern kann", erzählt die Angeklagte vor Gericht. In der Folge habe sie sich auch mindestens einmal wöchentlich mit ihr getroffen oder auch Einkäufe für ihre Tante erledigt. Anfang Februar 2019 habe sie ihre Tante wegen eines Herzleidens in die Universitätsklinik nach Dresden gebracht. "Damit ging die ganze Schaffe los", schildert die Frau.

Auf Wunsch der Klinik habe die Tante ihr an jenem Tag eine weitreichende Betreuungs- und Vermögensvollmacht erteilt. Im Zuge dieser Vollmacht habe sie von ihrer Tante deren Bankkarte samt Pin erhalten und tatsächlich wie in der Anklage beschrieben die 2.000 Euro vom Konto ihrer Tante abgehoben. Aber: Das sei auf Aufforderung und Wunsch ihrer Tante geschehen. "Ich habe ihr das Geld jeweils ins Krankenhaus gebracht", sagt sie vor Gericht. Das bezeugt auch ihre 17-jährige Tochter, die angibt, oft mit ihrer Mutter gemeinsam die Tante in der Klinik besucht zu haben und bei den jeweiligen Geldübergaben dabei gewesen zu sein.

Die Schilderung der Angeklagten

Auch die anderen Verfügungen über den Bezahldienst PayPal seien mit Wissen und Wollen der Tante vorgenommen worden. Dabei sei es etwa auch um ein Geldgeschenk der Tante anlässlich des Geburtstages der Tochter gegangen, in einem weiteren Fall habe die Tante der Tochter auf diesem Wege ein Taschengeld für einen Urlaub zukommen lassen wollen. Auch die Unterschrift auf den Überweisungsträgern zur Zahlung der Knöllchen habe sie keinesfalls gefälscht. "Ich habe die Formulare ausgefüllt, aber nicht unterschrieben", sagt sie. Die Tante habe das selber im Krankenhaus gemacht. Sie sei mit den Zahlungen einverstanden gewesen, weil sie die Strafmandate anlässlich von Besorgungsfahrten für ihre Tante kassiert hatte.

Die aus der Wohnung verschwundenen Gegenstände - ein Step-Trainer und eine Kochplatte - habe ihr die Tante überlassen. Den Umschlag mit dem Geld habe sie dagegen nicht aus deren Wohnung mitgenommen - im Gegenteil. "Da habe ich 500 Euro von den 1.000 Euro von der letzten Abhebung hineingelegt", sagt sie. Und ja, eines gibt sie zu: Das E-Mail-Konto gelöscht zu haben, das sie ihr einst selbst eingerichtet habe. "Ich war sauer, weil ich immer für sie gesprungen bin und dachte, wenn sie meint, mich nicht mehr zu brauchen, kann sie sich ja auch selbst so ein Konto einrichten", erzählt sie. Zum Bruch zwischen ihr und ihrer Tante sei es gekommen, weil diese eine noch intensivere Betreuung der Nichte gewünscht habe. "Ich habe das abgelehnt, weil es zeitlich einfach nicht ging", sagt sie.

Der entscheidende 23. Mai

Von den Geldübergaben im Krankenhaus und all den anderen Absprachen mit ihrer Nichte will die als Zeugin geladene Tante indes nichts wissen. Sie behauptet, die Nichte habe ihr die Bankkarte in der Klinik gestohlen und anschließend ihr Konto leergeräumt. "Skrupellos ist das für mich!", schimpft sie im Gericht. Im Krankenhaus habe sie dann von ihrer Nichte unter anderem die telefonische Text-Nachricht bekommen, dass diese Zittau verlassen wolle und nicht mehr erreichbar sei - und diese Nachricht erhielt sie eben am 23.Mai.

Genau an diesem Tag hatte die Nichte morgens die letzten 1.000 Euro abgehoben. Genau an diesem Tag auch rief die Tante noch aus dem Klinikbett die Polizei an und erstattete Anzeige gegen ihre Nichte. Und: Die Polizei nahm diese Anzeige so ernst, dass noch am Abend dieses Tages zwei Polizeibeamtinnen an das Krankenbett der Tante kamen, um sie zu vernehmen. Für die Beweisführung kommt es nun auf die genaue zeitliche Abfolge dieses Tages an. Denn: Die Nichte hat jene 1.000 Euro nachweislich um kurz vor acht Uhr morgens abgehoben. Ausweislich eines Bildschirmfotos vom Handy der Tante kam die erste Textnachricht, die klar ein Zerwürfnis beweist, schon 20 Minuten vor dieser Abhebung auf dem Handy der Tante an.

Die Polizei-Ermittler hielten es deshalb für plausibel, dass jene 1.000 Euro nie im Krankenhaus an die Tante übergeben wurden - und die Tante auch von den vorherigen Abhebungen nichts gewusst hat. Ein Ermittler erklärte als Zeuge vor Gericht: "Meine Meinung war, man erwartet jederzeit das Ableben der Frau und dann stirbt sie und niemand merkt, dass das Geld abgehoben wurde." Die Angeklagte dagegen sagt, jene Textnachrichten erst am Abend Stunden nach der Geldübergabe geschickt zu haben - die Zeiteinstellung auf dem Handy der Tante sei nicht korrekt gewesen.

Das Verfahren wird am 14. Juli fortgesetzt.

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