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Bei Novaks gibt es die Grenze fast nicht

Das Dreiländereck wächst zusammen: In einer Herrnhuter Familie fühlen sich die Eltern als Brückenbauer und die Kinder sind stolz, Tschechen und Deutsche zu sein.

Das Deutsche und Tschechische ist bei Familie Novak zusammengewachsen - (von links) David Nathanael (16), Boaz Emanuel (1), Daniel Joshua (13), Deborah Jael (11), Hannah Rebekka (18) die Eltern Ulrike und Jan, Benjamin Samuel (6) und Eljakim Hananja (4).
Das Deutsche und Tschechische ist bei Familie Novak zusammengewachsen - (von links) David Nathanael (16), Boaz Emanuel (1), Daniel Joshua (13), Deborah Jael (11), Hannah Rebekka (18) die Eltern Ulrike und Jan, Benjamin Samuel (6) und Eljakim Hananja (4). © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Als sich Ulrike und Jan Novak das erste Mal begegneten, war sie gerade 13 und er 20 Jahre alt. "Ich bin auf einem christlichen Jugendwochenende in Nove Mesto pod Smrkem (Neustadt an der Tafelfichte) gewesen, erzählt die heute 42-jährige Herrnhuterin. Der gebürtige Prager Jan Novak war Student und übersetzte für die Gruppe. Damals ahnten die beiden nicht, dass sie sich später einmal verlieben, heiraten und sieben Kinder bekommen würden.

Ein paar Jahre später sehen sie sich bei dem gleichen Jugendtreffen wieder. Da funkt es bereits zaghaft. Sie schreiben sich Briefe. "Ich habe mit 13 in der Schule angefangen tschechisch zu lernen", sagt sie. Die beiden treffen sich. Aus dem Funken ist längst ein Feuer geworden. Ihre elfjährige Tochter Deborah Jael sitzt mit am Tisch und hört interessiert zu. "In Deutschland leben - mit tschechischen Wurzeln", steht auf ihrem Pulli. Das trifft es ganz gut. Denn ihre Familie ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie die Menschen am Dreiländereck zusammengewachsen sind.

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Sie hört, dass ihre Eltern dann eines Tages im Mai 1997 am Zusammenfluss von Moldau und Elbe saßen. "Dort haben wir uns dann die Frage gestellt, ob wir Nägel mit Köpfen machen wollen", erzählen sie. Und eineinhalb Jahre später heirateten die beiden dann auch dort in Melnik.

Für die deutsch-tschechische Familie Novak in Herrnhut gibt es die Grenze zwischen beiden Staaten fast nicht mehr.
Für die deutsch-tschechische Familie Novak in Herrnhut gibt es die Grenze zwischen beiden Staaten fast nicht mehr. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Ulrike Ruth Novakova studierte damals an der Fachhochschule in Hof Internationales Management und kommt viel rum in der Welt. Ihr Mann Jan ist mit seinem Germanistikstudium bereits fertig und begleitet sie. Nach einem Praktikum in Prag lebten sie in Israel, der Ukraine, Finnland und Russland. Kein Land prägte die beiden aber so wie Israel, wo sie ein halbes Jahr lebten.

Sie sind keine Juden, aber ihr christlicher Glaube verbindet sie stark mit dem Land. Auch deshalb zieht es sie, als sie 2002 wieder nach Deutschland kommen, nach Hamburg. Dort hat der Verein Ebenezer Hilfsfonds Deutschland seinen Sitz. Der Verein hilft weltweit Juden bei der Rückkehr nach Israel. Zehn Jahre lebt und arbeitet das Ehepaar in der Hansestadt. Hier kommen ihre vier ältesten Kinder zur Welt. Hannah Rebekka ist inzwischen 18 und macht gerade ihr Abitur, David Nathanael ist 16, Daniel Joshua 13 und Deborah Jael elf.

"Wir haben uns dann entschlossen, wieder zu unseren Wurzeln zurückzukehren", schildern die beiden. Kurzentschlossen zieht die Familie im März 2012 nach Herrnhut, der Heimatstadt von Ulrike Ruth Novakova. So wie sie haben auch die beiden Töchter das "ova" am Ende des Familiennamens mit im Ausweis stehen. Während sie so erzählen, die kleinen Kinder spielen und die älteren sich mit anderen Dingen beschäftigen, fällt kein einziges tschechisches Wort.

Deutsch ist die Hauptsprache in der Familie. Ihre zwei ältesten Kinder sind noch zweisprachig aufgewachsen. "Aber ab dem dritten Kind haben wir dann was versäumt und wahrscheinlich zu schnell die Segel gestrichen. Wenn ihnen Jan abends etwas vorlesen wollte, hieß es gleich, Papa, bitte in deutsch", erinnert sich seine Frau. Da hat er nachgegeben - sehr zum Bedauern ihrer tschechischen Oma.

Die Kinder sagen alle "wir sind Deutsche", obwohl sie auch den tschechischen Pass haben. Aber es gibt auch Situationen, wo sie stolze Tschechen sind. Beim Eishockey in Liberec finden sie es beispielsweise cool, die tschechische Nationalhymne mitzusingen.

Und je mehr sie erzählen, umso mehr kommt durch, wie das Tschechische und das Deutsche in ihnen verschmolzen ist. Jans Art Witze zu machen, finden sie lustig und peinlich zugleich. "Tschechische Witze sind schon irgendwie lustig, kommen aber auch ziemlich flach rüber", verrät die älteste Tochter. Im Nachbarland haben sie halt eine andere Art von Humor.

Der Alltag bei Novaks ist ein Gemisch aus deutsch, tschechisch und israelisch. Die Familie feiert die biblischen Feste. Jetzt zu Ostern beziehungsweise in der Pessach-Woche gibt es beispielsweise traditionell jüdische Matzen, ein ungesäuertes Fladenbrot, zu Weihnachten Karpfen, wie in Tschechien üblich aber auch Würstchen und Kartoffelsalat.

Dennoch sagt Ulrike Ruth Novakova: "Wenn unsere Kinder in Tschechien aufgewachsen wären, wären sie ganz anders." In Deutschland sind die Kinder lauter, werden früher zur Selbstständigkeit erzogen. Das merken sie jedes Mal, wenn sie im Nachbarland sind. Und tschechische Schulen sind auch strenger. Das hat Hannah Rebekka gemerkt, als sie im Grundschulalter zeitweise eine tschechische Schule besuchte.

Die Grenze zwischen beiden Ländern nehmen die Kinder fast nicht wahr. Für sie ist Tschechien noch nie Ausland gewesen. Ihre Eltern sind als Grenzgänger und Brückenbauer im Dreiländereck unterwegs. Das hat nicht nur etwas mit den offenen Grenzen zu tun, sondern ebenso mit ihrem Glauben. Familie Novak ist in Herrnhut dem Jesus-Haus verbunden, einer freien christlichen Gemeinde.

Jedes Jahr zieht es Christen aus aller Welt nach Herrnhut. Manchmal werden sie auch von Ulrike Ruth Novakova durch die Zinzendorf-Stadt geführt. Die 42-Jährige spricht neben deutsch und tschechisch auch russisch und englisch. Jan Novak ist Deutschlehrer in Görlitz. Sie sind angekommen in Herrnhut. Dort, wo Ulrike herkommt und Jans Mutter nicht weit weg im Nachbarland wohnt.

Dank einer ärztlichen Bescheinigung darf er seine betagte Mutter auch in Corona-Zeiten regelmäßig besuchen fahren, während aber für seine Frau die üblichen Reisewarnungen, Test- und Quarantäneregeln gelten. Deshalb war sie jetzt schon lange nicht mehr "drüben", wie sie sagt. "Es war schon ein komisches Gefühl, als im letzten Frühjahr die Grenze zu Tschechien auf einmal wieder dicht war. Vielleicht sei es an der Zeit, ein zweites Standbein in Tschechien aufzubauen", meint sie und Jan Novak fügt anerkennend hinzu: "Meine Frau spricht so gut tschechisch, dass nur wenige manchmal einen Akzent heraushören."

Und wer weiß, vielleicht sprechen auch die drei Jüngsten der Familie Benjamin Samuel (6), Eljakim Hananja (4) und der einjährige Boaz Emanuel vielleicht eines Tages fließend tschechisch.

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