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Corona: Heim sendet Notruf - und findet sofort Helfer

Im Seniorenpflegepark "Zur Linde" in Zittau waren so viele Bewohner und Pflegerinnen an Corona erkrankt, dass der Pflegedienst gefährdet war. Das war eine große Belastungsprobe.

Von Holger Gutte
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Katrin Heinze und Alexander Spacek gehören zu den Angehörigen, die im Seniorenpflegepark "Zur Linde" in Zittau halfen, nachdem viele Bewohner und Pflegerinnen an Corona erkrankten.
Katrin Heinze und Alexander Spacek gehören zu den Angehörigen, die im Seniorenpflegepark "Zur Linde" in Zittau halfen, nachdem viele Bewohner und Pflegerinnen an Corona erkrankten. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Harte Tage haben Katrin Heinze und Alexander Spacek hinter sich. Die beiden Zittauer gehörten zu denen, die sofort auf den Notruf von Heike Krause reagierten. Die Geschäftsführerin des Seniorenpflegeparks "Zur Linde" in Zittau wusste sich am 19. November keinen anderen Rat, als diesen Notruf abzusenden. Von den 53 Heimbewohnern waren nach dem PCR-Test 32 positiv auf das Corona-Virus getestet worden. Auch beim Pflegepersonal hatten sich viele infiziert. Nach und nach fielen 16 der 31 Mitarbeiter aus.

"Ich habe beim Gesundheitsamt um Hilfe gebeten. Aber die konnten mir nicht helfen, obwohl ich ihnen schilderte, dass ich den Pflegedienst nicht absichern kann", erzählt sie. Aber irgendwie musste sie das doch. Also schickte Heike Krause einen Hilferuf an die Angehörigen. Schon 15 Minuten später meldete sich bei ihr die erste Helferin. Auch für Katrin Heinze und Alexander Spacek gab es da kein großes Überlegen. "Wie können wir helfen ", sagten sie.

Der Seniorenpflegepark "Zur Linde" in Zittau.
Der Seniorenpflegepark "Zur Linde" in Zittau. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Von da an war Katrin Heinzes Tag straff durchorganisiert. Vor ihrer Nachmittagsschicht im Supermarkt, wo sie als Verkäuferin arbeitet, half sie im Seniorenpflegepark. Ihre Mutti lebt dort. "Die Leute hier in der Linde kümmern sich so gut um die Bewohner, da ist es für mich selbstverständlich, zu helfen", sagt sie.

Katrin Heinze kann natürlich keine Pflegeaufgaben übernehmen. Aber sie kann dem Pflegepersonal viel Arbeit abnehmen. Und so brachte sie jetzt tagelang den Nicht-Erkrankten ihr Frühstück ins Zimmer, räumte nachher das Geschirr wieder weg und erledigte viele andere Dinge. Dann fuhr die Zittauerin für zwei Stunden nach Hause und kam 10.30 zur Mittagsvorbereitung wieder ins Heim.

Sie wusste, jede Arbeit, die sie den Pflegerinnen und Pflegern abnimmt, haben die mehr Zeit für die Erkrankten. Zu denen gehörten auch Katrin Heinzes Mutti und Alexander Spaceks Schwiegermutter. "Meine Mutti ist nicht dement. Sie wusste, dass ich jeden Tag da bin und wir uns trotzdem nicht sehen können", schildert die 53-Jährige.

Alexander Spacek ging es nicht anders. Der 66-jährige ist Rentner und nahm sich so viel Zeit, wie nötig war, fuhr auch in die Apotheke, um Medikamente zu holen. "Und wenn ich manchmal nur die Hand einer Frau gehalten und ihr zugehört habe: Du spürst sofort, wie dankbar die Leute sind", erzählt er. Die Hilfe, die der Seniorenpflegepark bekam, war so vielschichtig und jede auf ihre Art wichtig. "Ich konnte nicht im Heim selber helfen, weil ich erst einmal geimpft bin", berichtet Kerstin Wäbisch aus Oberseifersdorf. Da hat sie halt über Facebook und über einen Radiosender den Notruf aus dem Heim verbreitet und Hilfsangebote koordiniert.

Denn Büroarbeit gibt es seit Tagen für Geschäftsführerin Heike Krause nicht mehr. Die macht sie nach Feierabend. Obwohl Mitarbeiter und Helfer ihr attestieren, dass sie schon ewig keinen Feierabend mehr macht. "Der Seniorenpflegepark ist meine Herzenssache", sagt sie selber. Heike Krause ist überall im Seniorenpflegepark anzutreffen, nur nicht im Büro. Sie hilft genauso bei der Essensausgabe, dem Geschirr abräumen und anderen Dingen. "Nur Pflegearbeiten kann ich nicht übernehmen", sagt sie.

Katrin Heinze ist auch Heimfürsprecherin, sozusagen das Bindeglied zwischen der Einrichtung und den Bewohnern. Sie erzählt, was hier sonst für die Bewohner immer organisiert wurde, als es Corona noch nicht gab. Sie freut sich, dass viele Angehörigen jetzt auch etwas zurückgeben wollen.

Das Team vom Senioren-Pflegepark "Zur Linde" in Zittau schickte diese Botschaft im April 2020 an die Angehörigen ihrer Hausbewohner. Eine Angehörige antwortete mit einem Dankes-Gruß und schickte es zurück.
Das Team vom Senioren-Pflegepark "Zur Linde" in Zittau schickte diese Botschaft im April 2020 an die Angehörigen ihrer Hausbewohner. Eine Angehörige antwortete mit einem Dankes-Gruß und schickte es zurück. © privat.

Weil beispielsweise das traditionelle Plätzchenbacken vor dem Advent nicht stattfinden konnte, haben Angehörige große Mengen an Plätzchen gebacken. Katrin Heinze und ihr Mann haben sie in Päckchen verpackt, die jeder Bewohner erhielt. "Unsere Rentner - das sind ehemalige Mitarbeiter - haben das ganze Haus weihnachtlich geschmückt. Drei Tage haben sie dafür gearbeitet. Wir hätten dafür keine Zeit gehabt", berichtet Heike Krause.

Die Rentner nahmen mit den Familien der Bewohner Kontakt auf, ließen sich Weihnachts-Deko für die Zimmer ihrer Angehörigen geben und Katrin Heinze schmückte die Zimmer.

Die Geschäftsführerin zieht den Hut vor ihrem Team. Den Pflegerinnen und Pflegern, die sich in voller Schutz-Montur um die positiv getesteten Bewohner kümmern und allen anderen Mitarbeitern, die Aufgaben erledigen, für die die Pfleger derzeit einfach keine Zeit mehr haben. "Wir bieten beispielsweise Sterbebegleitung an. Die ist so wichtig", sagt die Chefin. Und darauf will sie nicht verzichten müssen.

Wöchentlich schreibt die Geschäftsführerin Mails an die Angehörigen, wie es den Bewohnern geht. Bei den positiv getesteten Personen, versucht sie das sogar täglich zu schaffen. Zwei große Tagebücher hat Heike Krause schon während der Corona-Zeit gefüllt. Sie hofft, dass es wieder bessere Tage gibt. Sieben der 53 Bewohner haben sie in der vergangenen Woche wegen Corona verloren.

Und trotzdem gibt es in dieser schweren Zeit positive Nachrichten. Nach dem Notruf hat sich bei Heike Krause eine ausgebildete Pflegerin gemeldet. Die hat sie natürlich ab 1. Dezember sofort eingestellt.

Am Wochenende freuen sich die Heimbewohner, endlich mal wieder aus dem Zimmer und in den Garten zu können. Dann läuft die Quarantäne ab. Beim Corona-Test am Donnerstag waren alle negativ.