merken
PLUS Löbau

Cornelius Stempel: 100 Tage Krisenmodus

Als neuer Bürgermeister war er nicht auf Rosen gebettet. Oderwitz Gemeinde-Chef über das Aus fürs Schokowerk, B96-Proteste, Bus-Knatsch und Statistik.

Cornelius Stempel ist seit 100 Tagen Oderwitzer Bürgermeister und hatte einen turbulenten Start.
Cornelius Stempel ist seit 100 Tagen Oderwitzer Bürgermeister und hatte einen turbulenten Start. © Matthias Weber/photoweber.de

Ein bisschen scheint es, als hätte Cornelius Stempel die Hiobsbotschaften zum Amtsantritt gepachtet: Knatsch um den neuen Busfahrplan. Kaum Veranstaltungen wegen Corona. Proteste an der B96 auch in Oderwitz - verknüpft mit hässlichen Schlagzeilen in den Medien. Kein Pfarrer mehr, weil der langjährige Seelsorger die Gemeinde für neue Herausforderungen verlässt. Schlammlawine ergießt sich nach heftigem Regen in den Ort. Und natürlich die Pläne zur Schließung der Kathleen-Schokoladenfabrik.

Gerade einmal die Wiedereröffnung des Oderwitzer Bades nach der Sanierung gleich im Juni war ein wirklich schöner Höhepunkt, bestätigt der parteilose Stempel - denn auch die Badesaison war alles andere als sicher. "Aber dann kam schon die Schocknachricht von der Schokoladenfabrik", sagt der Bürgermeister, der so in seinen ersten 100 Amtstagen damit gleich den Wegfall eines großen Arbeitgebers auf dem Tisch hatte. Bislang blieben Vermittlungsversuche erfolglos, bedauert er. Aber immerhin habe man bis zur Schließung noch zwei Jahre Zeit für eine Lösungssuche. Für die Versorgung des Oderwitzer Bades mit Wasser - das kam immer von der Schokoladenfabrik - habe man inzwischen eine gute Lösung gefunden. Die Produktionshalle möchte er gern noch einmal besichtigen, "damit ich bei Nachfragen von Interessenten auch auskunftsfähig bin", erklärt der Bürgermeister.

Anzeige
Mit Shopping und PS in den Herbst
Mit Shopping und PS in den Herbst

Mit einem verkaufsoffenen Sonntag läutet der NeißePark Görlitz den Herbst ein. Am Sonntag, 27. September, öffnen mehr als 40 Geschäfte und Gastronomiebetriebe.

Cornelius Stempel war im Grunde genommen schon im Wahlkampf im Krisenmodus, nun nimmt er die Herausforderungen mit der ihm eigenen Sachlichkeit an. Die Diskussion mit dem Landkreis um künftige Bushaltestellen - vor allem beim Schülerverkehr - war für ihn eine ungewohnte Situation: Als Kreisarchivar war er bis zu seiner Amtsübernahme in Oderwitz Teil der Landkreisverwaltung. Nun steht er dem Kreis hier kritisch gegenüber. "Das war kein Problem, zumal ich dienstlich mit diesem Amt ja nie zu tun hatte", sagt er und erklärt: "In sachlichen Fragen bin ich immer bestrebt, ein gutes Einvernehmen mit dem Kreis zu haben - es geht ja nicht ohne." Seiner Einschätzung nach, sei man hier auf gutem Weg.

Die Sache mit dem richtigen Weg macht ihm beim Thema Stiller Protest an der B96 weitaus mehr Sorgen. Generell beobachte er persönlich eine zunehmende Polarisierung der Bevölkerung - auch durch das Internet. Das Recht, seinen Unmut zu bekunden oder seine Meinung zu zeigen, sei völlig legitim - so lange es friedlich bleibe. Deshalb ist er froh, dass Oderwitz bei den Negativ-Schlagzeilen und Gewaltausbrüchen im Zusammenhang mit diesen Versammlungen bislang nicht im Vordergrund stand.

B96-Protest: Protestierer sind Minderheit

Aus seinen Gesprächen mit den Bürgern, die sich im Alltag - beispielsweise im Supermarkt - vorbildlich an die Regeln hielten, hat Cornelius Stempel den Eindruck gewonnen, dass es sich bei den scharfen und lauten Kritikern um einen eher kleinen Anteil der Bevölkerung handelt. "Ich habe das live beobachten können, als ich kürzlich nach Oberoderwitz zum Gottesdienst gefahren bin", sagt er. Neben Leuten aus dem Ort habe er auch viele Protestler aus anderen Gemeinden - gar ein Ratsmitglied aus einem Ort im Zittauer Gebirge - gesehen. Mit seinen Amtskollegen entlang der B96 habe man sich bereits mehrfach getroffen, zudem habe man sich von Berater Bernd Stracke, ehemaliger Geschäftsführer der Hillerschen Villa, unterstützen lassen. "Einen goldenen Weg gibt es hier nicht", sagt Stempel. Er appelliere aber an alle, genau hinzuschauen, mit wem man sich zusammen an die Straße stelle. Dass Reichskriegsflaggen der Tourismus-Region Oberlausitz nicht gut tun, davon ist er überzeugt. "Da kann man nur mit positiven Dingen dagegenhalten", meint er.

Weiterführende Artikel

"Ich will unsere Außenwirkung verbessern"

"Ich will unsere Außenwirkung verbessern"

Der neue Bürgermeister über die Frage nach neuen Wirtschaftskonzepten, Schienen- oder Radwegs-Plänen und die Gewichtung der Oderwitzer Ortsteile.

Positive Dinge? Vielleicht, dass Oderwitz wieder wächst? Auch da gab es zuletzt keine guten Nachrichten für den neuen Bürgermeister: Oderwitz ist laut Statistischem Landesamt seit zweitem Jahresquartal unter die 5.000-Einwohner-Marke gerutscht. Für den Bürgermeister kein Widerspruch mit der weiter starken Nachfrage junger Familie nach Wohnmöglichkeiten im Ort. "Wir wissen, dass wir nach wie vor attraktiv sind - und was die Zahlen betrifft, das liegt auch an unserem Seniorenheim", erklärt er. Dort sei nämlich durch Sanierung und Umstrukturierung derzeit die Kapazität nicht voll ausgeschöpft. Konsequenzen habe das Schrumpfen der Gemeinde seines Wissens nicht. Höchstens bei einigen Förderprogrammen für Kommunen zwischen 5.000 bis 20.000 Einwohnern müsse man schauen, dass man noch dabei bleibe.

Weitere Nachrichten aus Löbau und Umgebung lesen Sie hier.

Weitere Nachrichten aus Zittau und Umgebung lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Löbau