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Wie Antons Geschichte zu Tränen rührte

Anfang 2020 sind Melanie und Michael Krause aus Niederoderwitz sehr verzweifelt - bis ein Artikel in der SZ im Leben der Familie alles wendet.

Eine glückliche Familie: Melanie und Michael Krause mit ihren Söhnen Gustav und Anton in der Blockstube ihres Umgebindehauses in Niederoderwitz.
Eine glückliche Familie: Melanie und Michael Krause mit ihren Söhnen Gustav und Anton in der Blockstube ihres Umgebindehauses in Niederoderwitz. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Unsere Geschichte des Jahres ist die Geschichte von Anton aus Niederoderwitz und seiner Familie. Es ist eine sehr tragische und traurige Geschichte, aber auch eine sehr schöne und hoffnungsvolle.

Bei seiner Geburt im Februar 2019 wären Anton und seine Mutter beinahe gestorben. Melanie Krause platzt unter den Wehen die Gebärmutter, das Kind rutscht in den Bauchraum, eine Notoperation kann das Leben der Mutter retten, das Kind muss reanimiert werden und wird in die Dresdner Uniklinik gebracht. Die Ärzte geben dem Jungen keine Chance.

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Doch Anton ist ein kleiner Kämpfer. Entgegen aller Erwartungen hört der Junge nicht auf zu atmen, als die Ärzte ihm den Tubus aus dem Rachen entfernen. Das Kind lebt! Aber das kleine Gehirn ist nach dem langen Sauerstoffmangel schwer geschädigt. Und Antons Eltern wissen: Ihr zweiter Sohn wird körperlich und geistig schwer behindert sein. Was das für das Leben der kleinen Familie bedeuten wird, ahnen sie da noch nicht.

Im Jahr vor Antons Geburt haben Melanie und Michael Krause ein stark sanierungsbedürftiges Umgebindehaus gekauft und sind mit Gustav, ihrem damals anderthalbjährigen Sohn, auch gleich eingezogen. Michael Krause, gelernter Tischler, wollte das Haus nach und nach sanieren. Das Leben auf der Baustelle sollte nicht lange dauern. Aber mit Antons Geburt kommt alles anders.

An diesem späten Dezembernachmittag sitzen Melanie und Michael Krause mit ihren Söhnen Gustav, der jetzt drei ist, und Anton, der im Februar zwei wird, auf dem Sofa in der gemütlichen Blockstube ihres Umgebindehauses. Auf dem Foto sehen sie glücklich aus.

"Wir haben jetzt ein behindertes Kind"

Michael Krause ist gerade von der Arbeit gekommen. Er hat Anton zu sich auf den Schoß gezogen und spielt mit dem Kind Hoppe-Reiter. Anton gluckst und reißt den Mund auf. Ein Zeichen, dass ihm das offenbar Spaß macht. Anders kann er sich nun mal nicht ausdrücken. Aber seine Eltern verstehen ihn auch so.

"Es ist schon ziemlich schwer", sagt Michael Krause. "Als wir im Oktober zur Reha in Kreischa waren, da ist mir das zum ersten Mal so richtig bewusst geworden: Wir haben jetzt ein behindertes Kind. Das müssen wir so akzeptieren. Auch wenn uns da manchmal zum Heulen ist."

Anton ist mehrfach schwerst behindert. Er wird über eine Magensonde ernährt, muss regelmäßig Schleim aus seinem Rachen abgesaugt bekommen, hat epileptische Anfälle. Wie er sich mal entwickeln wird, weiß niemand. Aber er entwickelt sich besser als alle Prognosen. Vor Kurzem hat er es sogar alleine geschafft, sich vom Bauch auf den Rücken zu drehen. Er versucht zu krabbeln. Melanie ist sich sicher, dass er das irgendwann schafft.

"Er ist geistig schon da, kann es aber körperlich noch nicht umsetzen", sagt Antons Mutter, die fest daran glaubt, dass er sich auch mal selbstständig vorwärtsbewegen wird. Irgendwie. "Er fängt jetzt auch an zu weinen, wenn er irgendetwas will und dann merkt, dass er es nicht kann."

Melanie Krause sieht immer noch müde aus. Sie schläft nachts in Antons Zimmer, hört auf jedes Geräusch, ist sofort hellwach, wenn Anton Schleim abgesaugt werden muss oder die kleinen Lungen noch zusätzlich Sauerstoff brauchen. Antons Kinderzimmer, so bunt und schön es auf den ersten Blick auch aussieht, ist eine Intensivpflegestation.

Eine überwältigende Welle der Hilfsbereitschaft

Und neben dem Zimmer ist jetzt ein kleines Büro eingerichtet - das Arbeitszimmer der Kinderintensivpflegekräfte, die Anton tagsüber betreuen helfen. Auch die Tatsache, dass immer eine Pflegekraft im Haus ist, gehört jetzt zum Alltag von Familie Krause.

Dabei stand das vor einem Jahr alles infrage - und Melanie und Michael Krause standen vor einem riesigen Berg an Sorgen und Problemen, so groß, dass sie beide nahe am Verzweifeln waren. Melanies Elternzeit ging zu Ende, die Pflegekasse aber lehnte eine 24-Stunden-Betreuung für Anton ab. Für die dringend nötigen Sanierungsarbeiten am Haus fehlten Kraft, Zeit und Geld. Krauses wussten nicht, wie es weitergehen sollte.

Zwei Therapeutinnen der Frühförderstelle bei der Zittauer Lebenshilfe, die regelmäßig mit Anton übten, bekamen die verzweifelte Situation mit und wendeten sich an die Stiftung Lichtblick mit der Bitte um einen Zuschuss für die dringendsten Zimmererarbeiten am morschen Umgebinde.

Ein Artikel in der SZ schließlich löst eine überwältigende Welle der Hilfsbereitschaft aus. Auf dem Konto der Lebenshilfe gehen neben dem Geld von der Stiftung Lichtblick noch viele, viele weitere Spenden ein. Ein Ruppersdorfer und eine Zittauerin teilen den Beitrag auf Facebook und organisieren unabhängig voneinander ebenfalls zwei Spendenaktionen. Im März wird Familie Krause mit der Spendenübergabe überrascht: Insgesamt sind mehr als 20.000 Euro für die Familie zusammengekommen.

Auch jetzt noch hat Melanie Tränen in den Augen, wenn sie darüber spricht, wie überwältigt sie und ihr Mann von dieser unglaublichen Hilfe waren - und immer noch sind. "Das hat das schwere Jahr 2020 für uns zu einem ganz besonderen gemacht", sagt die 32-Jährige. "Es war für uns eine riesengroße Hilfe. Wir können gar nicht sagen, wie froh und dankbar wir sind." Inzwischen ist das morsche Umgebinde saniert, die neue Heizung ist eingebaut, Antons Pflegezimmer eingerichtet.

Nach dem Artikel in der Zeitung hat die Pflegekasse auch die 24-Stunden-Intensivpflege genehmigt. Michael Krauses Arbeitskollegen in der Bechstein-Pianomanufaktur in Seifhennersdorf wollten ihm sogar ihre Überstunden spenden, damit er die Tage, an denen er mit Anton zu den regelmäßigen Untersuchungen in die Uniklinik nach Dresden oder ins Epilepsiezentrum nach Wachau fahren muss, nicht alle rauszuarbeiten braucht.

"Es ist unglaublich schön, so etwas zu erleben", sagt der 42-Jährige. "Da weiß man, dass man nicht alleine ist." Anton auf seinem Schoß wird langsam schläfrig. Melanie wird ihn gleich baden und füttern. Sie hat ihm einen leckeren Abendbrei gekocht, auch wenn sie weiß, dass er gar nicht schmecken wird, was sie ihm langsam mit einer Plastikspritze über den kleinen Schlauch direkt in seinen Magen drückt. Ob er jemals richtig essen kann? Melanie Krause lächelt: Wer weiß?

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