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Vor einem Jahr unterm Weihnachtsbaum geboren

Die SZ besuchte ein Jahr danach Neujahrsbaby und Familie in Zittau. Wieder hängt der Baum von der Decke. Und geheimnisvolle Dinge passieren im Haus.

Von Holger Gutte
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Diana Holdorf kann mit ihren Kindern (von rechts) Hans-Egard, Gerda und Edgar unterm Weihnachtsbaum liegen. Hans-Egard wurde sogar am 1. Januar 2021 unterm Tannenbaum in der Wohnstube geboren.
Diana Holdorf kann mit ihren Kindern (von rechts) Hans-Egard, Gerda und Edgar unterm Weihnachtsbaum liegen. Hans-Egard wurde sogar am 1. Januar 2021 unterm Tannenbaum in der Wohnstube geboren. © Matthias Weber/photoweber.de

Wer kann schon von sich behaupten, unter einem Weihnachtsbaum geboren worden zu sein. Der kleine elf Monate alte Hans-Egard kann das. Am 1. Januar 2021 kam er in Zittau im Elternhaus auf die Welt. Und das haben seine Eltern Diana Holdorf und ihr Lebenspartner Sebastian Moll genau so für ihr drittes Kind geplant. "Ich hatte eine richtig schöne Schwangerschaft", sagt Diana Holdorf. Über die gesamte Zeit hinweg ist sie dabei von Hebamme Manuela Otto betreut worden.

Für die Hausgeburt hatten Diana Holdorf und Sebastian Moll damals in der Wohnstube Tisch und Stühle beiseite gestellt und Decken auf den Fußboden gelegt. Nur der Tannenbaum blieb etwa eine Armlänge vom ausgewählten Geburtsplatz entfernt stehen - oder besser hängen. Denn bei der Familie hängt der Baum von der Decke herab. "Diese Idee habe ich mal in einer Fernseh-Reportage gesehen und fand das toll", sagt die 38-Jährige. Denn so können die Geschenke direkt unterm Baum liegen.

Diana Holdorf mit Baby Hans-Egard. Er ist im Elternhaus in der Wohnstube als erstes Neujahrsbaby am 1. Januar 2021 um 9.52 Uhr in Zittau unterm Tannenbaum auf die Welt gekommen.
Diana Holdorf mit Baby Hans-Egard. Er ist im Elternhaus in der Wohnstube als erstes Neujahrsbaby am 1. Januar 2021 um 9.52 Uhr in Zittau unterm Tannenbaum auf die Welt gekommen. ©  Rafael Sampedro/foto-sampedro.de

Das erste Neujahrsbaby 2021

Auch in diesem Jahr ist das so. Die Angelschnur, an der der Baum von der Decke hängt, ist kaum zu sehen. Man könnte meinen, der Baum schwebt in der Stube. Und manchmal tut er das auch, wenn eines der drei Kinder ihm zu nahe kommt. Für Hans-Egard ist der hängende Baum sogar eine gute Übung, um Krabbeln zu lernen.

"Hans-Egard ist ein Po-Rutscher", erzählt Diana Holdorf. Er hält es nicht so mit auf allen Vieren krabbeln, wie seine beiden Geschwister in seinem Alter. Aber allmählich krabbelt er immer mehr. Denn wenn er jetzt unter dem Weihnachtsbaum hindurch will, klappt das mit dem Po-Rutschen nicht.

Gerade einmal neun Stunden und 52 Minuten war das Jahr 2021 alt, als Hans-Egard als erstes Baby im neuen Jahr im Altkreis Löbau-Zittau zur Welt kam. 3.620 Gramm wog er bei seiner Geburt und war 51 Zentimeter groß. Heute wiegt er zehn Kilogramm und ist flink von einer Ecke in die andere in der Wohnstube unterwegs. Er lacht viel und seine sechsjährige Schwester Gerda und sein vierjähriger Bruder Edgar spielen gern mit ihm.

Hans-Egards Augen leuchten, wenn er zum Weihnachtsbaum hinauf sieht. Zucker- und Zimt-Stangen hängen daran, Strohsterne, Schokolade, Holzspielzeug, getrocknete Orangenscheiben, Äpfel und selbst gebastelte Dinge von Gerda und Edgar. Ganz bewusst keine Kugeln oder Lametta. Die Eltern basteln viel mit ihren Kindern - und das kommt dann an den Baum.

Die untersten Äste bleiben leer

Vergeblich versucht Hans-Egard nach all den Sachen am Baum zu greifen. Aber er hat keine Chance. An den unteren Ästen hängt nichts, damit er es nicht verschlucken kann. Und am liebsten möchte er auch, wie seine Geschwister hinter den großen Sessel in der Stube schauen, der seit der Adventszeit für ihn den Weg zur Ecke versperrt. Seine Geschwister zieht es immer wieder dorthin.

Hinter dem Sessel beginnt das Reich der Drage Loml - das ist eine Wichteline, die beste Kontakte zum Weihnachtsmann hat und ihm die Wunschzettel bringt. Die Wichteline ist so klein, dass sie unter der Scheuerleiste an der Wand hindurchpasst und verschwinden kann. Niemand hat Drage Loml je gesehen. Und wer sie sieht, dem kann sie den Wunschzettel nicht erfüllen.

Die sechsjährige Gerda schmückt schon den Weihnachtsbaum. Ihre Brüder Hans-Egard und Edgar schauen zu.
Die sechsjährige Gerda schmückt schon den Weihnachtsbaum. Ihre Brüder Hans-Egard und Edgar schauen zu. © Matthias Weber/photoweber.de

Die Tradition, dass Wichtel zur Adventszeit ins Haus kommen und Unfug treiben, stammt aus Skandinavien und zieht immer mehr in deutsche Wohnstuben ein. Diana Holdorf hat sich aber erst nach dem zweiten Advent dazu entschieden, dass so ein Wichtel auch in ihrer Familie mehr Weihnachtszauber ins Haus und in die Kinderherzen bringt. Also hat sie sich die Geschichte von Drage Loml ausgedacht.

Der Wichtel hinterm Sessel

Sie las die Geschichte von der Wichteline den Kindern vor und die hörten, dass sie hingefallen war und erstmal herausfinden musste, wie sie heißt und deshalb erst mitten in der Adventszeit zu ihnen kam. Die Kinder glauben an die Wichteline.

Diana Holdorf lässt die Geschichte für sie lebendig werden. Sie bastelt kleine Dinge, die Drage Loml braucht, wenn sie bei ihnen hinter dem Sessel in der Stube Rast macht. In winziger Puppenstubengröße lässt Diana Holdorf aus kleinen Zweigen einen Sitzplatz und viele andere Dinge entstehen, die natürlich die Wichteline gebaut hat. Jeden Tag steht etwas Neues in der Ecke hinter dem großen Sessel. Mal ist es ein Holzstapel, mal ein Schlitten. Und an einem Tag waren die Wunschzettel von Gerda und Edgar weg. "Die hat sie dem Weihnachtsmann gebracht", sagt der Vierjährige. Damit der kleine Hans-Egard auch Geschenke bekommt, hat Edgar ebenfalls einen Wunschzettel für ihn gemalt.

Drage Loml ist immer noch da. Die Wichteline macht sogar einige Streiche mit den Kindern. Um das Wichtel nachzuweisen, haben Diana Holdorf und ihre Kinder Mehl an den Rand der Treppenstufen gestreut. Und siehe da, am nächsten Tag waren winzige Spuren im Mehl zu sehen. Einmal hatte sie sogar ihre Ski auf der Treppe vergessen und ein anderes Mal waren alle Frühstückstassen der Familie umgedreht. Die Kinder stellen ihr ab und zu Obst und ein Schälchen Wasser hin.

Heiligabend gibts Kartoffelsalat und Würstchen

An Heiligabend wird die Wichteline verschwinden. Dafür werden nach dem Mittagsschlaf die Geschenke unterm Weihnachtsbaum liegen. Es gibt selbst gebackene Plätzchen und abends Kartoffelsalat mit Wiener Würstchen. Diana Holdorf stammt aus Wurzen und verbindet die Tradition ihrer Familie mit der in der Oberlausitz. Deshalb gibt es auch Bratwurst. Aber nicht irgendeine, sondern eine selbstgemachte Schafsbratwurst. Denn die Familie hält sich Schafe.

Wenn Hans-Egard älter ist, wird er erfahren, dass er fast unter einem Weihnachtsbaum zur Welt kam. Von all dem haben auch Hans-Egards Schwester Gerda und sein Bruder Edgar nichts mitbekommen. Ein befreundetes Pärchen kümmerte sich damals für die Zeit der Geburt um die Kinder. Ihre Namen haben sich die Eltern übrigens aus einem Anagramm ausgedacht. Gerda, Edgar und Egard bestehen aus den gleichen Buchstaben.

Jetzt kümmert sie das aber wenig. Jetzt ist Weihnachten, die Zeit zum Basteln, Geschenke auspacken und mit den neuen Sachen zu Spielen. Vieles davon aus Holz haben die Eltern selbst gebaut.