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Beim nächsten Regen rutscht die Garage mit weg

Nach einem Regentag im Juli klafft an der Bachmauer an Karl-Heinz Pursches Grundstück in Hörnitz ein riesiges Loch. An seinem 80. Geburtstag musste er wieder Schlamm schippen.

Inge und Karl-Heinz Pursche wohnen am Bertdorfer Wasser in Hörnitz. Jetzt sind sie erneut nach den starken Regenfällen im Juli ein Hochwasseropfer geworden.
Inge und Karl-Heinz Pursche wohnen am Bertdorfer Wasser in Hörnitz. Jetzt sind sie erneut nach den starken Regenfällen im Juli ein Hochwasseropfer geworden. © Matthias Weber/photoweber.de

Inge und Karl-Heinz Pursche sind buchstäblich am Ende. Das Rentnerehepaar in Hörnitz lebt in ständiger Angst. "Ich kann nachts kaum noch schlafen", sagt die 76-Jährige. Und auch ihrem Mann geht es nicht viel anders. Sobald es mal wieder stärker regnet, machen sie sich Sorgen um ihr Hab und Gut.

Ihr Grundstück mit dem Häuschen in der Pestalozzistraße liegt direkt an der Berze - dem Bertsdorfer Wasser. Wie ein kleines Bächlein fließt es friedlich vorbei. Aber wie schnell sich das ändern kann und daraus ein gewaltiger Strom wird, der alles mitreißt, was ihm im Wege steht, haben sie schon so oft erleben müssen.

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Zuletzt erst wieder bei den starken Regenfällen am Wochenende vom 17. und 18. Juli 2021. Seitdem wissen Inge und Karl-Heinz Pursche nicht mehr weiter. Die Schäden, die das Hochwasser im Juli anrichtete, sind noch allgegenwärtig. Diesmal sind Keller und Erdgeschoss und die Garage nicht vollgelaufen, wie bei den Flutkatastrophen 2010 und 2013. "Diesmal hat es nur den Garten erwischt", schildert Inge Pursche. Und, was aber noch viel, viel schlimmer ist, die Bachmauer.

Ein riesiges Loch klafft darin jetzt auf Höhe ihres Grundstückes. Die Wassermassen haben die großen Steine einfach herausgerissen. Die liegen jetzt etwa 100 Meter weiter hinter der Brücke am Bachufer. "Wenigstens die neue Brücke haben sie nicht beschädigt", sagt Karl-Heinz Pursche. Dabei hat er eigentlich ganz andere Sorgen. "Ich habe Angst, dass jetzt die Standfestigkeit unserer Garage gefährdet ist", sagt er.

Ein Stück der Bachmauer am Grundstück der Familie Pursche in Hörnitz ist weggerissen. Nur wenige Meter neben der Hecke steht ihre Garage am Haus.
Ein Stück der Bachmauer am Grundstück der Familie Pursche in Hörnitz ist weggerissen. Nur wenige Meter neben der Hecke steht ihre Garage am Haus. © Matthias Weber/photoweber.de

Die ist nämlich ans Haus angebaut und steht ziemlich nah an der Bachmauer. "Hier muss schnell was passieren, sonst wird der Boden neben und unter der Garage unterspült und sie kippt oder senkt sich", erzählt er. Mit 80 Jahren und auch gesundheitlich ist Karl-Heinz Pursche aber nicht mehr in der Lage, so eine Mauer wieder aufzubauen. Die Familie hat zwar eine Elementarversicherung, aber die zahlt nur für die Schäden im und am Haus.

Pursches können sich gar nicht vorstellen, wie es ihnen ergangen wäre, wenn sie bei dem Hochwasser im Juli allein gewesen wären. Ihre Kinder und Enkel wohnen alle weit weg. Zum Glück waren sie diesmal aber alle da. Und das schon einen Tag zuvor am Freitag. Denn ausgerechnet am Sonnabend, als das Hochwasser kam, wollte Karl-Heinz Pursche seinen 80. Geburtstag feiern.

Gerettet, was zu retten ging

Statt ausgelassener Stimmung war für seine Gäste rings ums Haus Schlamm schaufeln und zu retten, was zu retten ging, angesagt. "Auch unsere Nachbarn haben uns geholfen", erzählt das Rentnerehepaar. Und dafür sind sie auch sehr dankbar.

Karl-Heinz Pursche zeigt beim Rundgang durch den Garten auf seine Kellerfenster-Abdeckungen. Die hat er sich extra nach den Flutkatastrophen als Hochwasserschutz anfertigen lassen. Sobald die Gefahr besteht, dass das Hochwasser über die hohe Bachmauer kommt, stellt er sie schnell davor und schraubt sie fest. Diesmal hat es geholfen. Nur ein paar Zentimeter Wasser hatte er im Juli im Keller. Und die Wasserpumpe steht hier für den Fall der Fälle immer bereit.

Mittlerweile haben Pursches die Gehwege wieder vom Dreck frei gespritzt und gekehrt. Traurig blickt Karl-Heinz Pursche in Richtung der Gemüsebeete. Alle sind leer. Die Erdbeer-, Tomaten- und Gurkenpflanzen hatte er herausreißen müssen und zu einem Haufen am Zaun zur Straße zusammengelegt. Die Gemeinde hat später alles vom Bauhof abholen lassen. Der Bürgermeister sei auch gleich dagewesen und hat sich nach den Schäden erkundigt, erzählt er.

Nun hoffen Pursches auch auf Hilfe vom Landkreis und der Gemeinde Bertsdorf-Hörnitz. Mitarbeiter der Unteren Wasserbehörde haben sich schon den Schaden an der Bachmauer bei Pursches Grundstück angesehen.

Die Untere Wasserbehörde des Landkreises hat den Schaden an der Bachmauer bei Pursches dokumentiert. "Eine akute Gefährdung der Garage war nicht zu erkennen", berichtet die Leiterin vom Büro des Landrates, Susanne Lehmann, nach Rücksprache mit der zuständigen Abteilung. Die Ufermauer befindet sich an einem Prallhang. So werden die Ufer genannt, die im Außenbereich einer Gewässerkrümmung liegen und durch Strömungen, vor allem bei Hochwasser, stark beansprucht werden, heißt es.

Zunächst soll der geschädigte Bereich notgesichert werden, um einer fortschreitenden Schädigung bei weiteren starken Regenfällen entgegenzuwirken und eine Gefährdung der Gebäude und der Garage auszuschließen. Da sich unmittelbar bei der Brücke an der Pestalozzistraße im Bachbett ein großer Kolk gebildet hat, muss auch die Gewässersohle gesichert werden. Damit will die Fachbehörde ein Abrutschen der Ufermauern und eine Vergrößerung der Schadensbereiche verhindern. Die Sicherung des Gewässerbettes ist in der Regel eine Aufgabe der Gemeinde, so Susanne Lehmann.

"In einem zweiten Schritt ist eine dauerhafte Sicherung des Prallbereiches zu realisieren", schildert sie. Auch die Sicherung von Prallbereichen liegt in der Regel bis zu einer bestimmten Höhe beim sogenannten "Unterhaltungslastträger des Gewässers", also der Gemeinde, fügt sie hinzu. Dieser ist für die Sicherung des Wasser- und Hochwasserabflusses verantwortlich. Einen Anspruch auf eine Ufersicherung für eine optimale Grundstücksausnutzung haben Pursches aber nicht.

Die Gemeinde hofft auf Fördermittel für eine Notsicherung

Bei früheren Hochwassern sind Förderrichtlinien zur anteiligen Refinanzierung der Kosten für das Beseitigen der Schäden erlassen worden. Dazu müssen die Schadenslagen von überregionaler Bedeutung sein. Ob aus der Serie der Unwetterereignisse im Juli 2021 eine regionale oder nationale Förderkulisse zur Beseitigung von Hochwasserschäden folgt, kann der Landkreis zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten.

Aktuell läuft in mehreren sächsischen Landkreisen die Erfassung zur Erstschadensmeldung von Schäden aus den Unwettern vom Juli 2021. Der geschädigte Uferbereich an der Pestalozzistraße wurde durch die Gemeinde gemeldet und ist in der Datenbank des Freistaates erfasst.

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Günther Ohmann, der Bürgermeister von Bertsdorf-Hörnitz hofft auf eine ähnliche Fördermittelzusage wie bei den Flutschäden von 2010, wo der Freistatt 90 Prozent der Kosten übernahm. Denn am besagten Juli-Wochenende gab es im Ort mehrere Schäden entlang des Dorfbaches. Um die zu beseitigen, werden die Kosten auf 2,1 Millionen Euro geschätzt. "Auch, wenn noch nicht klar ist, wer anteilmäßig welche Kosten übernimmt, muss die Mauer bei Familie Pursche jetzt so schnell wie möglich notgesichert werden, sagt der Bürgermeister. Er wartet täglich auf das Kostenangebot einer Firma.

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