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Die Sirenen kommen zurück

Sie sind aus der Mode gekommen, weil Feuerwehren per Pieper alarmiert werden. Doch wie werden Bürger informiert? Nun rudern viele Gemeinden zurück.

Von Holger Gutte
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Auf dem Dach des Gemeindezentrums in Spitzkunnersdorf gibt es noch eine Sirene. Sie kommen wieder in Mode und sind wichtig für die Warnung vor Gefahren für die Bürger, wie bei drohenden Überschwemmungen.
Auf dem Dach des Gemeindezentrums in Spitzkunnersdorf gibt es noch eine Sirene. Sie kommen wieder in Mode und sind wichtig für die Warnung vor Gefahren für die Bürger, wie bei drohenden Überschwemmungen. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Verheerende Überschwemmungen und Schlammlawinen treten nach starken Regenfällen auch im Landkreis Görlitz immer häufiger auf. Die Bürger wollen nicht nur davor besser geschützt sein, sondern auch vor Gefahren gewarnt werden.

In Spitzkunnersdorf ist dieser Wunsch besonders laut zu hören. Sechs Hochwasserkatastrophen haben die Bürger im Leutersdorfer Ortsteil seit 2010 hinter sich. Wobei die Jahrhunderthochwasser von 2010 und 2013 in Spitzkunnersdorf noch zweimal übertroffen wurden. Damals sind vor allem Grundstücke und Häuser im Niederdorf zwar auch von den Wassermassen überflutet worden, im Mai und Juni 2017 kamen aber noch riesige Schlammlawinen hinzu. "Wenn wir rechtzeitig gewarnt werden, hätte manch Autobesitzer im Niederdorf vielleicht noch eine Chance, sein Fahrzeug in Sicherheit zu bringen, bevor die Feuerwehr die Straße absperrt und alles überflutet ist", schilderte jüngst ein Einwohner.

Alt und aus DDR-Zeiten - aber dennoch heutzutage wieder Gold wert.
Alt und aus DDR-Zeiten - aber dennoch heutzutage wieder Gold wert. © Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Leutersdorf prescht nun vor und handelt. "Wir haben es nach der Wende geschafft, vier Sirenen zu retten, obwohl sie vielerorts abgebaut wurden. Aber dennoch ist ein riesiger Bereich in der Gemeinde mit Sirenen nicht abgedeckt", berichtet Jürgen Reichel von der Gemeindeverwaltung. Das soll sich möglichst schnell ändern.

Denn die Sirenen ertönen nicht nur bei Feueralarm. Mit ihren kann mit bestimmten Signaltönen ebenso vor anderen Gefahren, wie drohende Überschwemmungen gewarnt werden. Dieses Thema ist gerade ganz aktuell. Denn die Hochwasser-Warn-App ist kein Allheilmittel. Wer schaut da schon nachts drauf. Sirenen aber hört man.

Nach den Hochwasserkatastrophen vor drei Monaten in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen hat die Bundesregierung nun ein Förderprogramm zur Verbesserung der Warninfrastruktur aufgelegt. Der Aufbau von Sirenen wird damit gefördert. Allerdings ist das Programm noch nicht wirksam.

Vorsorglich haben die Leutersdorfer Gemeinderäte aber schon mal beschlossen, eine neue Sirene zu kaufen, um mehr Bürger besser warnen zu können. Die Sirene soll auf dem künftigen Vereinshaus an der Grenze beider Ortsteile installiert werden.

Kreisbrandmeister Björn Mierisch kennt das neue Förderprogramm. Etwa 88 Millionen Euro schwer soll es sein. Reichlich zwei Millionen Euro wird Sachsen anteilmäßig jeweils für dieses und nächstes Jahr bekommen. Wobei jetzt schon abzusehen ist, dass das Geld dieses Jahr nicht mehr fließt. "Es wird aber sicherlich nicht verfallen", schildert der Kreisbrandmeister.

Denn selbst diese Summe deckt bei Weitem nicht den Bedarf. Die für den Landkreis Görlitz runtergerechnete Fördersumme reicht durchschnittlich gerade einmal für 23 Sirenen. Die Fördersumme richtet sich nach der Bauart. Eine Sirene auf einem Gebäude wird mit rund 10.000 Euro unterstützt und auf einem Mast mit 17.000 Euro.

Zittau, Weißwasser und Görlitz haben keine Sirenen mehr

"Es gibt Orte im Landkreis Görlitz, in denen gibt es überhaupt keine Sirenen mehr", schildert Björn Mierisch. Dazu gehören Städte wie Zittau und Weißwasser. Ganz ohne die Alarmmelder ist die Stadt Zittau aber nicht. Im gesamten Stadtgebiet gibt es 13 Sirenen. Davon befinden sich eine in Dittelsdorf, zwei in Hirschfelde und je eine in Rosenthal, Drausendorf und Schlegel, drei in Wittgendorf sowie je zwei in Hartau und Eichgraben. "Sie sind alle aktiv und werden regelmäßig einmal im Monat getestet, schildert der Leiter der Zittauer Feuerwehr Uwe Kahlert.

Zittau hat sich mit dem Thema bereits beschäftigt. Weitere drei Sirenen möchte sich die Stadt erst einmal anschaffen. Je eine ist für den Ortsteil im Gebiet Schlegel/Burkersdorf sowie in Pethau und in der Stadt selber gedacht. Alle anderen Ortsteile sind versorgt, so der Leiter der Zittauer Feuerwehr.

In Görlitz gibt es zwar wenigstens eine, aber die befindet sich im Ortsteil Hagenwerder, hilft also den Görlitzern ebenso nicht.

Löbau hat noch sechs Sirenen für sein großes Gebiet, Ebersbach-Neugersdorf eine. Mittelherwigsdorf hat in seinen vier Ortsteilen insgesamt noch zehn Sirenen aus DDR-Zeiten. Sollten sie aber flächendeckend über die gesamte Gemeinde zu hören sein, müssten es 14 Sirenen sein, berichtet Bürgermeister Markus Hallmann (Freier Wählerverein).

Das Verschwinden der alten Sirenen lässt sich leicht erklären. Die DDR-Sirenen sind nach der Wende oft in Treuhandbesitz übergegangen. Die bot sie später den Kommunen zum Übernehmen an. Leutersdorf hat das gemacht, wie Jürgen Reichel berichtet. Als dann die Kameraden der Feuerwehren über Funk alarmiert wurden, schienen die Sirenen überflüssig für die Feuerwehren. So wurden viele abgebaut. Oftmals befanden die sich auch auf Dächern von Fabriken und nach und nach verschwanden sie mit denen beim Abriss oder Umbau.

Damals wurde unterschätzt, dass die Sirenen auch für die Warnung der Bürger wichtig sind. "Selbst jetzt sind die neuen Sirenen in erster Linie zum Warnen für die Bevölkerung gedacht", erklärt der Kreisbrandmeister. Die Feuerwehren haben ja Funkempfänger.

Beim Landratsamt erwartet man deshalb schon jetzt, bevor das Geld überhaupt fließen kann, mehr Anträge, als berücksichtigt werden können. Deshalb wird der Landkreis eine Prioritätenliste erstellen. Aber nicht nur das Geld kann zum Problem werden. Der Bedarf ist schon sehr groß. Nach der Flutkatastrophe im Juli in Westdeutschland wollen viele Kommunen Warnsysteme mit Sirenen aufbauen. Das könnte die Wartezeiten darauf erhöhen, ebenso wie den Kaufpreis.

Der Vorteil von Sirenen liegt aber auf der Hand. Mit den modernen neuen elektronischen Sirenen kann man sogar Sprachnachrichten durchsagen. Wenn es brennt und starke Rauchschwaden durch einen Ort ziehen, könnte beispielsweise eine Sprachnachricht lauten: "Schließen Sie bitte Ihre Fenster und bleiben Sie zu Hause." Im Ernstfall wäre so eine Warnung sehr hilfreich.

Aber kennen die Leute überhaupt noch das Warn-Signal für Hochwasser - das fünfmal schnelle Heulen im Takt? Das darf bezweifelt werden. In den ersten Amtsblättern haben die Kommunen bereits angefangen, über die Bedeutung der drei möglichen Sirenen-Signale zu informieren. Ein Ton über zwölf Sekunden ist die Signalprobe, die im Landkreis Görlitz einmal im Monat mittwochs um 15 Uhr ertönt. Drei Töne bedeutet Feueralarm.

Und das fünfmal schnelle Heulen im Takt ertönt als Warnung vor einer Gefahr. Die Leute werden damit aufgefordert, Radio und Fernsehen einzuschalten und auf Durchsagen zu achten oder sich im Internet zu informieren.

Update, 17. November 2021, 13.30 Uhr: In einer früheren Version des Artikels hatten wir geschrieben, dass es in Zittau keine Sirenen mehr gibt. Das trifft aber nur auf die Kernstadt zu. In den Ortsteilen gibt es insgesamt 13 Sirenen. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.